Das goldene Medaillon

„Als mein Urgroßvater meine Urgroßmutter heiratete, schenkte er ihr ein goldenes Medaillon“, erzählte mir die alte Dame. Heute, 150 Jahre und fünf Generationen später, gehört das Medaillon ihrer Enkelin. Aber nicht nur das Schmuckstück, sondern auch seine Geschichte. Das war der alten Dame fast noch wichtiger: „Ich bekam das Medaillon zur Konfirmation. Von Tante Kathrine, sagte meine Mutter nur. Tante Kathrine war die Altbäuerin auf dem Nachbarhof meiner Großeltern. Dass sie eine Halbschwester meiner Großmutter war, erfuhr ich erst lange nach ihrem Tod…“

Die alte Dame ist vor ein paar Jahren gestorben. Als sie schon ziemlich krank war, bat sie mich, ihre Familiengeschichte(n) aufzuschreiben. Wir trafen uns, wann immer es ihr gut genug ging, um zu erzählen. Wir hatten Glück: Ein paar Monate vor ihrem Tod war das Buch fertig. Sie verschenkte es freigiebig an Freunde und Verwandte. Wie hat sie es genossen, sich mit ihnen über die alten Geschichten auszutauschen!

Immer wenn ich mich an die alte Dame erinnere, denke ich, dass es ein Glück ist, Großeltern zu haben. Sie haben Dinge erlebt und Menschen gekannt, die es nicht mehr gibt. Sie haben Handgriffe und Arbeiten gelernt, die kaum noch einer beherrscht. Und das Beste ist: Sie können davon erzählen. Warum ich gerade jetzt an die alte Dame denke? Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich zufällig erfuhr, dass Marion, die das wunderbare Blog „FindeSatz“ betreibt, Glückskurse gibt. Und plötzlich tauschten wir uns darüber aus, ob es wohl toller ist, Biografin zu sein oder Glückskursleiterin…

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32 Kommentare zu “Das goldene Medaillon

  1. Da habt Ihr Euch beide so richtig schöne Aufgabenfelder gesucht! 🙂
    Glückskurse zu geben ist natürlich keine Garantie, selbst glücklich zu sein, aber irgendwie mache ich mir da bei Marion gar keine Sorgen. 😉
    Ich finde in der heutigen Zeit – wo Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften nicht mehr usus sind – verlieren die nachwachsenden Generationen viel zu sehr den Kontakt zu ihren Wurzeln. Früher wurden Geschichten erzählt, heute sehen die Menschen fern oder die Kids chatten per Handy. Es geht viel verloren. Deine Aufgabe ist deshalb eine schöne und wichtige. Und macht bestimmt auch viel Spaß! Liebe Grüße von Stefan

    • Danke, lieber Stefan, bin erfreut, deine Worte hier zu lesen.
      Schön was du zu Marens wertvollem Aufgabenfeld und zu deinem Vertrauen in die Glücksseminare schreibst :-). Zu gerne würde ich euch gerne zum nächsten Workshop einladen. Würdet ihr doch näher wohnen… 🙂

    • Vielen Dank für deine Zeilen, lieber Stefan! Hinter deinen ersten Satz möchte ich gleich noch ein Ausrufezeichen extra setzen. 🙂
      Auch was du über den Kontakt der nachwachsenden Generationen zu den eigenen Wurzeln schreibst, ist leider nur zu wahr. Da kann eine Privatbiografie tatsächlich Lücken schließen helfen. Sie wird vielleicht nur von wenigen Menschen gelesen, aber es sind die aufmerksamsten Leser, die man sich denken kann. Weil es um die Geschichte ihrer Familie geht und damit immer auch um sie selbst. Ebenso sehr wirkt das biografische Erzählen natürlich in die andere Richtung: Auch den älteren Menschen kommen ja zunehmend die Zuhörer abhanden…
      Eine schöne Arbeit – unbedingt! 🙂
      Herzliche Grüße!

