Leipziger Allerlei

P1010803Spontan und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zehn Eindrücke vom Besuch der Leipziger Buchmesse 2014, die mir in Erinnerung bleiben werden:

P1010913Dass die Nikolaikirche, von der Ende der 1980er Jahre die Montagsdemonstrationen ihren Ausgang nahmen, immer noch voller Leben ist. In diesem Fall voller Schüler, die gebannt Hanna Schotts „Wendewundergeschichte“ von Fritzi folgten, die damals dabei war.

P1010945Überhaupt die Schönheit andächtig lauschender Menschen.

P1010995Eine kurze Begegnung mit Navid Kermani. Das war ein Muss, nachdem ich Birgits wunderbar persönliche Besprechung seines Romans „Große Liebe“ auf Sätze&Schätze gelesen (eigentlich eher: verschlungen) hatte. Den Kermani (die „Große Liebe“ natürlich) habe ich nun auch verschlungen (an einem langen Abend zwischen zwei Messetagen). Da passt alles: Klug wirkt Kermani, sehr aufmerksam, warmherzig, dabei ein wenig distanziert, wie einer, der sich nicht leicht preisgibt. Ein „Madschnun“, ein Verrückter wie der große persische Liebende, ist ja bei aller Selbstvergessenheit auch der Junge in seinem Buch nicht.

P1010949Die sprühende Lebendigkeit von Feridun Zaimoglu. Auf meiner Leseliste ist sein Roman „Isabel“, eine Liebesgeschichte ganz anderer Art, allerdings nicht deswegen, sondern wegen Zaimoglus eher beiläufiger Bemerkung gelandet, er habe beim Schreiben 15 Kilo abgespeckt, um der mageren zornigen Isabel sprachlich gewachsen zu sein.

P1020002Die Lust, mit der sich die vielen Manga-Kids auf dem Messegelände selbst inszenierten.

P1010953Dass Saša Stanišić für seinen zweiten Roman „Vor dem Fest“ den Belletristik-Buchpreis gewonnen hat. Ich bin zwar noch ganz am Anfang, aber soviel kann ich jetzt schon sagen: Das Buch ist ein Fest!  Und der Autor sowas von sympathisch: sehr selbstbewusst und zugleich bodenständig-natürlich. Wahl-Hamburger noch dazu. Nicht dass das wichtig wäre, aber doch irgendwie nett. Das Foto zeigt übrigens den kleinen Neo, Minuten, bevor er die wahrscheinlich erste Widmung seines Lebens erhält, auf dem Arm seiner Mama, die bereits eifrig in dem Buch schmökert. Ich hoffe, dass der dritte Roman Stanišićs, eine Familiengeschichte, erscheinen wird, bevor Neo lesen gelernt hat.

P1010978Die Direktheit von Michael Ballhaus. Hat dieser großartige Kameramann, der leider seit ein paar Jahren nicht mehr arbeiten kann, weil die Augen zu schwach geworden sind, und den ich immer für den Inbegriff eines Gentleman gehalten habe, wirklich gesagt, dass Jack Nicholson sich bei den Dreharbeiten zu XYZ wie eine Sau aufgeführt hat? Ein Grund mehr, Ballhaus‘ Biografie „Bilder im Kopf“ zu lesen.

P1010840Der Buchtitel „Der Allesforscher“. Für einen neugierigen Menschen die Verheißung schlechthin. Ein Wort so schön wie „Universalgelehrter“. Der Titel war übrigens zuerst da. Aber was der Autor Heinrich Steinfest, der bisher vor allem Krimi-Lesern bekannt sein dürfte, im Gespräch mit Denis Scheck („Druckfrisch“) über den Inhalt verriet, hört sich auch gut an: ein explodierender Wal, ein Manager, der in der Folge zum Bademeister implodiert, ein verwaistes Kind, das nicht spricht, aber sonst ungewöhnlich talentiert ist…

P1020094Die wahrscheinlich begabtesten Nachwuchskünstler der Stadt: die Buchkinder Leipzig, die an der Schwelle zum Schriftspracherwerb unter der Anleitung von Rulo Lange phantastische Bilderbücher gestalten, mit Texten, die weder alter noch neuer Rechtschreibung folgen sondern etwas ganz Eigenem, das man vielleicht Recht-Sprechung nennen könnte, wenn der Begriff nicht schon besetzt wäre. Jedenfalls liest man sich die Geschichten am besten laut vor um sie zu verstehen.

