Drei Farben Blau

P1030519Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

P1000471Ingeborg Bachmann: Die blaue Stunde

Der alte Mann sagt: mein Engel, wie du willst,
wenn du nur den offenen Abend stillst
und an meinem Arm eine Weile gehst,
den Wahlspruch verlorener Linden verstehst,
die Lampen, gedunsen, betreten im Blau,
letzte Gesichter! Nur deins glänzt genau.
Tot die Bücher, entspannt die Pole der Welt,
was die dunkle Flut noch zusammenhält,
die Spange in deinem Haar scheidet aus.
Ohne Aufenthalt Windzug in meinem Haus.
Mondpfiff – dann auf freier Strecke der Sprung,
die Liebe geschleift von Erinnerung.

Der junge Mann fragt: und wirst du auch immer?
Schwör’s bei den Schatten in meinem Zimmer,
und ist der Lindenspruch dunkel und wahr,
sag ihn her mit Blüten und öffne dein Haar,
und den Puls der Nacht, die verströmen will!
Dann ein Mondsignal, und der Wind steht still.
Gesellig die Lampen im blauen Licht,
bis der Raum mit der vagen Stunde bricht,
unter sanften Bissen dein Mund einkehrt
bei meinem Mund, bis dich Schmerz belehrt:
lebendig das Wort, das die Welt gewinnt,
ausspielt und verliert, und Liebe beginnt.

Das Mädchen schweigt bis die Spindel sich dreht.
Sterntaler fällt. Die Zeit der Rosen vergeht:
ihr Herren, gebt mir das Schwert in die Hand,
und Jeanne d’Arc rettet das Vaterland.
Leute wir bringen das Schiff durch’s Eis,
ich halte den Kurs, den keiner mehr weiß.
Kaufe Anemonen! Drei Wünsche das Bund,
die schließen vorm Hauch eines Wunsches den Mund.
Vom hohen Trapez im Zirkuszelt
spring ich durch den Feuerreifen der Welt,
ich gebe mich in die Hand meines Herrn,
und er schickt mir gnädig den Abendstern.

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Christian Morgenstern: Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

„Durch meine Fenster muss man“, spricht die Frau,
„so durchsehn können, dass man nicht genau,
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.“
Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt:
„So hat Zäzilie ja noch nie geputzt!“

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und sagt einstimmig: „Diese Magd muss gehn!“

Ein Jahr 2015 voller Leben und Zäzilie-klaren Aus- und Einsichten wünsche ich. Möge es sich immer wieder sehnsuchtsvoll verblauen und „verneuen“!

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9 Kommentare zu “Drei Farben Blau

  1. Das war der schönste Neujahrsgruß, liebe Maren!
    Danke! Es versteht sich, daß auch ich Dir ein neues, frisches Jahr wünsche, das bitte in den Farben Deiner Wahl leuchten möge! Grüße von Stefan

  2. liebe Maren, hach, so fängt der Morgen und das Jahr doch gut an, du selbst hast die Worte aufgenommen, die mir entgegensprangen: verblauen und verneuen, die nehme ich mit, arbeite ich doch gerade an meinen blauen Stunden, auf dass ich sie alle zusammen in ein Bändchen fasse, da wird die eine und andere erneut verblauen oder sich ganz verneuen …
    und deine Bilder … sind spitzenklasse, besonders das dritte hat es mir angetan. ich danke dir für diese feine blaue Stunde am späten Vormittag, hier wölbt sich ein strahlend blauer Himmel über die weissen Berge und beide rufen: nu komm schon raus!
    ja, auf ein Neues mit vielen blauen Stunden und vielen Verneuungen, mit Freude und Gesundheit
    Ulli

    • Blaue-Stunden-Bändchen, liebe Frau Blau? Das hört sich sehr fein an. Werden wir das denn auch zu lesen kriegen? Vorfreudige Grüße aus dem ebenfalls blauhimmlischen, aber regenschlammgrundigen Norden der Republik!

      • das meiste davon ist schon irgendwann einmal auf meinem Blog gewesen, aber wenn es soweit ist, gebe ich Laut 🙂

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