  2. Ich freue mich sehr, deine Zeilen hier zu lesen. Und finde es wunderbar, wenn sich Gedanken verweben und gegenseitige Inspiration da ist. Lieben Dank für dein Verbinden der Gedanken, liebe Maren.
    An deinen Worten ist es spürbar, wie wertvoll deine Arbeit ist. Wie glücksbringend es sein muss, diese Geschichten zu hören und ein Buch daraus entstehen zu lassen. Und mit dem fertigen Buch etwas wunderbar Bleibendes geschaffen zu haben.

  3. Wie sie uns laben, die Geschichten der grossen Eltern, wenn wir noch Zeit hatten ihnen zu lauschen! Für mich ist dies die Herausforderung an mich, die ich nun selbst Grossmutter bin, was möchte ich den Enkeln erzählen, was mit ihnen teilen, was ihnen vermitteln? Eine schöne Aufgabe ist das, besonders aus dem Wissen heraus, wie es mir als Enkelin meiner Grossmutter geht.
    Danke für diesen feinen Artikel, liebe Maren und strahlendblaue Grüsse vom Berg
    Ulli

    • Liebe Ulli, es gefällt mir sehr, wie du dich selbst als Glied in einer langen Kette verortest. Und wenn ich dein Gravatar-Bild und auch dein Blog richtig „lese“, ist ja auch noch eine gute Portion Kind in der Oma drin – da wird das Erzählen, Teilen und Vermitteln bestimmt ganz wunderbar. 🙂 Abendruhige Grüße aus der Stadt zu dir auf den Berg!

  4. Generationen, Menschen im Zeitstrom, Familien – Themen, mit denen ich mich im Laufe des Älterwerdens mehr und mehr beschäftige. Ich habe eine französische Freundin, die ihre Familienwurzeln väterlicher- wie mütterlicherseits bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgen kann. Als ich das zum ersten Mal hörte, klappte mir einfach nur der Unterkiefer runter. Sehr schnell wurde mir klar, dass diese Verwurzelung in der Tiefe der Zeit ihr einen Teil ihres unerschütterlichen Selbstvertrauens gab. Sie stand auf den Schultern so vieler Vorfahren, die eigene Namen hatten und ein Leben geführt. Ich für meinen Teil habe immerhin noch eine Urgroßmutter persönlich gekannt, aber dann auch wieder die Geschwister meiner Großeltern nicht einmal gesehen, obwohl sie gerade zwei Straßen weiter wohnten. Meine Eltern waren auf eine merkwürdige Art aus ihren Familien herausgefallen und ich denke, es war wohl der Krieg, der sie so getrennt hat. Ich fühle mich abgeschnitten von meinen Wurzeln und bin froh, hier und da ein Foto zu finden, auf dem mir mein Vater die einen oder anderen Großtanten oder Großonkel anzeigen kann. Im Nachttisch meiner Mutter habe ich neulich einen Ring gefunden, der wohl auch ein Erbe war, ein Geschenk ihrer Mutter vielleicht oder ihrer Großmutter. Ich trage ihn jetzt, als Familienklunker. Und dann ist es jedes Mal so, als wenn er mir ein bisschen Kraft aus der Vergangenheit gibt.

    • Liebe Stephanie,
      ich freue mich sehr über deinen Kommentar.
      Was du über die französische Freundin schreibst, ist faszinierend: dass sie eine wesentlich größere Spanne (Zeit-)Geschichte mit Alltagsgeschichten und -schicksalen unterfüttern kann als die meisten von uns ebenso wie ihr Selbstvertrauen, das du mit dieser „Verwurzelung in der Tiefe der Zeit“ verbindest. Mir selbst geht es da eher wie dir, auch wenn ich die mütterliche Linie dank eines familiengeschichtlich sehr interessierten Großonkels ziemlich weit zurückverfolgen kann.
      Sehr berührt hat mich, dass du deine Eltern als „auf merkwürdige Weise aus ihren Familien herausgefallen“ beschreibst und dich selbst als „abgeschnitten“ von deinen Wurzeln. Ohne die Geschichte deiner Familie zu kennen: Ich vermute, du hast Recht, wenn du Verbindungen zu den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs siehst. Bei den Eltern, aber auch bei dir/bei uns selbst. Dass auch eine Generation, die (wie wir) in Wohlstand und Frieden aufwuchs, nachhaltig von den Ereignissen des Krieges geprägt wurde, rückt erst allmählich ins allgemeine Bewusstsein. Unbewältigte Traumata und das Schweigen der Eltern hinterlassen Spuren bis in die Gegenwart der Nachgeborenen: Diffuse Ängste, eine tiefe Verunsicherung, Bindungsschwierigkeiten, das Gefühl, nicht so richtig im eigenen Leben anzukommen, irgendwie auf der Bremse zu stehen…
      Kennst du die Bücher der Journalistin Sabine Bode zu diesem Themenkomplex? Sehr empfehlen kann ich: „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation“.
      Herzliche Grüße!

