Ferenji, ferenji!

P1130108Äthiopien ist dreimal so groß wie Deutschland – und trotz der Weite ziemlich dicht besiedelt. Wo immer wir anhalten, sind wir sofort umringt von meist jungen Menschen. „ferenji“ rufen sie und winken. Oder „you, you“. ferenji – das sind wir, die Ausländer. Das Wort ist möglicherweise von „french“ abgeleitet. Schulbücher werden vorgezeigt, das kommt besonders bei den weiblichen ferenji gut an. Einmal halte ich mitten auf der Straße eine improvisierte Englischstunde ab, während die Zahl meiner „Schüler“ ständig wächst. Um Begegnung geht es, aber meist auch darum, von der Begegnung einen geldwerten Vorteil zu haben. Ein paar Birr im Austausch für ein Foto, Kugelschreiber, leere Pet-Flaschen…

P1120875„Als ferenji gilt man in Äthiopien automatisch als reich. Im Vergleich zu den meisten Menschen ist man es auch“, schreibt Philipp Hedemann in dem schönen Geschichtenband „Der Mann, der den Tod auslacht“ über seine Jahre in Äthiopien. Eine Erfahrung, die ich auch als Durchreisende nur bestätigen kann. Besonders die jungen Männer erweisen sich als ebenso charmant wie hartnäckig in der Anbahnung nützlicher bilateraler Kontakte. So wie der 16-Jährige, den ich hier Tayé nennen werde, der sich wie selbstverständlich an meine Seite heftet, als ich im nordäthiopischen Axum, das für die Christen des Landes ähnlich bedeutsam ist wie Rom für die Europäer, ohne festen Plan Richtung Stadtzentrum bummele. Plaudernd laufen wir gemeinsam an allerlei Geschäften und Verkaufsständen vorbei. Von einem Kaffeeausschank dringt der unvermeidliche Geruch nach Weihrauch in die Nase. Um Fußball geht es, Tayé ist ein großer Fan von Thomas Müller und kennt sich auch in europäischer Geografie bemerkenswert gut aus.

P1110993Stolz zeigt er mir das alte Zentrum von Axum mit der neuen und der alten Kathedrale, zu der Frauen keinen Zutritt haben, und den Kapellen dazwischen. In einer von ihnen, das weiß in Äthiopien jedes Kind, wird die Bundeslade aufbewahrt, die vergoldete Truhe mit den in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat. Nur ein einziger Priester hat Zugang zum Allerheiligsten. Angeblich darf er selbst das Gelände niemals verlassen. Gerade steht er wenige Meter entfernt von uns vor der Kapelle, in der das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt sein soll. Ein paar Schritte weiter spricht ein Mönch im gelben Gewand ein stilles Gebet, die in ein weißes Tuch gehüllte Frau neben ihm spricht in ihr Handy.

P1120104Und wie kam die Bundeslade nach Axum? Das ist eine lange Geschichte, die damit beginnt, dass Makeda, die sagenhaft schöne Königin von Saba – die natürlich ebenfalls aus Äthiopien und nicht etwa aus dem Jemen stammte – den sagenhaft weisen König Salomon in Jerusalem besuchte, der sie mit einem Trick in sein Bett lockte und schwängerte. Makeda kehrte nach Äthiopien zurück, gebar einen Sohn, Menelik I. Als junger Mann reiste Menelik zu seinem Vater nach Jerusalem. Bei der Rückkehr nach Äthiopien ließen die Männer in seinem Gefolge, angeblich ohne Meneliks Wissen, die Bundeslade mitgehen. Damit hatte Axum Jerusalem als geistiges Zentrum abgelöst.

Ob die Königin von Saba wirklich gelebt hat, weiß bis heute niemand. Vor einigen Jahren haben Archäologen der Universität Hamburg in der Nähe von Axum unter neueren Palaststrukturen Überreste eines Palastes gefunden, der, davon ist man in Äthiopien fest überzeugt, der sagenumwobenen Königin gehört hat. Ob Legende oder Wahrheit: Die Salomonische Dynastie, die zuletzt von 1268 bis 1974 über Äthiopien herrschte, führte sich selbst jedenfalls auf die uneheliche Verbindung zwischen Makeda und Salomon zurück. Der letzte Kaiser Abessiniens, Haile Selassie, bezeichnete sich als 225. Nachfolger des Sohnes der Königin von Saba.

P1120038Keine Legende ist in jedem Fall das Reich von Axum, das im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erstmals in einem griechischen Handbuch für Seefahrer erwähnt wird. Axum spielte damals eine wichtige Rolle im Handel zwischen dem Römischen Reich und Indien. Sein Hafen Adulis am Roten Meer war Hauptumschlagplatz für Elfenbein und Sklaven. So bedeutsam war das Axumitische Reich, dass seine Herrscher ab etwa 270 n. Chr. begannen, eigene Münzen auszugeben. Äthiopien war damit neben Ägypten das einzige afrikanische Reich, das in der Antike Münzen prägte. An diesen Münzen lässt sich ablesen, dass das (orthodoxe) Christentum in Äthiopien im vierten Jahrhundert unter König Ezana Fuß zu fassen begann: Auf frühen Münzen aus seiner Regierungszeit sind noch Sonnenscheibe und Halbmond zu sehen, auf den späteren prangt ein Kreuz.

