Was für ein Sound!

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Am Rande des Professormoors im Duvenstedter Brook bin ich schon vor ein paar Wochen herumgestreift – Zwischen Brut und Brunft. Jetzt beherrschen röhrende Hirsche weite Teile des Reviers, sobald es dämmert. Schon von weitem ist der eigenwillige Chor zu hören: P1040926brüllend, bellend, heulend, lockend. Erst auf der linken Seite, dann auch von rechts, aus dem Wald weiter hinten. Das geht jetzt wochenlang so. Wie mag sich der Förster am Ende der Saison fühlen? Auf dem Weg zu den Wild-Beobachtungsständen passieren wir sein Haus. Das Röhren wird fordernder jetzt und unsere Schritte schneller. Großes scheint sich irgendwo da vorn zu ereignen. Immer mehr Beobachter strömen zu den hölzernen Ständen. Tele-Equipment wird in Position gebracht, dann heißt es warten. Schauen und warten. Weiches Spätnachmittagslicht, das eben noch die große Wiese flutete, verliert sich mählich in der Dämmerung.

P1040928– Da, da bewegt sich was!

Fernglas vors Auge.

– Wo denn? Ich seh nichts.

– Doch, da hinten, guck mal, da, wo der Wald anfängt, da steht ein Baum…

Na, toll! Ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schauen und Warten. Und Röhren.

– Da, da ist einer!

– Wo denn? Ich seh nichts.

– Doch, da hinten…

– Schon klar, aber geht das vielleicht etwas genauer?

– Siehst du die drei Büsche ziemlich dicht zusammen: Erst kommt so ein schmaler kahler, dann ein kleiner, etwas weiter hinten, dann der dicke puschelige, und wenn du von da leicht schräg nach hinten links guckst, da in das Rote, siehst du einen Baum…

Fernglas vors Auge. Unglaublich, wie sehr sich schon die Perspektiven von zwei unmittelbar nebeneinander stehenden Menschen unterscheiden! Schmaler kahler Busch, kleiner Busch, dicker puscheliger Busch… Mist, wo ist jetzt das Rote? Ob sie die rosa Wiesengräser gemeint hat? Und der Baum? Ah, da bewegt sich was…! Jetzt seh ich’s auch: Miniklein und ziemlich verschwommen, aber unverkennbar – da schubbert ein Hirsch sein Geweih an einem Baum. Zum Glück ist es einer mit einem dunklen Stamm, eine Erle vielleicht, das erleichtert das Wiederfinden zwischen all den weiß-flirrenden Birken drumherum.

P1040930Während Freundin C. unermüdlich durch das mit der Entfernung etwas überforderte Fernglas schaut – sie besitzt aus verschiedenen Afrika-Aufenthalten Erfahrung im Spotten wild lebender Tiere – verlegt sich W. mehr und mehr darauf, die Hirsche an ihrem Röhren zu unterscheiden. Besonders hat es ihr „der Lachende“ angetan. Der braucht nicht mehr zu kämpfen, sagt sie, der hat schon gewonnen.

P1040936Ich selbst habe ohnehin keine Probleme damit, „einfach nur so“ in eine schöne Landschaft zu blicken. Die Wiesen, „der weiße Nebel wunderbar“ und dazu das Röhren in Dolby Surround  – großartig! Der Förster ist womöglich gar nicht zu bedauern sondern sehr zu beneiden.

P1040939Hörprobe gefällig?

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22 Kommentare zu “Was für ein Sound!

  1. Klasse Fotografien. Toller Bericht.
    Und ich sitze hier mitten in der schnellen Stadt mit ihren mechanischmetallenen Geräuschen menschenstimmenzerhackt… aach – – –
    Mittäglichleichtgrossstadthektische Grüsse aus der schnellen Stadt

    • Vielen Dank für das Rundum-Lob! Ja, die Stadt mit ihrer Schnelligkeit und ihren vielen Nicht-immer-Wohlgeräuschen hat einen rasch im Griff. Umso wichtiger sind mir diese Auszeiten in der Natur – mal länger, mal kürzer. Metallene Klänge meine ich allerdings auch im Chor der Hirsche ausgemacht zu haben. 😉 Entschleunigte Grüße von Stadt zu Stadt!

  2. Wie schön der Nebel aufsteigt und die Lust weckt, dort zu stehen und dem Nebel den eigenen Atem zu schenken.
    Schmunzeln musste ich über deine Beschreibung der Perspektiven zwei nebeneinander stehender Menschen, das kenne ich auch, welcher Busch ist der kleine, kahle, puschelige… haha…
    Deinen schönen Satz „Ich selbst habe ohnehin keine Probleme damit, einfach nur so in eine schöne Landschaft zu blicken“, den nehme ich auch mit und lasse ihn wirken.

    • Das ist schön, dass dir auch gleich dein Atem in den Sinn gekommen ist, der sich mit dem wabernden Nebel verbindet. Lange dauert es ja wirklich nicht mehr, bis er wieder zu sehen sein wird und die Wiesen Raureif-Knister-Geräusche machen, wenn man drübergeht. Und Busch-Perspektiv-Überlegungen lassen sich überall anstellen. Dass du auf dem Gebiet reiche Erfahrungen hast, glaube ich nicht nur sofort, das beweisen auch deine „Findesätze“ immer wieder. Sonnige Grüße!

  3. Mich hat auch – neben der tollen Konversation – besonders der Nebel begeistert. Wie er hochsteigt und wabert, dichter wird und näher zu kommen scheint, ein wirklicher „Nebel wunderbar“ (kennst Du eigentlich auch Axel Hackes wunderbaren Verhörer: und aus den Wäldern steiget der weiße Neger Wumbaba; ich kann das Abendlied – leider – gar nciht mehr anders hören und lesen…). Mir hätte auch der Blick allein schon gereicht auf diese Veränderungen in der Natur.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hihi, den „weißen Neger Wumbaba“ hatte ich sogar kurz in der Überschriftenzeile stehen, Claudia. Ich kann das Lied nämlich auch kaum noch anders hören und lesen. Aber dann habe ich entschieden, einen Versuch der Re-Romantisierung zu starten. 😉 Was die Konversation angeht: Allzu viel dichterische Freiheit musste ich gar nicht bemühen… Liebe Grüße!

  4. Einfach toll – vom lachenden Hirsch bis zum puscheligen Busch – der ganze Beitrag gab mir heute morgen einen buscheligen Pusch. Danke auch für die Hörprobe. Jetzt gehe ich in eine Arbeitsbesprechung und röhre mal ein bißchen vor mich hin 🙂

  5. Pingback: Rehe sind auch toll | Von Orten und Menschen

  6. Pingback: Sonntagsleserin – September 2014 (2. Teil) | buchpost

    • Thank you so much for your appreciation! Yes you are right: Early morning light is special. Your beautiful header photo is an early morning shot, I guess? Still, as I am not so much of an early bird, I more often content myself with the soft beauty of late afternoon light. 😉

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