Diesen Anfang liebe ich

P1090107Ich liebe diese Stunde, die anders ist, kommt und geht. Nein, nicht die Stunde, diesen Augenblick liebe ich, der so still ist. Diesen Anfangs-Augenblick, diese Initiale der Stille, diesen ersten Stern, diesen Anfang. Dieses Etwas in mir, das aufsteht, wie junge Mädchen aufsteh’n in ihrer weißen Mansarde…

Diese Nacht, sie liebe ich. Nein, nicht diese Nacht, diesen Nachtanfang, diese eine lange Anfangszeile der Nacht, die ich nicht lesen werde, weil sie kein Buch für Anfänger ist. Diesen Augenblick liebe ich, der nun vorüber ist und von dem ich, da er verging, fühlte, daß er erst sein wird.

Aus: Rainer Maria Rilke „Fragment von den Einsamen“ (1903)

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20 Kommentare zu “Diesen Anfang liebe ich

  1. Morgenmensch begegnet Nachtschwärmer. Gerade heute, früh erwacht, der Blick aus dem Fenster – die Stunde, die Rilke beschreibt. Und ohne dies Zitat zu kennen, dachte ich mir: Wie liebe ich diese Stunde. Alles noch frisch und unverbraucht…
    Wie schön Du das wieder kombiniert hast, Text und Bild! Das ist eine schöne Überraschung für Frühaufsteher…

    • Liebe Morgenmenschin, das hätte ich mir ja denken können, dass du – auch ohne den Text zu kennen – ahnst, dass Rilke jemanden an das immer offene Fenster der Mansarde treten und in die Welt blicken lässt, lange bevor die Nacht heraufdämmert. Dennoch hatte es mir gerade „diese eine lange Anfangszeile der Nacht“ angetan, von der am Ende des von mir noch weiter fragmentierten Fragments die Rede ist. Auf dem Foto ist übrigens auch ein erlöschender Tag zu sehen, der einem erwachenden allerdings wirklich sehr ähnelt. Herzliche Grüße von der Nachtschwärmerin!

      • Ach, hätte die Stimmung Deines Beitrages nur angehalten. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – heute ist es so drückend-schwül, trotz Regen und Gewitterwolken…jetzt schau ich nochmal Dein Bild an und hoffe auf eine kühle Nachtdämmerung!

      • Oje, ich drück die Daumen, dass die Temperaturen auch bei euch ganz bald so weit sinken, dass der Regen erfrischende Wirkung hat statt ganz Augsburg in eine Saunalandschaft zu verwandeln! Hier ging gerade die Welt unter – und sie ersteht auch schon wieder auf. 😉

  2. Mir scheint, dass diese Worte zusammen mit dem Bid einfach allen gefallen müssen,unabhängig davon ,ob Nachtscwärmer oder Frühausteher! Ganz lieben Dank ,liebe Maren🌻

    • Sehr gern, liebe Martina. Ja, ich stimme dir zu: Wer Sinn für frühe Morgenstimmungen hat, liebt wahrscheinlich auch die Atmosphäre, wenn der Tag allmählich zur Nacht wird, und umgekehrt. Die Farben, das Licht, noch oder endlich still…

  3. Die zwei magischen Momente des Tages, wenn er anbricht und wenn er sich verabschiedet … besser kann man es kaum zeigen und beschreiben! danke dir-
    mein Tag hat schon seinen Lauf genommen, deiner bestimmt auch, ich wünsche dir einen guten Verlauf und ein magisches Ende
    herzlichst Ulli

    • Magisch, das trifft es gut, liebe Ulli. Und weil uns allen ein bisschen Magie gut tut, tun wir sicher gut daran, uns möglichst oft im Morgengrauen oder zur blauen Stunde hinaus ins Grüne zu bewegen. Auch dir einen magisch-herzlichen Gruß!

      • leider schaffe ich es seltenst am Morgen, obwohl ich es oft bedauer, aber am Abend, da klappt es dann doch häufiger, wenigstens einmal Magie am Tag 😉
        liebgrüss ich dich

      • Geht mir genauso, Ulli. Sonnenaufgang im Sommer ist einfach schrecklich früh und im Winter schrecklich kalt. Heute fällt die Magie hier im Norden vermutlich sogar komplett ins (Regen-)Wasser… obwohl… nach der Hitze der vergangenen Tage ist so ein bisschen Frische auch ziemlich magisch. 😉

      • echt … bei euch regnet es …Neid, bei uns gab es nur einen Zehnminutenguss und eine Abkühlung von gefühlten 20° und sehr viiiiiel Wind … Wasser bräucht das Land noch mehr-
        tröstet mich, dass du es auch nicht oft schaffst- gäll, das Foto ist aus der Wüste?

      • Ja, zurückhaltend formuliert würde man von ergiebigen Regenschauern sprechen. Wenn ich vom Balkon auf die tropfnasse Linde und die ebenso tropfnasse Platane schaue, die minütlich grüner und dichter zu werden scheinen, denke ich unwillkürlich an die langsam zuwuchernde Veranda in Gabriel García Marquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“… Schnitt. Stimmt, das Foto ist aus der Wüste.

      • ich denke immer bei zunehmenden Spinnenweben an die hundert Jahre Einsamkeit … 😉
        danke fürs spätnachmittägliche geplausch, nun muss ich mal los … ein bisschen malen-

  4. Diesen Blogpost liebe ich, nein, nicht diesen Blogpost, diesen Augenblick, wenn Bild und Worte sich zu einem verdichten, wenn ein ganz neues Kunstwerk entsteht, das mich zutiefst berührt, und das mir sagt: schön, dass Du zurück bist. Danke, liebe Maren, für das perfekte Zusammenspiel von Wort und Bild. Liebe Grüße, Peggy

    • Und ich liebe diesen Kommentar. Ganz, nicht nur den Anfang. Danke, liebe Peggy, auch für das das herzliche Willkommen. Das Bild habe ich aus Afrika mitgebracht, den Rilke trage ich im Herzen, hier und dort. Freut mich sehr, dass beides zu dir spricht. Jetzt aber erstmal Dir und dem Kleinen Entdecker herrlich bewegte Zeiten auf eurer Rucksack-Bahn-Abenteuer-Tour!

  5. Pingback: Sonntagsleserin Juli 2015 – Teil 1 | buchpost

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