En passant

P1070135An eine, die vorüberging

Der wilde Straßenlärm betäubend mich umfing.
In tiefer Trauer, groß und schlank, ein Bild des Leides,
Kam eine Frau vorbei und hob den Saum des Kleides
Mit zierlich feiner Hand, da sie vorüberging

In elegantem Stolz, ein Marmorbild, das schreitet.
Ich aber trank gebannt und gleichsam wie im Wahn
Aus ihren Augen, wie ein Himmel im Orkan,
Die Süße, die entzückt, die Lust, die Tod bereitet.

Ein Blitz… und wieder Nacht! – O Schönheit, die mir flieht
Und die mit ihrem Blick mich plötzlich neu geboren,
Ob vor der Ewigkeit mein Aug dich wiedersieht?

Vorbei! Zu spät! Vielleicht für immer mir verloren!
Du weißt nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, wie du heißt,
O dich hätt ich geliebt, o du, die du es weißt!

Aus: Charles Baudelaire „Les fleurs du mal“, übertragen von Carl Fischer

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6 Kommentare zu “En passant

  1. Ich danke dir, liebe Maren, für dieses wunderschöne Gedicht und das passende Foto. Die Worte haben mich sofort and das Buch „Blink“ von Malcolm Gladwell erinnert, in welchem er sagt, dass die besten Entscheidungen, die sind, die man niemandem erklären kann. L.G.

    • Jetzt machst du mich aber neugierig, liebe Martina. Den Gladwell und seinen intuitiven Approach schaue ich mir mal näher an, wenn der gerade schrecklich hohe Stapel ungelesener Bücher ein wenig geschrumpft ist. 😉 Schön, dass dir Baudelaires „Blink“ und die flüchtigen Impressionen vom Hamburger Hauptbahnhof gefallen haben.

  2. gefällt mir sehr! baudelaire scheint (to my mind) das ewige problem in beziehungen anzusprechen, dass wir eher auf der suche nach uns selbst sind. was uns fehlt, das suchen wir und was uns so eigenartig vertraut wirkt, finden wir als fehlende ergänzung oder vielleicht als gegenstück in einem fremden…etwas das bereits in uns selbst schlummert. liebe grüsse sirpa

    • Vor ein paar Tagen las ich irgendwo, dass wir uns nur nach etwas sehnen könnten, das wir kennen. Und von Khalil Gibran erinnere ich die Zeilen: „Wenn du traurig bist, dann schau in dein Herz und du wirst erkennen, dass du weinst um das, was dir Freude bereitete.“ Für das ganz Fremde, Unbekannte fehlt es uns womöglich an Vorstellungsvermögen. – Danke für deine schönen Beziehungsgedanken, liebe Sirpa!

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