Die Kraft der Stille

Ein Gespräch mit Harriet Oerkwitz

Harriet Oerkwitz (33) lebt in Hamburg und in Klein Jasedow unweit der Insel Usedom.  Sie ist mit Leib und Seele Musikerin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie vor allem als Werbetexterin. Sie läuft Marathon, wandert und reist. Vor ein paar Jahren gründete sie das Online-Magazin „Konzert der Stille“. „Stille“, sagt Harriet, „ist der Urgrund unseres Seins“. Das Erste, was mir an ihr auffiel und meine Neugier weckte, war ein großes „Sowohl als auch“: Zart wirkt diese junge Frau und dabei selbstbewusst, rational und zugleich spirituell. Sie selbst hat das Wort Ambivalenz erst vor ein paar Wochen für sich entdeckt. Bisher hatte sie Spannungsfeld dazu gesagt, aber das war eben auch spannungsgeladen. Jetzt hat das Kind einen anderen Namen bekommen – und eine eigene Improvisation auf dem Klavier: „Ambivalencia“. „Ich habe am Flügel gesessen, und es hat mich geschaudert, wie schön es ist, dass man das sagen kann und sich dafür nicht verstecken und es auch nicht versöhnen muss.“

_MG_7257-2 kleinFrühe Stille

Stille ist eine Komponente in meinem Leben, die immer schon da war, auch als ich sie noch nicht so in meiner Aufmerksamkeit hatte. Mit vier, fünf, sechs Jahren habe ich viel auf der Schaukel in Nachbars Garten gesessen, habe mich rausgezogen bei uns zu Hause, bin meiner eigenen Stille gefolgt und habe gesungen. Ich denke, das hat viel mit der Scheidung meiner Eltern zu tun. In der Zeit wurde wenig gesprochen, und ich machte mir meine eigenen Gedanken. Meiner Mutter ging es nicht so gut. Ich kümmerte mich um meine kleine Schwester und habe mich wohl auch ein bisschen erholt in diesen stillen Phasen auf der Schaukel. Ich habe auch schon früh Musik gemacht und selber Gedichte geschrieben und schnell entdeckt, dass es gut ist, vorher in die Stille zu gehen. Dass man nicht so drauflos schreibt, sondern besser zuerst ins Lauschen geht. Das habe ich schon früh erkannt. Natürlich nicht so bewusst. Jetzt in der Reflexion merke ich: Das hast du eigentlich schon immer gemacht. Du hast viel geschwiegen. Mit 17, 18 hatte ich zum Beispiel einen ganz tollen Freund. Der konnte so würdevoll schweigen. Am Wochenende sind wir häufig mit seinem Auto durch Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Wir haben bei offenem Fenster Musik gehört und zusammen geschwiegen. Da waren diese goldenen Felder, der Mais, die Birken, dieser Duft, der Sommer, den ich schmecken konnte, riechen konnte, hören konnte. Ja, Stille ist mir sehr wichtig und definitiv etwas Vertrautes. Ich betone das so, weil ich ganz häufig Menschen begegne, die sagen: Wie jetzt – Stille? Da hätte ich aber Angst!

Allein, gemeinsam, einsam

Ich kann tagelang für mich sein und Freitagabend den ersten offiziellen Termin haben und das erste Wort sprechen. Das gelingt mir ohne besondere Anstrengung, ein ganz selbstverständliches Alleinsein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft. Mit 18, 19 habe ich in meine Bewerbungen geschrieben: „Ich liebe die Stille, ich bin gern allein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft.“ Ich gehe auch allein auf Reisen. Vor ein paar Jahren war ich in Nepal auf dem Mount Everest, bis auf 4.200 Meter Höhe. Da war noch mein Sherpa, aber der lief zwei, drei Kilometer vor oder hinter mir. Und dann gibt es Phasen, da bin ich nicht gern allein. Wie in diesem Frühling. In diesem Frühling hätte ich mir gewünscht, einen Partner zu haben. Oder bin bewusst abends zum Fußballgucken rausgegangen in die Kneipen und habe mich mitten hineingesetzt. Oder ich laufe im Stadtpark zu Zeiten, wo auch andere dort laufen, und nicht morgens um sechs, wo ich weiß, ich bin allein. Schaukeln gehe ich übrigens immer noch gern, allein und mit anderen.

