Wie Donnerhall

George Saunders: Zehnter Dezember. Stories. München 2014

042_87427_141960_xlDa ist der Ehemann und Vater, der seine Familie drangsaliert. Schon lange kommuniziert er nur noch über ein Kruzifix-ähnliches Gestell im Garten, das er immer wieder umdekoriert. Zuletzt hängt er Zettel daran. „Liebe“ steht auf dem einen, „Vergebung?“ auf einem anderen.

Da ist der Junge, der zufällig Zeuge wird, wie das Nachbarmädchen entführt zu werden droht. „Kyles Herz sang. Er hatte immer geglaubt, das wäre nur eine Phrase. Alison war wie ein Nationalheiligtum. Im Lexikon sollte unter ‚Schönheit’ ein Foto von ihr in diesem Jeansrock sein. Obwohl sie ihn in letzter Zeit anscheinend nicht so richtig mochte. Jetzt ging sie ein Stück über ihre Terrasse, damit der Zählerableser ihr etwas zeigen konnte. Irgendwas Elektrisches auf dem Dach nicht in Ordnung? Der Kerl schien ganz begierig zu sein, es ihr zu zeigen. Genauer gesagt, er hielt sie am Handgelenk. Und zerrte irgendwie so.“ Noch ist die Situation nicht ganz in Kyles Bewusstsein vorgedrungen. Vielleicht irrt er sich auch. Und außerdem sind da all die Gebote und Verbote der Eltern, die sich wie der Strick eines Henkers immer enger um seinen Hals legen und ihn am Eingreifen hindern…

Ich will nicht zu viel vom Inhalt der Geschichten verraten. Denn es macht einen großen Teil ihrer Faszination aus, dass sie immer wieder überraschende Wendungen nehmen. Manches ist nicht, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Oft schwingt ein leises Grauen mit, auch Brave New World lässt grüßen. Menschen haben viele Schichten. Was wir zu sehen bekommen, sind Facetten, nie das Ganze, und es sind auch immer wieder andere Facetten. Menschen sind unvollkommen, und sie leben in einer unvollkommenen Welt. Sind schwach, machen Fehler, manchmal furchtbar schlimme. Aber sie können auch über sich hinauswachsen, über die Umstände und über die Vergangenheit. Man kann sich entscheiden, so oder so. Und man trägt die Konsequenzen, so oder so. Nur selten lautet ja die Wahl: „reich und glücklich“ oder „arm und unglücklich“. Gut, dass auch die anderen immer wieder über sich hinauswachsen. „Vergebung?“ Brauchen wir die nicht alle?

Gerade habe ich die zehn Stories des Amerikaners George Saunders ausgelesen, die vor ein paar Monaten unter dem Titel „Zehnter Dezember“ in der Übersetzung von Frank Heibert erschienen sind. Sie wirken nach wie Donnerhall! Es sind ganz und gar außergewöhnliche Psychogramme von eher „gewöhnlichen“ Menschen und Lebenswelten. Als Leser taucht man tief hinein in die Köpfe der Protagonisten. Mal ist der Ton knapp, beinahe schon karg, ein anderes Mal von unbändiger Lust am Fabulieren gekennzeichnet. Immer wieder umgangssprachlich, aber nicht flach. Temporeich. Voller Zärtlichkeit. Auch komisch bisweilen, wenngleich ich dieses leichte Grauen stärker empfand, nicht nur in den Science-Fiction-Passagen.

Für die sprachliche Brillanz der Erzählungen gebührt auch dem Übersetzer ein dickes fettes Lob. Eine kurze Sequenz über einen Mann, der in Folge eines Gehirntumors Schwierigkeiten mit der Artikulation hat, mag dies illustrieren: „Jeder Schritt war ein Sieg. Das durfte er nicht vergessen. Mit jedem Schritt floh er veiter und veiter. Veiter veg von den Vätern. Stiefveiter. Welch einen Sieg entrang er. Dem klaffenden Schlund darniederlag. Hinten in seiner Kehle spürte er ein Bedürfnis, es richtig zu sagen. Dem klaffenden Schlund der Niederlage. Dem klaffenden Schlund der Niederlage.“

Mit meiner Begeisterung für den jüngsten Saunders stehe ich nicht allein da. „Das beste Buch, das Sie in diesem Jahr lesen werden.“ So urteilte das New York Times Magazine nach Erscheinen der Originalausgabe 2013. Einen kurzen Verriss gibt es im Literaturblog von Günter Keil zu lesen.

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7 Kommentare zu “Wie Donnerhall

  1. Ich habe auch schon ganz gegensätzliche Stimmen zu diesem Buch gelesen resp. gehört – aber es lacht mich an, erst recht jetzt nach Deiner Besprechung. So – und dadurch ist bewiesen, dass mein SUB auch wegen euch anderer Blogger stetig wächst und wächst und wächst….

  2. Pingback: George Saunders: Zehnter Dezember. Oder auch: Die große Unschlüssigkeit. | Sätze&Schätze

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