Kulinarische Sehnsuchtsorte

schlaraffenlandStevan Paul: Schlaraffenland. Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe. Hamburg 2012

Die Geschichten von Stevan Paul kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Weil sie so fein beobachtet sind, so warmherzig und nachdenklich, melancholisch bisweilen, oft frech, ein wenig surreal und immer wieder einfach tröstlich. Und weil es zu jeder Geschichte das passende Rezept gibt. Denn der Autor kocht auch. Oder: Der Koch schreibt. Was für ein Glück! Herausgekommen ist ein Gedicht für Herz und Magen – und fürs Auge gleich noch dazu. Allein dieser grau schraffierte Einband, der an die dünnen Hartfaser-Frühstücksbrettchen erinnert, die es vor Jahrzehnten schon gab und jetzt wieder… wunderbar!

Dazu passen die Geschichten von Orten und Menschen, die ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Wie der Oberkellner Adam, der seinen Beruf liebt. Wenn nur die Gäste nicht wären… Oder der alte Reto Gamper, der erst „Dienstschluss“ hat, als die Abrissbirne des Baggers gegen die Mauer des längst geschlossenen Berghotels kracht. Wie Herta Klöpke, die noch ein letztes Mal groß aufkocht, bevor die Kantine des Ost-Kaufhauses einem Schlemmerparadies mit Hummer-Stand und Champagner-Bar weichen muss. Wie der magenkranke Restaurantkritiker, der auf der Liste der Tierschützer spontan für ein weltweites Verbot von Gänsestopfleber unterschreibt, „denn er erfuhr ja allabendlich die Qualen der Gänsestopfleber-Zwangsverfütterung am eigenen Leib“. Oder der Foodblogger, der beinahe mal gewöhnliches Hackfleisch im Supermarkt eingekauft hätte, weil seine Frau außerhalb der Öffnungszeiten des Bio-Schlachters Lust auf Spaghetti Bolognese hatte. „Das ist ja ekelhaft“, findet sein allzeit ökologisch korrekter Nachbar. „Nein, Liebe. Es war Liebe, Robert.“

Ein ganz eigener Humor zieht sich durch die Erzählungen, die immer wieder überraschende Wendungen nehmen. Vieles ist nicht, was es zu sein scheint. Erinnerungen überlappen die Gegenwart und Gedanken die Taten, bis man nicht mehr sicher sagen kann, wo das eine beginnt und das andere aufhört. Die 15 Schlaraffenländer, in die die Reise führt, sind weiß Gott nicht alle märchenhaft. Und mancher kulinarische Sehnsuchtsort so unerreichbar wie das Ursprünglich-Einfache und zugleich Einzigartig-Besondere, dem die beiden Freunde auf ihrer letzten Tour im alten VW-Bus durch Italien hinterherjagen wie der Teufel der armen Seele, bevor unwiderruflich der Ernst des Lebens beginnen soll. „Unglaublich oder, zwölf ganze Trüffel. Für 100 Euro?“ – „Tri Tra Truffola“: Den Trüffelhändler und die Alten auf der Bank vor der Dorfkirche darf man sich wahrscheinlich wie das mediterrane Gegenstück zu den tiefenentspannten Nordlichtern in der Flens-Werbung vorstellen. Nein, es ist nicht alles Schlaraffenland, aber die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die entfaltet sich am Ende doch.

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