Orte der Stille

Im Stadtpark gibt es ein kleines Séparée mit einer Statue der Jagdgöttin Diana. Das ist mein Kraftort in Hamburg. Wenn es mir mal nicht gut geht, laufe ich morgens gezielt dort vorbei und hole ein bisschen Luft. Dann ist da die Zeit, die ich in Klein Jasedow mit meinem Aufbaustudium Musiktherapie verbringe, im Schnitt alle fünf, sechs Wochen eine Woche. Da bin ich in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Musikern. Die Akademie der Heilenden Künste ist in dem kleinen Dorf verankert, sie liegt direkt am See, umringt von Feldern und Wald. Da ist es sehr still. Es gibt schlechten Handyempfang. Das heißt, ich muss vorher wirklich alles abgearbeitet haben und den Schreibtisch relativ entspannt verlassen. Auch meine Wohnung ist ein stiller Ort, abgesehen von ein paar Nachbarn. Ich habe zwar einen Fernseher, aber den schalte ich ganz gezielt ein. Ein Radio habe ich gar nicht. Für eine Musikerin ist das wahrscheinlich merkwürdig, aber ich höre nicht mehr so entspannt zu, seit ich mal beim Radio gearbeitet habe. Seither höre ich jeden falschen Schnitt, jede falsche Tastatur, jede falsche Blende.

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Stille und Resonanz

Es gibt viele Brücken und Tricks, um in einen kreativen Flow zu kommen, egal ob bei der musikalischen Improvisation oder beim Schreiben. Aber das, was mir am meisten hilft, ist immer noch die absolute Stille, die Rückbesinnung. Ich bleibe so lange vor dem Klavier sitzen und lausche, bis etwas gesagt werden will. Ich sitze auf dem Hocker und nehme Kontakt auf. Und bei jedem Anschlag bekomme ich eine Antwort, bekomme ich eine Resonanz. Manchmal stellt sich der Kontakt nicht ein. Dann klappe ich den Deckel wieder zu. Wenn ich merke, dass es körperlich Kraft kostet zu üben. Das ist so, als wenn du joggen gehst und feststellst, das ist mir zu anstrengend heute, jetzt höre ich lieber wieder auf. Auch wenn ich mit einem Menschen im Gespräch bin und merke, da ist kein heißer Draht, müssen wir das Gespräch nicht weiterführen. Ich gehe dann aus dem Gespräch und versuche in möglichst klarer Haltung zu sagen, warum es nicht geht. Es tut uns allen gut, in dieser Wahrheit zu sein. Und es ist auch nur eine Momentaufnahme. Das heißt ja nicht, dass ich zehn Minuten später nicht viel besser mit einer bestimmten Stimmung oder einer bestimmten Spiegelung oder Geste umgehen kann. Oder besser: anders. Ich will das gar nicht bewerten. Anders in Resonanz komme. Ich bin natürlich manchmal mit einem Kunden im Gespräch und weiß, ich möchte dieses Gespräch nicht führen, aber es scheint jetzt einfach sinnvoll zu sein, dem anderen zuzuhören, auch wenn er sich gerade bei mir ablädt. Aber es ist mir wichtig, das zumindest zu bemerken und zu reflektieren. Man muss sich selbst gut kennen, sich schon gut zugehört haben, um anderen zuhören zu können, ob das nun ein Baum ist, ein Klavier oder ein anderer Mensch. Da mache ich keinen Unterschied.

Aufmerksamkeit und Stille

Ich wünsche mir Frieden. Frieden in mir und Frieden miteinander. Dazu braucht es Aufmerksamkeit. Ich glaube, Aufmerksamkeit ist, eine Sekunde für sich zu sein, bevor man aus der Haustür geht, bevor man sich anderen Menschen zeigt. Selbstpflege zu betreiben und zu gucken: Kann ich so gehen, bin ich im Frieden? Und wenn ich es nicht bin, noch einmal tief Luft zu holen und zumindest wahrzunehmen: Es geht mir heute nicht so gut, aber ich muss rausgehen, weil ich das und das erledigen muss, was auch immer. Wenn ich mir dessen bewusst bin, schaffe ich eine Haltung und gehe verantwortungsbewusst in Beziehungen. Viele wirtschaftliche, soziale, politische Entscheidungen würden aus dieser Haltung heraus anders getroffen werden.

