Licht und Schatten

P1030689Wenn sich der Äther erhebt in hoher heiliger Klarheit,
wenn sich ein fließendes Gold über die Erde ergießt,
und vor dem strahlenden Gott die Schatten leise zerrinnen,
freu’t sich der blendende Glanz und das allmächtige Licht.
Aber bezaubernder, Freund, erscheint dir die liebliche Gegend –
denn dich freut der Contrast und der gemäßigte Glanz –
wenn die Wolke sich hebt und wechselnd auf Thäler und Dörfchen,
Tannenwälder und Seen dunkle Schattirungen streut,
oder der silberne Mond am Berge freundlich hervorsteigt,
und der Schatten des Berg’s tief in die Thäler sich senkt.

P1030696O, wie die Höhen sich dann in heiligem Schimmer verklären;
wie das freundliche Licht heller den Schatten besäumt! –
Und doch klagtest du jüngst, dein trauriges Schicksal beweinend,
wie des Lebens Gefild‘ oft, ach! so dunkel dir sey;
wie auf der Stellen geliebtester dämmernd ein Schatten sich lagre,
oft, nach dem lieblichsten Tag, schwarz dich umgebe die Nacht.
Wechsel vergnügt dein Gemüth; es freuet der Wechsel uns alle:
freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist.

Sophie Mereau (1770-1806)

P1030695Ich hatte noch nie von Sophie Mereau gehört, als ich zufällig ihr Gedicht Licht und Schatten in die Hände bekam. Jetzt weiß ich ein bisschen mehr: Über ihren Ehemann, den  Jenaer Juraprofessor Friedrich Ernst Carl Mereau, lernte Sophie Friedrich Schiller kennen. Schiller erkannte ihr Talent, lobte es altväterlich-gönnerhaft („Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt.“) und veröffentlichte ihre Gedichte. Privat war Sophie Mereau weniger glücklich. Sie hatte mehrere Affären, ließ sich schließlich scheiden und heiratete den Schriftsteller Clemens Brentano, mit dem sie zuvor eine Affäre gehabt hatte. Mit 36 Jahren starb sie bei der Geburt des dritten Kindes.

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10 Kommentare zu “Licht und Schatten

  1. Wenn sich die Miniermotte durch nur ein wenig in ihrer Gefräßigkeit zurückgehalten hätte! 😦 Die Kastanie in unserem Hinterhof musste ihretwegen auch schon dran glauben. Aber nicht umsonst heißt Deine Überschrift „Licht und SCHATTEN“.

    • Dass so vielfältige Betrachtungen zum Thema Licht und Schatten herauskommen würden, hätte ich auch nicht geahnt, als ich das Gedicht las… 🙂 Aber im Ernst: Der Jahr für Jahr zu beobachtende allmähliche Verfall der Kastanien (auch bei uns im Hinterhof) ist wirklich traurig. Umso mehr freue ich mich in jedem Frühjahr, wenn sie wieder „durchholen“.

  2. Liebe Maren,
    nicht nur die schöne Kombination der Licht- und Schatten-Kastanie (ist doch eine Kastanie – ich bin botanisch so was von daneben immer), sondern auch das Hervorholen einer der vielen interessanten Frauengestalten aus dem Schattenreich, wirklich gelungen! Sophie Mereau – ich lass von ihr auch erst vor einem Jahr etwa durch Zufall in einem Sammelband zur Romantik. Und ja: Schiller hat sie gefördert, aber ebenso typisch ein wenig patriarchalisch…Licht und Schatten: Auch in ihrem Leben zu lesen.

    • Ich hatte bei dem Leben von Sophie Mereau auch sofort die Assoziation von Licht und Schatten, Birgit, wobei ich an ihr Schattendasein als Dichterin (jedenfalls aus heutiger Sicht) noch nicht einmal gedacht hatte… wunderbar! Und zu Schillers Worten: Auch dichtende Männer sind (waren?) eben Männer. (Aber das nur ganz unter uns, liest ja sonst keiner.) 😉

  3. Das Gedicht ist mir ehrlich gesagt zu schwülstig – der Zeitgeschmack ist einfach nicht meiner. Aber an Deinen Fotos habe ich mich erfreut!
    Ob ich über das Zitat von Schiller lachen oder weinen sollte, wußte ich nicht. Wenn das schon ein Lob darstellte… 😯

    • Ja, die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen… Ich habe beschlossen, über das Zitat von Schiller zu lachen – und mich darüber zu freuen, dass es Dichterinnen heute ein bisschen leichter haben. Freut mich, dass dir die Bilder gefallen haben!

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