Horizonterweiterung

P1070198Sherlock Holmes und Watson waren unterwegs, um einen wichtigen Fall aufzuklären. Da sie kein Hotelzimmer mehr bekommen hatten, entschlossen sie sich zu zelten. Mitten in der Nacht weckte Sherlock Holmes Watson und fragte ihn: „Lieber Watson, was siehst du – und was bedeutet es für dich?“ Watson antwortete: „Lieber Holmes, ich sehe den Sternenhimmel über uns. Meteorologisch bedeutet es für mich, dass wir morgen gutes Wetter haben werden. Astronomisch bedeutet es für mich, dass wir Lichtjahre von der nächsten Galaxie entfernt sind. Juristisch bedeutet es für mich, dass die Sterne weder Mobilien noch Immobilien sind, sondern zu dem völkerrechtlichen Rechtsinstitut des unveräußerlichen Erbes der Menschheit gehören. Und was, lieber Holmes, bedeutet es für dich?“ „Dass uns jemand, lieber Watson, unser Zelt gestohlen hat.“

Was wir wahrnehmen ist das eine. Die Bedeutung, die es für uns hat, das andere.

P1070201Der kleinen Geschichte von Sherlock Holmes und Watson war ich während meiner Ausbildung zur Mediatorin zum ersten Mal begegnet. Auf dem Osterspaziergang kam sie mir jetzt wieder in den Sinn.

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27 Kommentare zu “Horizonterweiterung

  1. HI, hi, also in diesem Fall ist Sherlock Holmes eindeutig der praktischere, erdigere Typ. Ein schönes Beispiel zum Thema Interpretation von Wahrnehmungen. Werde ich in meinen Fundus aufnehmen !

  2. Dass Sherlock sich so beinahe romantisch und durchaus unlogisch antwortet, hätte ich ihm gar nicht zugetraut – auch ein Beispiel für voreingenommene Wahrnehmung…

      • Liebe Maren,
        ich meinte damit – Holmes argumentiert ja immer rein wissenschaftlich und bringt nun dieses poetische Zeltbild. Das passt ja eigentlich gar nicht zu ihm, oder?
        Aber das ist vielleicht ja auch das zusätzlich Überraschende an der Geschichte.

  3. Eine herrliche Geschichte über das Schlussfolgern. Die weitschweifige Antwort hätte ich zwar eher Sherlock zugetraut, daber es stimmt, er ist der, der das Naheliegende sofort erkennt.
    Viele liebe Ostermontagsgrüße sendet
    Marlis

    • Was ich an dieser Geschichte so klasse finde, ist, wie schwebend leicht sie einem vor Augen führt, dass das, was für den einen ganz nahe liegt, für den anderen sehr abseitig sein kann. Komm gut in die neue Arbeitswoche, Marlis!

      • Da bin ich schon einverstanden, aber ich glaube auch, dass viele Menschen sich der Unterschiede sehr wohl bewusst sind, sie aber nicht wahrhaben wollen und verdrängen. Danke für deine Wünsche, liebe Mara.

    • Manchmal fällt man fast über etwas und sieht es doch nicht. Zu dicht dran? Noch nicht dran? Wahrscheinlich weniger ein Fall für Holmes und Watson als für Kierkegaards kluge Erkenntnis, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, es aber vorwärts leben muss. Danke für deine Erst-, Zweit- und Drittgedanken, Sonja. Freue mich schon auf „Pubertät revisited“. 😉

    • Lieber Kai, wie gut die Sherlock-Holmes-Geschichten sind, kann ich gar nicht beurteilen. Ich kenne kaum mehr als diese. Aber neue Bilder seien hiermit schon einmal versprochen – verbunden mit einem herzlichen Gruß.

      • Tja, diese Wahrnehmung. So etwas treibt mich auch immer um. Was die Bilder anbelangt, bin ich dann auch beruhigt.
        Aber: den Beruf eines Mediators scheint es ja wirklich zu geben. Dieses Berufsbild ist mir bislang nur in einer Fernsehserie begegnet. Und ich dachte es sei eine – wenn auch gute – Erfindung der Filmemacher gewesen. (Das ist zwar off-topic aber für mich trotzdem spannend.)

        Liebe Grüße, mick.

      • Wozu Fernsehserien doch gut sein können… 😉 Und im wirklichen Leben ist Mediation ein wunderbares Verfahren um herauszufinden, welche Interessen und Ziele wirklich hinter den oftmals verhärteten und festgefahrenen Positionen stehen, damit Verständigung und Lösungen jenseits von „Recht haben“, „Gewinnen/Verlieren“ und (faulen) Kompromissen möglich werden.

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