Hamburg von A bis Z

Ich habe gerade eine neue Fahrradtour entwickelt: „Hamburg von A bis Z“. Nein, nicht „Von Altona bis Zollenspieker“. Die gibt es ja schon, als Teil des Elberadwegs. Sondern „Vom Aalheitengraben zum Zypressenweg“. Kennen Sie nicht? Macht nichts. Ich bis vor wenigen Tagen auch nicht. Der Aalheitengraben ist die Nummer eins im Hamburger Straßenverzeichnis. Von dort will ich ganz ans Ende, zum Zypressenweg. Nicht möglichst schnell, sondern möglichst schön. Ein Blick auf die Karte zeigt: Hamburg hat große Weisheit walten lassen bei der Vergabe zumindest einiger seiner Straßennamen. „A“ liegt weit im Norden, in Volksdorf. „Z“ ist eine Parallelstraße zur Elbchaussee im Südwesten. Und das Beste: Dazwischen erstreckt sich ein fast durchgehender Gürtel aus Grün und Blau!

Der Aalheitengraben verbirgt sich so idyllisch inmitten kleiner Waldstückchen, dass ich mich schon auf dem kurzen Weg von der U-Bahnstation Buchenkamp zum Ausgangspunkt meiner Tour das erste Mal verfahre. Macht nichts. Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis. Von der kleinen Wohnstraße geht die Reise nach Westen durch den Pastorenstieg und die Volksdorfer Teichwiesen, dann Richtung Süden zwischen Wald und Berner Au hindurch, die hier noch ein rechtes Auchen ist. Anschließend über die Saselheide, vorbei an Kleingärten  und durch den Berner Wald. So viel Raum, die eigene Ortskenntnis zu verbessern! Ich muss – nicht zum ersten Mal – an unseren spanischen Reitführer Joaquim denken, der mir vor Jahren auf einem Wanderritt durch die Ausläufer der Pyrenäen sagte: „Das Vergnügen besteht darin, ein Stück vom Weg abzukommen.“ Das war an dem Tag, als wir unser Nachtquartier erst weit nach Einbruch der Dunkelheit erreichten. Aber das ist eine andere Geschichte. Und zwischen Volksdorf und Berne geht man vielleicht auch weniger leicht verloren als in den Pyrenäen.

Also: Augen auf und die Au wiederfinden, die inzwischen zu einem Flüsschen angewachsen ist. Spätestens ab hier kann man die Karte getrost für eine Weile zusammenfalten und einfach mitfließen: mit der Berner Au bis zum Kupferteich, dann immer an der Wandse lang, ab und zu mal eine viel befahrene Straße überqueren, den Sonnenanbetern am Flussufer zuschauen und dabei, wie die Umgebung allmählich städtischer wird. Noch ein Stück dem Kanal folgen, und schon ist die Außenalster erreicht. Zeit für eine Kaffeepause und einen Blick in die Karte. Ich entscheide mich für einen Rundbogen durch Planten un Blomen (Achtung: Fahrrad schieben oder alternativ die Straße zwischen Kongresszentrum und Fernbahn benutzen!) und den Schanzenpark, überquere den Kiez (eher bunt als grün) und folge schließlich einer Perlenkette kleinerer Parks bis hinunter zum Fischmarkt. Dort rechts ab und immer an der Elbe  entlang: Cruise Center, Dockland und Museumshafen passieren, am Strand ein Fischbrötchen essen und Richtung Nordsee schauen, gemütlich an den alten Kapitäns- und Lotsenhäuschen in Övelgönne vorbeischieben und dabei weiter in die Weite blicken. (Das Hinweisschild des Bezirksamts Altona „Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten“ erfreut mich immer wieder.)

Gleich anschließend fällt weich das Licht der Spätnachmittagssonne auf den „Alten Schweden“. Deutschlands ältester Findling leistet auch als Wegmarkierung hervorragende Dienste: Jetzt nur noch eben den Elbhang hinauf (puh, ist das steil!), die Elbchaussee queren, in den Halbmondsweg hinein und gleich wieder links abbiegen. Das Ziel ist erreicht! Noch so eine schöne Wohnstraße mit hohen Hecken und Bäumen. Hierher komme ich bestimmt noch mal, wenn der Rhododendron blüht…

Versuch einer Bilanz: Manchmal mochte ich kaum glauben, dass ich mitten in einer Großstadt unterwegs war. Fünfeinhalb Stunden dauerte die Reise von „A“ bis „Z“. Das wäre schneller gegangen, keine Frage, aber ich war schließlich nicht auf der Flucht. Knapp 37 Kilometer zeigte der Tageszähler meines Fahrrads an. Ein paar davon fallen in die Rubrik „Erweiterung der Ortskenntnis“. Andererseits kommen auch ein paar hinzu – für die Fahrt von der U-Bahnstation Buchenkamp zum Aalheitengraben und vom Zypressenweg zum S-Bahnhof Othmarschen. Die 37 gehen am Ende also wohl in Ordnung. Natürlich lässt sich die Tour auch andersherum fahren. Weil man an dem Tag so auf mehr Rückenwind hofft zum Beispiel. Oder um gemütlich den Hang zur Elbe runterzurollen statt am Ende der Tour hinaufzuschnaufen. Oder um Fahrtrichtung und Fahrradkarte vor sich auf dem Lenker in Deckung zu bringen. Ein unschätzbarer Vorteil, wie ich finde. Auf der anderen Seite: Hamburg Marketing wird nicht begeistert sein. „Hamburg von Z bis A“ – wie hört sich das denn an?

Hier noch ein paar visuelle Eindrücke:

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