P1010927Last but not least: die Freundlichkeit der Menschen. „Geht nicht“ und „Gibt es nicht“ scheinen Wendungen zu sein, die im Sprachgebrauch eines durchschnittlichen Leipzigers nicht vorkommen. Wenn das ein Unternehmen wäre, würde ich sagen, die haben einen Chef, der darauf achtet, dass mit den Kunden ordentlich umgegangen wird. Aber wie macht das eine Stadt, dass man noch beim Einkauf eines Regenschirms den Eindruck hat, ganz besonders willkommen zu sein? Ganz zu schweigen von dem Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn einem noch schnell ein Stuhl in die eigentlich längst ausgebuchte Veranstaltung gerückt wird. Ist mir nicht nur einmal passiert. Danke, Leipzig!

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10 Kommentare zu “Leipziger Allerlei

  1. Danke für deine schönen Eindrücke, diese schöne Beschreibung und die wunderbaren Bilder! Nun ist auch ein wenig Leipziger Buchmesse hierhin gekommen 🙂

  2. PS: Gestern habe ich einen Artikel über die Ballhaus-Biografie gelesen – ich fürchte, um die komme ich auch nicht herum 🙂 Es scheint ein ganz besonderer, wunderbarer Mensch, ein „Gentleman“ (auch wenn er ab und an, wie Du schreibst, direkte Worte wählt) zu sein.

    • Ja, das ist ein ganz Großer – als Mensch und als Künstler. Den Beruf des Kameramanns (und nicht z.B. den des Schauspielers) hat Ballhaus, wie er in Leipzig erzählte, übrigens nicht zuletzt wegen der Messbarkeit der Qualität bei der Ausübung gewählt. Was ja wiederum auch Ausdruck persönlicher Bescheidenheit ist. Ich freue mich auch schon sehr auf die Lektüre seiner Biografie.

  3. Ich bin am „Nachholen“ und lese und sehe erst jetzt deine Messeeindrücke. Ein ganz, ganz schöner Bericht! Manches nur angerissen und doch so reich, wie immer wunderbare Fotos, interessante und manchmal auch sympathisch neben-sächliche Themen und dazu noch so furchtbar menschlich. (Hat dir eigentlich schon mal jemand die Gabe zugesprochen, in jemandem den Glauben an die Menschheit wieder wachzurufen?) Um die Begegnung mit Navid Kermani beneide ich dich. Das Duo Steinfest und Scheck hatte ich in Stuttgart schon mal erlebt und fand, obgleich beide witzreich und sympathisch, die Veranstaltung an sich nicht so gehaltvoll. Von Ballhaus weiß ich beschämend wenig, aber ich finde, allein schon seine äußere Erscheinung legt den Gentleman nahe. Und so viel mehr, was du uns zu sehen gibst.

    • Uiuiuih, bin ich froh, dass hier keine Webcam installiert ist und meine zinnoberroten Wangen in die Blogosphäre trägt! Ist ja peinlich, so ein fettes Lob! Und gleichzeitig richtig toll! Und darauf konzentriere ich mich jetzt einfach mal. Schon weil es so schön zu meinen Absichten als Bloggerin passt: den Blick (meinen und wenn es gut läuft auch den von anderen) auf interessante, schöne, staunenswerte, berührende… Menschen, Orte und Dinge zu richten. Die blöden und unerfreulichen, von denen es natürlich auch genügend gibt, erhalten hier einfach keinen Raum. Ob sich das förderlich auf die Liebe zu den Menschen auswirkt? Time will tell.
      P.S. Wundert mich übrigens nicht, dass dich das „furchtbar Menschliche“ anspricht. Auch auf deinem Blog menschelt es ja auf das Feinste, ob schwäbisch oder syrisch 🙂

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