Wüsten(ver)führer

Otl Aicher: Gehen in der Wüste. Frankfurt 2005 (TB)

Jürgen Werner: Wüstenwandern. Unterwegs am Rande der Unendlichkeit. Stuttgart 2005

Das ohnehin schon gefährlich spannende Blog Sätze&Schätze ist für mich jüngst noch um einiges gefährlicher geworden. Seit es seiner Betreiberin Birgit gefiel, die neue Kategorie Reiseliteratur ins Leben zu rufen, um genau zu sein. Und nun schickt sie ihre Leser auch noch in die Wüste. Ausgerechnet. Wie soll man denn da ruhig am Schreibtisch sitzen bleiben? Aber wer weiß, vielleicht soll man das ja gar nicht.

P1030322Zumindest in Gedanken nehme ich mir jetzt einfach eine Auszeit und blättere in zwei großformatigen Wüsten(ver)führern, auf die ich hier schon längst einmal hinweisen wollte. Vom Gehen in der Wüste erzählen beide, in wunderbar klugen Texten und mit Bildern, die einem die Tränen in die Augen steigen lassen, so schön sind sie. Ach, ich könnte schwärmen ohne Ende. Und Zitat an Zitat reihen:

P1030302„die wüste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen dünen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge. im gehen verändert sich die landschaft von bild zu bild. es verändert sich auch der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwürfe. so ist ein nicht eigentlich geschriebenes buch entstanden. es hat keinen anfang, kein ende, keinen roten faden. man mag deshalb auch nachsichtig sein einer typographie gegenüber, die verschlungen ist wie ein gang durch dünen.“

 

P1030314Der das schrieb, war Grafiker durch und durch: Otl Aicher (1922-1991), Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm und einer der bedeutendsten Kommunikationsdesigner des 20. Jahrhunderts. Den Wüstengänger Aicher zog es wiederholt in die Sahara, allein oder in Begleitung seines jüngsten Sohnes und eines befreundeten Architekten. Was von diesen Reisen blieb, ist nicht mehr und nicht weniger als ein grafisches Gesamtkunstwerk, das in der Tat dazu einlädt, es mäandernd zu genießen. Zu blättern, spontan dem Sog eines Bildes nachzugeben, ein paar Zeilen oder auch Seiten zu lesen, erneut und mit noch mehr Tiefe in die Bilder einzutauchen oder auch mal in eigene Gedanken und Erinnerungen, irgendwann weiterzublättern, um an anderer Stelle erneut zu verweilen.

P1030305Dem Sprach- und Kulturwissenschaftler Jürgen Werner folgt man am besten chronologisch durch sein ebenso praktisches wie spirituell-philosophisches Wüstenwanderbuch. Werner hat immer wieder Zeit mit und bei den Beduinen auf dem Sinai und im Süden Jordaniens verbracht, in deren Kultur ich selbst erst vor wenigen Monaten allererste zarte Einblicke gewann. Ein paar Bilder genügen, und sofort ist es zurück, dieses Gefühl von Stille und unendlicher Weite. Ah… bittersüßes Fernweh!

P1030295„Keine Wüste lädt uns zum Verweilen ein. Sie ist ein atemberaubend schöner, aber auch ein unwirtlicher Ort. Kein Platz, an dem man heimisch werden und sich niederlassen kann. Die Wüste ist ein Ort, den man durchquert. … In der Wüste sein heißt unterwegs sein, nicht nur in einer räumlichen, sondern auch einer seelischen Dimension. Wanderer in der Wüste sein heißt auch Wanderer zu sich selbst sein, das eigene Seelengepäck auf dem Rücken.“ Jürgen Werner empfiehlt Wüstenreisenden, sich eine Frage mitzunehmen, die beantwortet, ein Problem, das gelöst, eine Entscheidung, die getroffen werden will. Er weiß: „Entscheidungen, die du auf einem Wüstenweg triffst, können nicht falsch sein, denn sie kommen aus deinem tiefsten Inneren. Du musst nichts anderes tun, als die Empfehlungen der Wüste zu befolgen.“

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16 Kommentare zu “Wüsten(ver)führer

    • „Wüstennot“: Was für ein schönes Wort! Und so mehrdeutig. Selbst das Gefühl, schon viel zu lange nicht mehr in der Wüste gewesen zu sein, lässt sich damit bezeichnen. Aber das hat Gottfried Benn wohl eher nicht im Sinn gehabt. 😉

  1. Selber wüste Wüstenverführerin 🙂 Danke für den „pingpong“, aber vor allem für die zwei Buchvorstellungen. Von Otl Aicher wußte ich, aber ich habe es selbst nicht (was sich jetzt ändern wird). Und den Werner kannte ich noch gar nicht. Ach ja, wenn das so weiter geht, dann satteln wir bald die Kamele 🙂

  2. Wie schön, liebe Maren, dass Du uns vom Schreibtisch mit trübem Ausblick in den nieseligen grauen Regen in die Wüste entführst. Ach,jetzt in der Wüste wandern, in Weite, Stille und Einsamkeit – wie schön müsste das sein… Zur Schreibtischnot helfen aber auch erstmal Deine wunderbaren Buchvorstellungen, um die Pfantasie zu beflügeln.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, ich freue mich, dass sich für einen Augenblick weite Wüstenbilder vor deinen Niesel-Ausblick geschoben haben! Das finde ich ohnehin immer wieder richtig toll an der Blogosphäre: Wenn der Blick nach draußen partout nicht mitspielt, gibt es dort trotzdem noch so viele anregende An- und Einsichten. Gestern und heute mal wieder ganz besonders. ;-).