Facetten der Stille

Wirkliche Klarheit darüber, was Stille für mich bedeutet, habe ich vor drei Jahren aus einer privaten Situation heraus gefunden. Mein bisheriges Leben war von heute auf morgen komplett zusammengebrochen. Ich fühlte eine unglaubliche Erschöpfung, eine unglaubliche Traurigkeit auch. Ich rief alte Freunde an und fragte sie: Was hat mir Freude gemacht? Wie war ich mit mir? Was hat mich ausgemacht, bevor ich nach Hamburg ging? Und ich spürte selbst nach: Was ist das Fundament all der Dinge, die mir Spaß machen? Woher hole ich meine Kraft, meine Energie? Dabei kam ich immer wieder auf die Stille. Auf die Ruhe, den leiblichen Aspekt der Stille, den ich als Sportlerin entdeckte. Auf das Schweigen, mit dem ich als Texterin Kontakt hatte. Und auf die Pausen, die ich als Musikerin so gerne aufsuchte. Das kam wie eine Sehnsucht auf mich zu, gerade weil ich ein kleiner Workaholic bin und oft über meine Grenzen gegangen bin. Ich war mit 25 Jahren Managerin für PR und Werbung eines 5-Sterne-Hotels, bin schon immer zielstrebig auf bestimmte Extreme zugegangen, bin bis heute viel unterwegs und in Bewegung. Ich begriff: Um mich gesund zu halten, muss ich mein Schweigen verstehen, muss ich meine leibliche Ruhe verstehen und aushalten können, muss ich Pausen machen.

Konzert der Stille

Festzustellen, da gibt es etwas Gemeinsames, das vielleicht eine Art Lebenselixier sein kann, diese Erfahrung zu machen und zu sagen: Ich kann das jetzt benennen, es stärkt mich und ich komme wieder in Resonanz, das brauchte Raum und Ausdruck. Das wollte ich nicht für mich behalten. Aus diesem Prozess entstand nach und nach das Online-Magazin „Konzert der Stille“. Dort schreibe ich über das Leben, Arbeiten und Heilen mit Musik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Spiritualität und immer wieder über Stille. Ich wurde mal hier und mal da eingeladen und gefragt: Kannst du uns sagen, was du da machst? Kannst du mal ein „Konzert der Stille“ mit uns machen? Ein „Essen in Stille“? Also machte ich mir Gedanken darüber, wie ich so einen Abend gestalte. Manche Menschen kommen mit vielen Fragen. Wir haben ja nicht so viel Stille in unserer Gesellschaft. Da muss geklärt werden: Was bedeutet Stille für dich? Und was bedeutet sie für dich? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Und wie klingt deine Stille? So einen Austausch finde ich unglaublich spannend. Man begegnet sich als Mensch so nah bei diesem Thema. Das „Konzert der Stille“ ist ein Herzprojekt. Ich verstehe es als ein Geschenk an die Welt. Als Onlineplattform kann es sich nicht erschöpfen, weil Stille in so vielen Zusammenhängen spannend ist: in pädagogischen, künstlerischen, therapeutischen, politischen, zwischenmenschlichen. Ich wünsche mir, dass das „Konzert der Stille“ noch viel mehr zum Marktplatz wird und alle dort schreiben, was sie mit Stille erfahren.

Haus der Stille

Schön wäre es auch, ein „Haus der Stille“ zu haben, wo ich therapeutisch-künstlerisch arbeiten und auch anderen eine Plattform für ihre Seminare, Workshops, ihre Arbeit geben kann. Ich weiß, dass ich das unter den altbewährten Regeln der Betriebswirtschaft wahrscheinlich nicht hinkriege. Aber ich weiß auch, dass die Gesellschaft sich gerade für alternative Möglichkeiten öffnet. Ich will so ein Haus auch gar nicht besitzen und Schlüsselwart sein, sondern einen Ort haben, den ich mit beleben kann. Viele Dinge machen keinen Sinn, wenn man sie nicht teilt.

Fotos: Heike Rössing

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4 Kommentare zu “Die Kraft der Stille

  1. Liebe Maren, habe herzlichen Dank für dieses fein eingefangene Gespräch über die Stille. Ich fühle mich gesehen und wertgeschätzt und freue mich auf unsere nächste Begegnung. Harriet

  2. Ein spannender Artikel. Danke schön, denn so habe ich über Harriet viel erfahren dürfen. Mein Kontakt zu Harriet, der von ihr initiiert worden ist, erfolgte über meine Kunst und die Frage, wie ich die Stlle als Kraft für mich entdeckte. Alles Liebe. Kirsten Kohrt

  3. Liebe Harriet,
    auch ich danke dir für deine Offenheit und Ehrlichkeit, deinen Gefühlen Raum und Stille in diesem Interview zu geben. Super gelungen. Wünsche dir Kraft, Mut und Geduld für das Jetzt. Alles Liebe, Elke De Macq

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