Aber zurück in die Gegenwart dieses biblischen Orts. Zwischen Geistlichen, Gläubigen, Bettlern und Touristen führt mich Tayé zu einem niedrigen Steinhäuschen. Tief muss ich mich bücken, damit ich durch die Tür passe, die zu dem fensterlosen Schlaf- und Wohnraum des Priesters führt, bei dem der 16-Jährige Quartier gefunden hat, während er das College in Axum besucht. Der väterliche Priester-Freund scheint nicht im mindestens gestört von dem Besuch. Arm in Arm posieren wir für ein paar Fotos auf seinem Bett.

P1110986Später im Park-Café samt weihrauchgeschwängerter Kaffee-Zeremonie wird deutlich, dass Tayé die „reiche“ ferenji gern als „Sponsorin“ gewinnen würde. Aber er ist klug und sagt das nicht so direkt. Dass er ein vernünftiges Bett bräuchte, zumindest eine ordentliche Decke, habe ich ja mit eigenen Augen gesehen. Ich fange an darüber nachzudenken, wie ich meinen Schlafsack im Anschluss an die Trekking-Tour im Simien-Gebirge zu ihm bekommen könnte.

In dem bereits erwähnten Buch von Philipp Hedemann lese ich später: „Bei fast jedem Menschen, der, wie ich, privilegiert in einem armen Land lebt, stellt sich irgendwann das schlechte Gewissen ein. … Das schlechte Gewissen stellt sich nicht ein, weil es einem selbst gut und den anderen schlecht geht, sondern weil man ständig das Gefühl hat: Eigentlich müsste ich viel mehr tun, damit es den anderen auch endlich besser geht. Allen kann man nicht helfen. Das begreift man in Äthiopien schnell. Doch soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann?“

Am Ende ist es dann doch nicht der Schlafsack, sondern eine warme Decke geworden.

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33 Kommentare zu “Ferenji, ferenji!

  1. Vielen Dank, liebe Maren, für diese schönen Fotos und die „Geschichten drumherum“. Habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich mag die behutsame Art, die ich aus diesen Worten und Bildern heraus lese, sehr, mit der Du Dich Land und Leuten näherst. Liebe Grüße von Nebenan.

    • Ich danke dir für dein schönes Feedback, liebe Wolkenbeobachterin. Äthiopien scheint mir ungeheuer facettenreich zu sein – ich habe ja selbst erst „reingeschmeckt“ – und ich freue mich, dass du meinem kleinen Spaziergang mit Interesse gefolgt bist.

  2. Stolz zeigt er mir das alte Zentrum von Axum mit der neuen und der alten Kathedrale, zu der Frauen keinen Zutritt haben, und den Kapellen dazwischen.

    – Immer wieder schön, daran erinnert zu werden, dass man als Frau die berühmte Karte gezogen hat. Tiefsten Dank an meine Eltern…nicht 😦 .

  3. Spannend! Ich weiß so wenig über Afrika, nur dieses und jenes mal gelesen, mal gehört – Deine Reiseberichte machen da wieder neugierig. Allein die Geschichte um die Königin von Saba, darin steckt so viel Interessantes.

    • Da stimme ich dir unbedingt zu, Sonja: Allein die Königin von Saba… ah! Ich musste ordentlich an mich halten, um mich nicht allzu sehr in Details zu verlieren, die die Geschichte nicht wirklich voranbringen.

  4. Das schlechte Gewissen kann ich gut nachvollziehen und ja, wir sind reich, selbst wenn wir wenig haben, haben wir viel. Irgendwie ist doch alles unsere Entscheidung, aber in Ländern wie Äthiopien geht es ums Überleben, das ist wohl der grosse Unterschied, den wir zwar erahnen können, aber nicht teilen.
    herzlichen Dank, liebe Maren, wieder habe ich deinen Artikel sehr gerne gelesen!

    • Vielen Dank, dass du noch einmal ausdrücklich auf diesen Unterschied hinweist, liebe Ulli. Bei allen Versuchen, sich in einen anderen einzufühlen, bleibt immer auch eine Grenze, ein Rest, ein Unvermögen…, wenn man nicht selbst betroffen ist. Gerade stieß ich in einem ZEIT-Gespräch mit dem argentinischen Autor Martín Caparrós über sein neues Buch „Hunger“ auf ähnliche Gedanken. Caparrós schildert darin, dass er auf ein Kapitel verzichtet habe, weil er es „allzu frivol und gefühlig“ fand: „Ich wollte ein zehntägiges Hunger-Experiment machen, um am eigenen Leibe zu erfahren, was Hungernde spüren. Aber mir wurde klar: Hunger und Freiwilligkeit schließen einander aus.“

      • ja genau, das bringt es auf den Punkt- diese Erkenntnis teile ich aus der Zeit, als ich noch einmal im Jahr fastete … danke Maren!