  3. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie ernsthaft daran gedacht, in die Wüste zu gehen. Die Beschreibungen, dass es sei, als würde man im eigenen Denken wandern, die Landschaft sich stetig verändern, kein Ort zum Bleiben sondern zum Erleben, das spricht mich allerdings sehr an. Das kann ich nachempfinden. Hab gerade ein klitzekleines Bisschen Fernweh nach Wüste verspürt.
    Danke.

    • Wenn das kein schönes Kompliment ist – danke sehr! Ich denke, beide Bücher eignen sich tatsächlich gut dafür herauszufinden, ob die Wüste wohl etwas für einen ist. Die Bilder sind betörend und die Texte kaum weniger, aber es wird auch deutlich, dass eine Wüstenwanderung kein Spaziergang ist. Herzliche Grüße!

  4. Liebe Maren, jetzt hast Du mir ja den Mund ganz schön wässrig gemacht, oder eher trocken? Ich kann mich jetzt gar nicht entscheiden, welches Buch ich interessanter finde. Bis auf einen kurzen Ausflug hinter die Hochhäuser von Dubai war ich noch nie in der Wüste. Das muss ich irgendwann nachholen. Lieben Gruß, Peggy

    • Liebe Peggy, passend zu deinem wässrig-trockenen Wüsten-Mund hier noch ein kleiner Auszug aus dem Buch von Otl Aicher, in dem es darum geht, die mitgeführten Wasservorräte klug einzuteilen: „jeder schluck ist eine entscheidung, soll man einen schluck mehr nehmen oder nicht. das herzhafte volle trinken gibt es nicht mehr. … wir haben verschiedene arten ausprobiert, mit kleinen schlucken diesen genuß wieder zurückzugewinnen, entweder, indem man perlend trinkt, das heißt, mit dem wasser etwas luft einsaugt, oder indem man das wasser lange im mund läßt. das schönste wäre, eine halbe feldflasche auf einmal austrinken, wild trinken, in vollen zügen, ohne künstliche mätzchen, blind, ohne kalkül und hemmungslos, so daß der schluckmechanismus kaum nachkommt.“ – So sehr viel weiter als „hinter die Hochhäuser von Dubai“ bin ich übrigens auch noch nicht gekommen. 😉 Liebe Grüße!

      • Das klingt sehr eindrucksvoll. Vor allem gefällt mir, dass das Extreme nicht beschönigt wird. Wer sich eine solche Reise zumutet, muss sich bewusst sein, worauf er sich einlässt. Lieben Gruß, Peggy

      • Ja, das gefällt mir auch sehr an den beiden Büchern, Peggy. Da wird nichts verklärt. Was der Schönheit dieses eigentlich lebensfeindlichen Raums keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. Man nähert sich ihm nur besser mit großem Respekt, gut vorbereitet und in dem Wissen, dass es ein Aufenthalt auf Zeit ist. LG

  5. Wie schön, auch hier auf Otl Aicher zu treffen. Das Buch hatte ich auch in meinem Blog im Frühjahr vorgestellt. Für mich war er ein ganz Grosser. Und wer sich für Küchen über das Kochen hinaus interessiert, dem sei sein Küchenbuch wärmstens empfohlen.
    Wochenendlichschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Hallo Herr Ärmel, wenn das keine kluge Blogger-Politik ist: Machst mir den Mund so richtig wässrig mit dem Hinweis auf Otl Aicher bei dir im Frühjahr – und auf der Suche danach mäandere ich wie zuvor bei der Lektüre von Aichers Wüsten-Exkursionen von einem spannenden Beitrag zum nächsten… 😉 Sogar persönlich kennen gelernt hast du Otl Aicher! – Nach dem Küchenbuch schaue ich in den nächsten Tagen mal. Wünsche ebenfalls ein schönes Wochenende!

      • Ui, da muss ich wohl besser aufpassen zukünftig: erstens wollte ich damit keine Blogger-Politik betreiben, denn ein Klick auf den Tag „Fremdgugge“ hätte dich rasch ans Ziel gebracht. (dass man jedoch auch einiges die schöne Stadt Hamburg betreffend erfahren kann… 😉
        Andererseits freue ich mich natürlich, wenn du dich gut amüsiert hast beim Mäandern.
        Zweitens ist mein erster Satz im Beitrag missverständlich formuliert. Ich habe Otl Aicher nicht persönlich kennengelernt. Ich wurde „mit seinem Namen bekannt“ gemacht. (Werde ich sogleich verbessern, denn niemand soll aufs Glatteis geführt werden)…
        Mitternächtlichschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  6. Pingback: Mein Jahr in Büchern | Entdecke England

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