Ein ganzes Leben

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Roman. München 2014

278x453x978-3-446-24645-4_9783446246454.jpg.pagespeed.ic.XaLw0wqeEt„Einmal, während einer kurzen Rast am Zwanzigerkogel, packte ihn ein vor Ergriffenheit bebender junger Mann an den Schultern und schrie ihn an: ‚Sehen Sie denn nicht, wie wunderschön das alles hier ist!‘ Egger blickte in das von Glückseligkeit verzerrte Gesicht und sagte: ‚Schon, aber gleich wird es regnen, und wenn die Erde zu rutschen anfängt, ist es vorbei mit der ganzen Schönheit.'“ (S. 119)

Ich musste lachen. Das hätte der Karl auch gesagt haben können. Klein und drahtig, das Gesicht vom Draußensein bei jedem Wetter ledrigbraun und voller Furchen, ein Mann undefinierbaren Alters mit rauem festem Händedruck – so erwartete er uns auf einem Parkplatz am Rande des Stubaitals. Unser Bergführer für die kommende Woche. Eigentlich kam der Karl aus dem Ötztal. Er erwähnte das, als läge eine Reise um die halbe Welt zwischen den benachbarten Alpentälern. Auch der Karl gestand uns nur kurze Rasten zu. Gucken, fand er, könnten wir noch, wenn wir den Gipfel erreicht hätten. Der Karl sprach wenig. Waren es einmal drei Sätze am Stück, ging es vermutlich um die Formation von Cirrus- und anderen Wolken. Für meine bergberauschten Sinne mochte sich das wie Poesie anhören – der Karl war mit seinen Gedanken ganz unsentimental bei der Tiefdruckzone, die sich über dem Gletscher bildete.

„Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine unübersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Bäume geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu befeuern. Er hatte oft und oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.“ (S. 146 f)

Nein, religiös war dieser Andreas Egger sicher nicht. Und doch ließe sich sein Leben mit dem bekannten Psalm umschreiben: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Es ist ein hartes Leben, das der Österreicher Robert Seethaler in seinem fünften Roman auf gerade einmal 150 Seiten ruhig, unpathetisch, auf das Wesentliche reduziert erzählt. Das Glück ist darin nicht mehr als ein flüchtiger Gast. Der Hilfsknecht, Seilbahnbauer, Kriegsgefangene und Bergführer Andreas Egger nimmt das eine wie das andere hin. Er begehrt nicht auf, zerbricht aber auch nicht – nicht an den brutalen Misshandlungen des Pflegevaters und nicht an den Schlägen, die das Schicksal ein Leben lang für ihn bereithält. Genügsam erfüllt er seine Pflicht. Es zieht ihn nicht an andere Orte und er träumt auch nicht von einem anderen Leben, wie wir modernen (Stadt-)Menschen dies so gerne tun.

Was mich immer wieder fasziniert, in der Literatur ebenso wie im wirklichen Leben, ist, dass weder das eine noch das andere Modell ein Garant für Glück oder Zufriedenheit ist. Eine erste Ahnung davon, dass auch ein Leben, das mir selbst eng erschiene, sehr erfüllt sein kann, erhielt ich, als ich in einem anderen Jahrhundert im Norden Griechenlands eine sehr alte Frau kennenlernte, die bis auf einige wenige Ausflüge in die nahe Kleinstadt nie aus ihrem Dorf herausgekommen war. Mit einer Mischung aus Schaudern und Entzücken verfolgte sie „Raumschiff Enterprise“ im Fernsehen und wenn Mr. Spock auf dem Bildschirm auftauchte, staunte sie darüber nicht weniger als Andreas Egger über die Männer, die auf dem Mond herumspazierten. Aber selbst der Weg vom Ötztal ins Stubaital kann weit sein.

Und so, wie die Begegnung mit einem Menschen gut tut, dessen Leben sich auf die eine oder andere Weise erfüllt, so tut auch die Lektüre dieses Romans gut. „Wer seiner Seele eine Freude machen will“, sagte Christine Westermann im WDR, „der lese dieses Buch.“ Der Aufforderung kann ich mich nur anschließen.

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34 Kommentare zu “Ein ganzes Leben

  1. Sie haben mich überzeugt. Und ich habe einen Wunsch. Jetzt muss ich bloss noch einen Weihnachtsschenker überzeugen.
    Ich danke Ihnen für die Vorstellung.
    Fastmitternächlichamschreibtischarbeitende Grüsse aus dem lebendigen Bembelland.

