Aus einer anderen Zeit

P1060141So hübsch hatten sich die Mädels gemacht. Gebannt studierten sie die Liste der ankommenden Schiffe in den Aushang-Kästen. Bestimmt war der Herzallerliebste an Bord. A. grinste über die Söckchen der Damen zur Linken. C. meinte sich zu erinnern, dass seine Mutter damals kürzere Kleider getragen hatte. Schuhe wie die der Frau ganz rechts verband er ohnehin eher mit der Großmutter. Mir waren die Schuhe noch nicht einmal aufgefallen. Fasziniert starrte ich auf die Naht und die hochgezogene Ferse in den Seidenstrümpfen darüber…

Die Aufnahme ist eine meiner liebsten in der Ausstellung „Das photographische Werk“ von Franz Hubmann. Noch bis zum 7. Februar 2015 sind die Fotografien des österreichischen Bildjournalisten in der Flo Peters Gallery im Hamburger Chilehaus zu sehen. Die Schwarzweiß-Bilder aus den 1950er Jahren zeigen zum Großteil Szenen aus dem Hamburger Hafen.

P1060142Nach dem Besuch der Ausstellung gingen wir essen, was hier weiter nichts zur Sache tut. Anders als die Schaufenster, die uns unterwegs begegneten. Die hätten auch aus den Fünfzigern sein können, wären die angebotenen Waren in D-Mark statt in Euro ausgezeichnet gewesen. Wer malt heute noch solche Preisschilder! freute sich C. Unterstreichungen mit dem Lineal, die nur bedingt zur Linie der Schrift darüber passen, signalrote Ecken, ebenfalls mit dem Lineal gezogen und von Hand ausgemalt. Jede Ecke ein Unikat. Und dazu diese entzückende Weihnachtsdeko…

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16 Kommentare zu “Aus einer anderen Zeit

  1. Die Rückansichten der drei Grazien lassen sicher noch eine Reihe anderer Rückschlüsse zu, z. B. über die Frisuren- und Handtaschenmode, die Ärmel und … und … und. 🙂

    Nein, ich verstehe davon nichts, an mir rauschen Äußerlichkeiten nur so vorbei. Dennoch wundern mich die Zigarrenkisten aus Holz. Sicher sind die auch uralt.

    Jedenfalls motiviert mich das, mal wieder das Chilehaus anzusteuern.

    • Hihi, dafür, dass Äußerlichkeiten nur so an dir vorbeirauschen, sind dir aber eine Menge Dinge aufgefallen… 😉 Wie alt die abgebildeten Zigarrenkisten sind, weiß ich natürlich nicht, aber das (innere) Bild von allen möglichen Kostbarkeiten in derlei Kisten, das beamt mich glatt zurück in längst vergangene Kindertage… Liebe Grüße und ggf. eine gute Zeit im Chilehaus, das ja allein schon einen Besuch wert ist.

      • Na ja, ich werde ständig gezwungen, auf solche Dinge zu achten, weil ich so was auch ständig in Romanen übersetzen muss. Dann würde ich die Autoren gern dafür verfluchen. Mich interessiert doch nur, was die Protagonisten denken oder sagen. Zigarrenkisten bekam ich früher oft geschenkt, da konnte man so viele schöne Sachen drin sammeln. Und was das Chilehaus betrifft, so statte doch auch mal „Manufactum“ einen Besuch ab. Bring aber viel Zeit zum Spielen mit! 🙂

  2. Da freut sich nicht nur C. bei der Betrachtung der altmodisch-schönen Schaufenster. Und wieder so amüsant zu lesen, wie Du einen Ausstellungsbesuch mit eigenen Eindrücken lebendig machst – dass ihr den Damen (Mädels!!!) unter die Röcke schaut, tss, tss. Aber stimmt: Die Söckchen und daneben die Strümpfe mit Naht, das ist eine witzige Kombination…

    • Na, da hast du ja was angerichtet, liebe Birgit! Jetzt denke ich doch tatsächlich schon Minuten darüber nach, was die drei Grazien wohl unten drunter trugen. Nach Mieder sehen sie mir irgendwie nicht aus… 😉 Freut mich, dass dir die Schaufenster und der kleine Ausstellungsbesuch gefallen haben!

  3. „jede Ecke ein Unikat“ – dass ich nicht schmunzle…
    Herrlich!
    Aber macht ihr euch nur lustig über die Mode! Ich finde gerade die Rocklänge sehr schön und bedaure sehr, dass sie aus der Mode gekommen ist – vielleicht wirklich nicht unbedingt mit weißen Söckchen, aber der Stil so schön feminin. Und über das „Darunter“ zerbrech‘ ich mich gar nicht erst den Kopf – höchstens ein bisschen…
    Liebe Abendgrüße,
    Marlis

    • Liebe Marlis, in Wahrheit stimme ich dir unbedingt zu: Die Rocklänge ist wirklich wunderbar feminin. Ich habe auch noch so ein Kleid im Schrank hängen, seit ewigen Zeiten nicht mehr getragen… Und die weitgehende Überwindung der Söckchen an Rock-umwehten Frauenbeinen lässt ja vielleicht darauf hoffen, dass es nur noch ein Generatiönchen dauern wird, bis das männliche Pendant Shorts-Socken-Sandalen ebenfalls der Vergangenheit angehört. 😉 Herzliche Grüße!

  4. die Faszination an Bilder aus vergangenen Epochen teile ich, manche sind so intensiv, dass sich bei mir Gerüche einstellen, manche aus Häusern, andere von Tanten, wie z.B. bei dem Blick auf die 3 „Mädels“
    ich finde es herzerfrischend, wenn der Weg zurück zur Schlichtheit gefunden wird, wie z.B. handgeschriebene Preisschildchen und 3 simple Weihnachtsmänner, die allerdings SEHR freundlich lächeln 😉 und der weisse Bär mit Schal erst in der Ecke … lach und wech

    aber nicht ohne dich herzlich zu grüssen

    • „Lach und wech“ und dazwischen ein Hauch Wehmut. Bilder, Gerüche und Geräusche, die vielleicht schon ein Weilchen nicht mehr aufgetaucht, aber doch unverlierbar irgendwo abgespeichert sind… Genau so ist es, liebe Ulli. Bei mir war es der Kramladen von Helmut D. in der Langen Straße, der beim Blick in die Münz-Schaufenster plötzlich wieder sehr lebendig wurde. Als Kinder hatten wir dort Schulhefte und Bonbons gekauft und auf dem Fußboden zwischen den Verkaufsständern ganze Nachmittage lang erst Comics und später die Bravo gelesen. Und so ganz allmählich hätten wir uns gefragt, ob sich Helmut wohl dieses Jahr erweichen lassen würde, ein paar echte Raketen herauszurücken oder wieder nur Piepmantsches… 🙂

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