Durchs Fenster geblickt

P1040036Ob es an denen lag, die rausguckten?

P1040058Oder daran, dass keineswegs immer klar war, ob überhaupt noch mal jemand schaut?

P1040064So oft wie in den vergangenen Tagen beim Radeln entlang der Havel habe ich lange nicht mehr in fremde Fenster geblickt.

P1040073Wie nah Verfall und Pflege einander vielerorts waren.

P1040094Welche Trostlosigkeit bisweilen, selbst mitten am Tag.

P1040102Aber auch Charme, dezent morbide.

P1040346Die Stille in der Werkstatt der alten Ziegelei.

P1040196Von Preußens Glanz und Gloria ganz zu schweigen.

P1040189Und was die Fenster alles über die Bewohner zu erzählen wussten…

P1040085In welchem Verhältnis wohl der Marionetten bastelnde Dorfarzt zur benachbarten Kirche steht?

P1040143Durch wie viele Geschwister-Scholl-, Friedrich-Ebert-, Ferdinand-Lassalle-, Clara-Zetkin-Straßen und -Alleen mag ich beim „Fensterln“ gekommen sein? Und immer wieder: Goethe und Schiller. Und Fontane. Was Wunder im Land des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck.

Landschaften sah ich auch. Davon erzähl ich ein andermal.

P1040319Kurt Tucholsky: Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.

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17 Kommentare zu “Durchs Fenster geblickt

  1. Liebe Maren,
    Was Du immer alles so siehst und mit der Kamera festhältst! Die Marionetten sind toll – und die große lebendige im Bild darunter passt wunderbar.
    Viele Grüße, Claudia

    • Haha, da wird sich der zünftige Handwerker aber bedanken, liebe Claudia. 😉 Obwohl: Einige der glaslosen Maueröffnungen würden sicher famose Spielstätten abgeben… In das vielfarbige und vielgestaltige Ziegelwerk aus der „Zehdenicker Tonstichlandschaft“ habe ich mich unterwegs jedenfalls so richtig verliebt. Dir ein schönes Wochenende!

  2. So hohe Ansprüche wie KT habe ich nicht. Die ewige Gesundheit würde mir genügen. Und was die Fotos anbelangt, so nagt der Zahn der Zeit und nagt und nagt und nagt. Wie schön, dass ihm stellenweise schon Einhalt geboten wurde. 🙂

    • Deine Bescheidenheit ehrt dich natürlich. 🙂 Ja, die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Jetzt im Brandenburgischen ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, in welcher Schönheit Ziegelsteine altern im Vergleich zu verputztem Mauerwerk, das irgendwann einfach nur noch heruntergekommen aussieht.

  3. Wir haben nicht alles aber wir haben dich liebe Maren, die uns so schön aus aller Welt und Fenster berichten kann. Und so wären wir ohne dich ein ganzes Stück ärmer! Liebe Grüße aus Lusaka

    Anja

    • Mmmmh, da fange ich glatt an zu schnurren vor Wonne, liebe Anja! Ein Momentchen jedenfalls, bevor ich mir vorzustellen versuche, in welche „Fenster“ du gerade blickst. Freue mich schon auf News aus Sambia und sende liebe Grüße zurück zu dir!

  4. Schön, dass Sie wieder zurück sind. Und mit schönen Fotos! Das Gedicht von Tucholsky kannte ich nicht: auch dafür vielen Dank.
    Hochsommerlichsonnigemorgengrüsse vom Schwarzen Berg

      • Ja, genau, liebe Maren, schön, wieder von dir zu hören – also, zu lesen und zu sehen! Die ruhende Kraft der Hammersammlung vor den zerbrechlichen Glasquadraten hat mir auch sehr gut gefallen.

      • Noch so ein netter Willkommensgruß! „Die ruhende Kraft der Hammersammlung vor den zerbrechlichen Glasquadraten“ – das hast du schön gesagt. Aber du hättest den Lärm hören sollen, als die alte Transmissionsanlage eingeschaltet wurde. Die Ziegeleiarbeiter haben sich angeblich mit Ohrstöpseln geschützt, die sie aus einer Sägespäne-Honig-Mischung formten. 🙂

  5. Liebe Maren,
    was für wunderschöne und wundermelancholische und wundertraurige Bilder. Mir gefällt derzeit das mit dem Zimmermann im oberen Fensterloch am besten, da ist alles drauf, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
    Und das Gedicht von Tucholsky kannte ich noch nicht. Ich frage mich gerade, ob ich das wohl auch alles möchte und komme zu dem Schluss, dass mir alles zusammen doch was üppig wär. Ja, wenn man auswählen könnte… obwohl, eigentlich möchte ich bloss noch ein bisschen Leben, da wär ich schon sehr zufrieden.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai, wie schön du das Bild mit dem Zimmermann in der Maueröffnung beschreibst! Ich bin sicher, diese Steine hat einer weit vor unserer Geburt geformt. (Unterwegs habe ich erfahren, dass ein Ziegeleiarbeiter in Brandenburg vor dem Ersten Weltkrieg keine fünf Reichsmark für 1000 mit der Hand gestrichene Steine verdiente.) Und sie werden uns auch überleben. Das finde ich irgendwie tröstlich, genau wie das Gedicht von Tucholsky, das ja auch eher dem Maß und der Relativität das Wort redet. Von der „ewigen Gesundheit“ wünsche ich dir trotzdem eine gute Portion! Sehr herzlich, Maren

  6. … und ich stell‘ mir vor: hinter jedem Fenster dies und das, aber auch immer ein kleines Glück, wie das herrlich hintergründige Schmunzeln Tucholskys, das dann doch mehr wert ist als all der erträumte Plunder.
    Willkommen zurück in HH, der schönsten Stadt, liebe Maren!

    • Also, zu dem Superlativ sag ich mal gar nix, Michael… Höchstens: Gut, dass wir Hamburger so durch und durch bescheiden sind! 😉
      Ich danke schön für deinen Gruß und die Fenster-Gedanken. Das Schönste an diesen flüchtigen Blicken scheint mir zu sein, dass sie der Vorstellung so viel Raum bieten. Am Ende sagen die Gedanken vor allem etwas über den Betrachter aus, was in deinem Fall ja wirklich nett ist.

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