    • Wie jetzt, verehrter Herr Ärmel? Sie suchen mich, auf daß Ihnen der einige meinige jenes Büchlein vermache? Mit großer Freude! Teilen Sie mir nur die Postverbindung mit. 🙂

      • Wie jetzt, verehrter Herr Salva? Sie suchen mich, um mir jenes zur Rede stehenden Büchlein zum Zwecke des Geschenks zu übersenden. Sie erfreuen mich sehr mit Ihrem Vorschlag und ich danke Ihnen aufs Herzlichste.
        Allein die Mitteilung meines vorübergehenden Asühlortes möchte ich gerne tauschen mit Ihnen, denn heute Morgen, noch bevor ich diesen Kommentar zu schreiben gedachte, sah ich ein Buch im Regal und dachte daebi an Sie. Warum auch immer, darüber könnte ich bestenfalls spekulieren.
        Wenn wir also angelegentlich einen Tausch verabreden könnten, will ich Ihrem Angebot mit Freuden nachkommen. Was meinen Sie?
        Adventssonntagmorgenstille Grüsse aus dem schlafenden Bembelland

      • Es gibt ja wirklich spannende Momente in der Bloggerwelt, die mir, bevor man sie erfahren darf, so wie jetzt, sicherlich nie in den Sinn gekommen wären.

        Herzlich gerne überlasse ich Ihnen eine postalische Zustellmöglichkeit und sehe der Ihrigen mit großem Vergnügen entgegen.

        Wir erledigen das doch aber bitte via separater E-Mail, oder? Zumindest sehe ich da eine auf Ihrem Blog anverwiesene, an die ich mich einfach mal wenden werde. 🙂

        Herzliche Sonntagsgrüße in die Mitte der Republik,
        Der Salva

      • Sie, verehrter Herr Salva, verblüffen mich. In etwa so wie dieses bemerkenswerte Wort verblüffen…
        Sonntagsausflugserschöpfte Abendgrüsse aus dem ruhiger werdenden Bembelland

      • Allerherzlichsten Dank für’s Zustandekommen des außerbloggerischen Epostschreibens. Ich freue mich schon sehr, die Postfiliale meines Vertrauens zu beehren … 🙂

        Ego nec praeterita nec presentia abs te, sed ut ab homine longe in posterum prospiciente futura expecto … 🙂

        Ich erwarte weder Vergangenes noch Gegenwärtiges, sondern, als von einem Manne, der weit in die Zukunft blickt, das Zukünftige … 🙂

        Soviel zum Thema verblüffen!

        Wünsche Gutenachtgrüße ins Bembelland.

      • Zeitlich unbegrenzt scheint auch mir passend.
        Der reitende Kurier sattelt bereits seinen Zossen . . .
        Morgendlichblauhimmlischfrische Grüsse aus dem fetzigen Bembelland

    • 😀 😀 😀
      Was ist besser, die Rezension oder die Kommentare? 🙂
      Auf jeden Fall werde ich meine Seele eine Freude machen und das Buch lesen.
      Herzlichen Dank,
      Dina

  2. liebe Maren, das ist eine wunderbare Buchbesprechung und nun bin ich ganz schuckelig geworden und möchte es gerne lesen, am liebsten jetzt … 😉
    hab einen feinen 3. Advent, herzliche Grüsse vom frühlingshaften Berg

    • Hihi. Das Wort „schuckelig“ kannte ich bisher noch nicht, aber ich kann mir den Zustand in etwa vorstellen, liebe Ulli. Könnte mir auch vorstellen, dass das Buch zu dir als Bergbewohnerin in besonderer Weise spricht. Liebe Grüße aus dem ebenfalls sonnigmilden Hamburg!

    • Ja, bei so viel Lob vermisst man fast schon kritischere Stimmen, aber ich konnte wirklich nicht anders. Ich mag Seethalers Erzählweise sehr. Du könntest allerdings noch mal bei Anna reinlesen. Sie war, wenn ich mich richtig erinnere, deutlich verhaltener. Auch dir einen schönen Adventssonntag, liebe Claudia!

  3. Liebe Maren, deine wunderschöne, einfühlsame Einführung in dieses Buch „Ein ganzes Leben“ hat mich sofort wieder die Gegend und das harte Leben im Stubaital spüren lassen. Ausserdem bin ich mit dir sehr einverstanden, dass Menschen, die nicht in der Welt herumgewandert sind manchmal weiser und zufriedener sind als die anderen.

