Klein und groß

Slinkachu: Kleine Leute in der großen Stadt. Hamburg 2009

P1020830Es gibt Kleine. Und Große. Und Mittlere. Kirchen und  Windräder ebenso wie Menschen. Das hängt auch davon ab, wo man selbst gerade steht. Winzig und wie verloren im Schatten riesiger Windkrafträder mutet Altenwerders St. Gertrud an, wenn man sich von der A 7 nähert. So ähnlich muss sich auch das hoffnungslos verfranste junge Paar aus Amsterdam gefühlt haben, dem ich neulich im Niemandsland am Deich begegnete. Außer der Kirche ist von dem einstigen Elbinseldorf schon lange nichts mehr übrig. Die letzten Bewohner wichen Ende der 90er Jahre der Hafenerweiterung in Hamburgs Süden. Lagerhallen und Container bestimmen seither das Bild in Altenwerder.

P1020803Kaum hat man andererseits den von hohen Bäumen gesäumten Kirchhof betreten, scheint nicht nur Ruhe einzukehren, sondern verkehren sich zugleich auch die Proportionen: Die eben noch gigantischen Windräder schrumpfen auf Westentaschenformat und überlassen St. Gertrud das Feld. Die wiederum hält sich trotz ihres plötzlichen Wachstums bescheiden im Hintergrund, während der Besucher zwischen Gräbern umherstreift und über die Relativität allen Daseins oder andere bedeutsame Dinge nachsinnen mag.

Um Relationen und Perspektivwechsel geht es auch in einem meiner Lieblingsbücher: „Kleine Leute in der großen Stadt“. Seit ein paar Jahren schon setzt der britische Straßenkünstler Slinkachu Plastikfiguren in der Großstadt aus und bewahrt die Winzlinge zugleich vor Vergänglichkeit und Übersehenwerden, indem er sie in ihrem überdimensionierten Umfeld fotografiert. Da wird eine Pfütze zum See, und eine Hummel mutiert zum slinkachu_kleineleute_grGroßwild, das es durch einen gezielten Schuss aus dem Miniatur-Gewehr zu erlegen gilt. Da dient eine achtlos fortgeworfene Zigarettenschachtel einem Paar aus Liliput als Unterschlupf, und ein Riss im Asphalt wird zum Steinbruch. Das Buch eröffnet faszinierende neue, oft witzige, gelegentlich makabre Blicke auf Altbekanntes. Und transportiert zugleich viel von der Verlorenheit, die auch Menschen in der großen Stadt gelegentlich überkommen kann, obwohl der Maßstab von Gebäuden und Straßen für sie ja eigentlich passen sollte.

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