  5. Was fuer eine Reise, liebe Maren! Ich muss zugeben , dass ich ueberhaupt noch nie von Axum und dem axumitisches Reiches gehoert habe. Ich danke dir ganz herzlich, dass du mir davon erzaehlt hast🌻Lieben Gruss Martina

    • Wenn es dich tröstet, liebe Martina: Mir war das axumitische Reich bis vor kurzem auch kein Begriff. Und nicht nur das. Ich habe auf meiner Reise immer wieder über den kulturellen Reichtum des Landes gestaunt. Ein bisschen davon werde ich hier noch zeigen, den Rest schaust du dir am besten „vor Ort“ an. 🙂

      • Liebe Maren, danke für die tröstenden Worte. Das Land hat uns immer interessiert, aber für meinen Mann und mich ich ist diesbezüglich der Zug leider abgefahren. Ich werde daher gerne deine Berichte lesen. 🙂

  6. Du sprichst eine große Frage gelassen aus: „Doch soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann?“
    Ich mag den Text und deine Bilder sehr. Warst du für das eine Bild in einer Kapelle, oder was war das? Warst du übrigens auch in Lalibela?
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Vielen Dank, liebe Christiane, das freut mich wirklich. Wenn du das Bild mit der jahrhundertealten Bibel meinst: das habe ich in der neuen Kathedrale von Axum fotografiert. Der (weiß gekleidete) Diakon spricht gerade das Vaterunser, in der altäthiopischen Sprache Ge’ez, die nur noch von Geistlichen gebraucht wird. Ja, in Lalibela waren wir auch. Sobald ich für diese Pracht Worte finde, werde ich berichten. 😉

  7. Mir gefällt deine Art zu reisen, auch schön deine Fotos und historischen Ausflüge. Du traust dich und suchst einen Kompromiss zwischen Wünschen und Erfüllungsmöglichkeiten. Beide Seiten sind zwar nicht ganz zufrieden, aber man muss es aushalten. ich habe Ähnliches in Ägypten und in Sri Lanka erlebt.

    • Liebe Gerda, irgendwie erstaunt es mich nicht, wenn du schreibst, dass du Ähnliches erlebt hast. Ob es wirklich so ist, dass man sich traut, also eine Art Entscheidung trifft?

  8. Soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann!? Für mich der Satz des Jahres. Danke dafür, Maren. Und liebe Grüße, Stefanie

    • Ach schön, Stefanie! Ich schätze, dem Philipp Hedemann haben die Ohren geklungen. Ich bin auch ganz begeistert von dem Satz. Er ist so schön konkret, ruft unmittelbar zum Handeln auf. Und ich finde, zugleich entlastet er auch.

  9. Liebe Maren,
    mit großem Interesse verfolge ich deine Berichte, freue mich über die feinen Fotos (vor allem, wenn auch mal die schöne, blonde Frau zu sehen ist 🙂 ) und lächle über die Decke, die nun jemanden wärmt, der es braucht…
    Ganz herzliche Grüße sendet dir
    Marlis

  10. Pingback: Unbesungener Held | Irgendwas ist immer

    • Ich danke d i r für deinen Besuch und deine Gedanken, Christine. Manchmal staune ich auch, unter welchen Umständen Menschen strahlen und lachen können. Und manchmal mischt sich in das Staunen ein klein wenig Neid ob dieser Fähigkeit, dem Leben unter allen Umständen die Stirn zu bieten. Trübsinn-Blasen macht ja nichts leichter. Aber immer wieder nehme ich auch viel Traurigkeit und Ernst schon in sehr jungen Gesichtern wahr. Schau dir z.B. mal den Jungen in der Mitte auf dem Bild ganz oben an oder den Zweiten von rechts auf dem zweiten Bild.

  11. Liebe Maren, ich habe mir Zeit gelassen, um Deine Reiseeindrücke in Ruhe lesen zu können; sie mir für ein paar ruhige Minuten aufgespart.
    Ganz große Kultur und ganz tiefes Elend liegen oft dicht beieinander. Mit Deiner Frage „soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann?“ sprichst Du mir aus der Seele. Danke dafür! LG Ulrike

    • Liebe Ulrike, wie schön, dass du dir die Zeit genommen hast, in Ruhe zu lesen! Und dass dir Philipp Hedemanns Frage zum Helfen auch so gut gefällt. Da du ja selbst viel rumgekommen bist, hast du bestimmt einige sehr konkrete eigene Bilder zu dem von dir beschriebenen Nah-beinander, diesem Sowohl-als-auch vor Augen.

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