  5. Liebe Maren, ich denke, dass du hier ein sehr wichtiges Thema behandelst, indem du/ihr über unsere Wurzeln, unsere Vergangenheit spricht. Natürlich sind meine Erinnerungen nicht die euren, aber ich bin sehr früh von zu Hause weggegangen und fühle mich auch abgeschnitten, nicht verwurzelt und nicht so selbstsicher. Ich habe jedoch immer in verschiedenen Kulturen gelebt und sehe es auch als einen Vorteil in verschiedenen Gruppen leben zu können, ohne jemals richtig dazu zu gehören. Ich danke dir und deinen Leserinnen ganz herzlich für diesen wundervollen Beitrag und für die vielen mich bewegenden Worte L.G.

    • Und dir ganz herzlichen Dank für das Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen, liebe Martina! Spontan geht mir die Frage durch den Kopf, ob es wohl Zusammenhänge gibt zwischen diesem ursprünglichen Gefühl einer nicht so starken Verwurzelung und der Fähigkeit, in verschiedenen Gruppen, in verschiedenen Kulturen zu leben. Nirgendwo ganz zu Hause, aber an vielen Orten ein bisschen? Und weitergehend: Führt diese besondere Fähigkeit am Ende womöglich auch zu mehr Selbstsicherheit als Ausfluss einer Art Sicherheit in der Welt? Fragen über Fragen. 😉 Und dazu einen herzlichen Gruß!

      • Guten Morgen liebe Maren und vielen lieben Dank für dein Interesse und Nachrfragen. Dus stellst schwierige Fragen auf, die ich versuche zu antworten. Ich glaube, dass das Gefühl der nicht so starken Verwurzlung daher kommt, dass ein Mensch seeehr früh daran gewöhnt wurde mit anderen und vielen Menschen zu sein,die vielleicht einer anderen Kultur oder sozialen Schicht angehören und dieses Verhalten dann ein Leben lang so bleibt. Es scheint mir nicht angeboren, aber angeommen. Mir ist es eigentlich mit allen Menschen wohl, ich geniesse es mit Menschen zu sein,wo immer, aber sicher bin ich nicht. Ich wünsche dir einen Tag mit vielen aufwühlenden Gedanken:) Cari saluti

      • Mille grazie, liebe Martina. Ja, deine Gedanken werden mich sicher noch ein Weilchen begleiten. Gerade bewegt mich der Satz: „Mir ist es eigentlich mit allen Menschen wohl…“ Da wird mir richtig warm ums Herz. Liebe Grüße!

  6. Liebe Maren, Sabine Bode „kenne“ ich aus einem anderen Zusammenhang (entweder Demenz oder Alzheimer). Über die Kriegskinder/Kriegsenkel habe ich mal einen ausführlichen Artikel gelesen zu einer Zeit, als mir da gerade auch ein Licht aufging (v.a. was das Schweigen meiner Eltern und Großeltern betrifft). Danke für den Tip!

    • Ja, in diesem Jahr ist ein Buch über Demenz von ihr erschienen. Das kenne ich allerdings (bisher) nicht. Hat sehr unterschiedliche Kritiken bekommen, wenn ich mich richtig erinnere. Schönen Abend!

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