Schwarz, Weiß, wenig Rot

P1060161Manche Ausstellungsbesucher sollte man dafür bezahlen, dass sie sich tagelang vor ein bestimmtes Bild setzen, lässig an einer Wand lehnen, immer wieder dieselben Gänge entlang laufen, so sehr scheinen sie Teil des Präsentierten zu sein oder diesem doch eine besondere Note zu verleihen.

P1060170Das muss nicht unbedingt ein durchgestylter Künstlertyp in Dunkelanthrazit sein, ein älterer Herr in Wetterjacke, der wie hypnotisiert ins Auge der Monsterwelle blickt, ist nicht minder wirkungsvoll.P1100817

Die sehr empfehlenswerte Foto- und Gemälde-Ausstellung „Über Wasser“, auf der das letzte Bild entstanden ist, ist noch bis zum 20. September im Bucerius Kunst Forum gleich neben dem Hamburger Rathaus zu sehen. Mit oder ohne „Models“ und am besten mit Audio Guide.

Advertisements

35 Kommentare zu “Schwarz, Weiß, wenig Rot

  1. Liebe Maren,
    ich bin neugierig: Worauf schaut denn die Besucherin auf Deinem ersten Bild? Ist das Schrift, ein druchgängiger Text zum Lesen? – Ganz tolle Bilder, wieder einmal.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,
      herzlichen Dank für dein Lob und Interesse!
      Das ist eine Arbeit aus der äußerst faszinierenden Ausstellung „Secret Signs – Zeitgenössische chinesische Kunst im Namen der Schrift“, die um den Jahreswechsel 2014/15 in Hamburg zu sehen war. Sie trägt den Titel „The First Part of Ma Ke’s Left Index Finger“. Bei dem gezeigten Teil des Werks handelt es sich um einen auf mehrere Tafeln niedergeschriebenen Text von etwa 100.000 Schriftzeichen, in dem der Künstler Ma Ke minutiös das vordere Gelenk seines linken Zeigefingers schildert. Ich zitiere aus dem Ausstellungstext: „Zunächst wollte er sich in seiner Arbeit mit den intrinsischen Aspekten des Schreibens auseinandersetzen, sich darauf konzentrieren, wie beim Schreibprozess Gedanken aufkommen und Form annehmen. Kurz vor Arbeitsbeginn entschied er sich jedoch für eine Beschreibung der äußerlichen Details des Schreibprozesses, da dabei – unabhängig von Erinnerung und Analyse – Schreiben und Beschreibung unmittelbar zusammenfallen.“
      Ich staune oft über die Geduld von Künstlern. In der im Beitrag erwähnten Ausstellung „Über Wasser“ ist z.B. eine riesige Bleistiftzeichnung von treibenden Eisplatten zu sehen, die über einen Zeitraum von zwölf Monaten entstanden ist. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine Fotografie. Die Zeichnung gehört zum „Archiv der Augenblicke“ der Künstlerin Li Trieb, das sich mit dem Unterschied von subjektiv erlebter und objektiv beobachteter Zeit beschäftigt.

      • Vielen Dank, liebe Maren für Deine ausführliche Erklärung. Die hat mich noch viel mehr zum Staunen gebracht, als die Bilder an sich schon. Dieser lange Text an der Wand handelt vom linken vorderen Zeigefingergelenk (ich habe beim Lesen Deines Textes unwillkürlich auf meinen linken Zeigenfinger geschaut und ihn mit dem rechten befingert)? Und das wie eine Fotografie aussehende, aber gezeichnete Bild ist nicht etwa das von Deinem Foto? Nein, es sind ja keine Eisplatten zu sehen. – Du hast sehr recht, was die Geduld von Künstlern betrifft. Diese Geduld, die Du da beschrieben hast, trifft ja auch für Schriftsteller zu. Und wir merken es alleine schon, wie lange so eine (einfache, übersichtliche) Buchbesprechung dauert, bis die mal fertig ist – und da ist noch kein poetisches Prinzip, das umgesetzt werden soll und immer wieder überarbeitet werden muss. Und wie schnell und zackig ich manchmal Dinge machen und entscheiden muss, hm, manchmal wäre ja mehr Zeit für mehr Geduld richtig schön.
        Ich wünsche Dir einen schönen Montagabend, Claudia

      • Ein weites Feld, das du da aufmachst, Claudia. Ja, auch Schreiben braucht Zeit und Geduld, manchmal mehr, als man gerade hat oder aufbringen möchte, da stimme ich dir zu. Aber dieses Meditative, das das fertige Werk beinahe schon als nebensächlich erscheinen lässt (ebenso gut könnte man den Prozess filmen), ist mir so bisher nur in der bildenden Kunst begegnet. Nebenbei: Du glaubst nicht, wie leid es mir tat, dass ich den Text über das linke vordere Zeigefingergelenk des Ma Ke nicht lesen konnte. 😉 Liebe Grüße!

  2. … und man sollte für die Ausstellungsbesucherfotografin eine Ausstellung ihrer Fotografien organisieren, zu der mit Sicherheit und aus gutem Grund viele Besucher kämen, z.B. ich. Vielleicht ist in dem Café am Lattenkamp genug Platz …
    Das Foto des ruhigen Betrachters der Tsunamiwelle find‘ ich sensationell!
    Gruß von der Alsterdorfer Straße (Treffer?)
    Michael

    • Lieber Michael, ganz herzlichen Dank für dein ebenso schönes wie Mut machendes Feedback! Ich denke gelegentlich darüber nach, die Fotografie noch stärker in meine publizistische Arbeit zu integrieren, aber eine Ausstellung? Hui, da muss ich erstmal das Selbstvertrauen mästen… 😉 Wenn sich deine Frage nach dem Treffer auf das Café bezieht, kann ich nur sagen: Volltreffer!

  3. So so, liebe Maren, Du gehst also in Ausstellungen, um Ausstellungsbesucher anzuschauen. Das ist ja auch mal ein kreativer Ansatz. Ich bewundere ja immer wieder Deinen Blick für das Außergewöhnliche. Liebe Grüße und einen schönen Abend, Peggy

    • Was das Betrachten von Ausstellungsbesuchern angeht, würde ich mich als eine Spätberufene bezeichnen, liebe Peggy. 😉 Da mich zum Glück nach wie vor auch die eigentlichen Exponate reizen, verlasse ich Museen und Galerien oft mehrfach beschenkt. Liebe Grüße nach Greenwich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s