    • Liebe Martina, vielen Dank für deinen Kommentar, der jetzt schon ein Weilchen mit mir durch den Tag geht. Spontan fiel mir ein Aber ein: A b e r Nicht-Herumwandern in der Welt macht auch nicht zwangsläufig weiser oder zufriedener. Inzwischen bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Ich lasse jetzt einfach mal die Weisheit weg, das scheint mir noch komplexer zu sein. Aber was die Zufriedenheit angeht, frage ich mich gerade allen Ernstes, ob Nichtherumwandern in der Welt nicht womöglich doch ganz viel mit Zufriedenheit zu tun hat. Zumindest wenn dafür nicht z.B. ein Mangel an finanziellen Ressourcen verantwortlich ist, sondern … Mangel an Neugier z.B. oder vielleicht auch Mangel an Phantasie. Wer sich nicht immerzu etwas anderes vorstellen kann oder sich danach sehnt, hat größere Chancen, mit dem glücklich zu werden, was er hat – so in der Art. Und dann berührt das Herumziehen in der Welt ja auch ein Thema, über das wir uns kürzlich schon einmal ausgetauscht haben: geringere traditionelle Bindungen an Familie oder Orte (Heimat) und die damit einhergehenden Verunsicherungen…
      Jetzt aber ab die Post! 😉

      • Guten Abend Maren und lieben Dank für deine tiefgreifenden Worte.
        Ich weiss natürlich auch nicht, ob ich dir die richtigen Antworten geben kann, wahrscheinlich ist das auch Ansichtssache.
        Zuerst zur Weisheit
        Mir kommen da z.B Bauern in den Sinn die mit Grund und Boden sehr verbunden sind und Liebe dafür haben. Sie beobachten die Pflanzen und wissen sehr genau, (etwa halbschattig/volle Sonne)was sie in die jeweilige Erde pflanzen müssen und, wie tief sie diese Pflanze einsetzen müssen. So einen Menschen halte ich für Weise, weil er die Natur beobachtet und so handelt, dass er ihr nicht schadet.
        Zur Zufriedenheit
        Ich glaube, so wie du, dass jemand mit kleineren Ansprüchen (z.B.geringere Neugier) eventuell zufriedener ist als jemand, der grössere Bedürfnisse hat ( z.B.mehr wissen, reisen oder eine gewisse Arbeit leisten will). Aber ich persönlich glaube halt nicht, dass man jahrein jahraus glücklich und zufrieden sein kann, also, dass es nicht das Wichtigste ist, sondern, dass es immer wieder darauf ankommt, ob man den Mut hat /gehabt hat gewisse Dinge zu tun oder wenigstens zu versuchen. Dieser Schritt, mit allen Vor-und Nachteilen, bringt eben auch mit sich, dass man manchmal gegen die Erwartungen von Familie und Gesellschaft handelt. Glücklich diejenigen, die mit dem zufrieden sind, was sie so sind und später nicht sagen, oh hätt ich doch….
        Ich hoffe, dass ich mich mehr oder weniger verständlich ausgedrückt habe. Vielleicht hätte ich bis morgen warten sollen, weil ich die Worte dann klarer hätte formulieren können.
        Liebe Grüsse:)

      • Ich freue mich sehr über deine Gedanken, Martina. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, sie zu teilen.
        Was du über die Weisheit schreibst – schön! Und wer der Natur draußen so aufmerksam begegnet, kommt wohl auch besser mit der eigenen inneren Natur in Berührung. Zum zweiten Stichwort: Ich halte Zufriedenheit auch nicht für einen Dauerzustand, und Glück schon gar nicht, so wunderbar sich beides anfühlt. Selbst die Idee, etwas zu tun, (nur) um glücklicher oder zufriedener zu sein, erscheint mir wenig tauglich zu sein. Vielleicht hattest du Ähnliches im Sinn, als du schriebst, es komme immer wieder darauf an, ob man den Mut hat, gewisse Dinge zu tun oder wenigstens zu versuchen, mit allen Vor- und Nachteilen. Diese Maxime gefällt mir sehr. Ein erfülltes Leben (und damit letzten Endes auch Zufriedenheit) ohne Scheitern, Schmerz und Leid ist m.E. nicht denkbar.
        Dir noch einen schönen Tag und liebe Grüße!

      • Du hast unsere Gedanken so schön zusammengefasst, dass ich sie einfach so stehen lassen möchte. Aus dem Tessin wünsche ich dir einen erfüllten Abend und sende dir auch liebe Grüsse.

  4. Pingback: Inventur – Bilanz – Was bleibt? – Was wird kommen? | Herr Ärmel: Fotografie und Text

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