Keep going II

P1100437Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ „Du kennst also dein Ziel?“ fragte er. „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch: ‚Weg-von-hier’, das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“

Franz Kafka: Der Aufbruch (1922)

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15 Kommentare zu “Keep going II

  1. Was für ein toller Text. Kafka habe ich noch nie gelesen. Vielleicht sollte ich mich mal trauen…. liebe Grüße, Stefanie

    • Freut mich, dass der Text auch zu dir spricht, Stefanie! Er kam mir vor ein paar Tagen zufällig (wieder) unter und „zieht“ mich gerade sehr. Von Kafka habe ich vor Jahren einiges gelesen und kann dich nur ermuntern. Kein ganz leichter (im Sinne von heiterer) Stoff, aber sehr beeindruckend, auch sprachlich.

  2. Ich habe dieses Buch von Kafka nicht gelesen, aber er hat sich immer wieder mit ähnlichen Themen beschäftigt und ich glaube einfach , dass es manchmal mehr Durchhaltevermögen braucht , um an Ort und Stelle zu bleiben und eventuelle Probleme versucht zu lösen. Ich weiss ,das ist einfacher gesagt als getan. Ganz lieben Gruss, liebe Maren, ins wahrscheinlich kühlere Hamburg!

    • Sehr interessant, wie unterschiedlich man einen Text interpretieren kann, liebe Martina! Darin, dass zu bleiben viel (heraus-)fordernder sein kann als zu gehen, stimme ich dir ohne weiteres zu. Aber dieser kurze Text (es ist nur diese Parabel, kein Ausschnitt aus einem Buch) erzählt mir gerade nicht von dem Konflikt „bleiben und sich stellen oder gehen respektive fliehen“ sondern von einer notwendig gewordenen größeren Veränderung, deren Ergebnis „der Herr“ nicht im Ansatz übersieht, die er aber mit bemerkenswerter Kraft, mit Mut und Vertrauen angeht. Liebe Grüße!

  3. Liebe Maren,
    ein schönes Bild, es ist ja auch eigentlich jedes Bild mit Hund schön (hihi), und ein toller Text, der, ganz nach Kafkas Art, erst entschlüsselt werden will. Terézia Mora erzählt in ihren Poetikvorlesungen ein bisschen über genau dieses Prinzip, eine Handlung zu erzählen, die noch viel mehr symbolisiert und in der jedes Element der Handlung und der Figuren eine besondere Bedeutung hat. – Und ach, mit nackten Füßen durch den Meeressaum stapfen, da hätte ich auch – mal wieder – Lust zu.
    Viele Grüße, Claudia

    • Ein Pferd hatte ich gerade nicht „zur Hand“, Claudia… Hätte übrigens vermutet, dass ein ordentlicher Hund für dich schon ein bisschen mehr Schulterhöhe aufweisen muss. 😉 Der Bogen, den du zu Terézia Moras Poetikvorlesungen schlägst, kam mir beim Lesen deiner Rezension auch schon in den Sinn. Kann es sein, dass „früher“ mehr in dieser mehrschichtigen symbolhaften Art erzählt wurde als in der aktuellen Literatur? Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!

      • Das kann gut sein, dass diese Art des Erzählens früher mehr Bedeutung hatte. Es ist ja auch mühsamer und verhindert die schnelle Rezeption. Oder wir suchen solche Symbole und Motive gar nicht mehr, sondern lassen die Geschichte so, wie sie ist, ohne nach weiteren Be-Deutungen zu schauen.
        Viele Grüße, Claudia
        PS: Auch der kleine Kerl, der da mit seinem Herrchen am Wasser entlang stapft, ist doch putzig und zieht auf jeden Fall ganz magisch meinen Blick auf sich.

  4. Pingback: Über’s lesen und reisen | Die Zaunreiterin

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