… und uns anlehnen

P1120757Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir stünden fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zu Hause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen
als sei es das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin: Ziehende Landschaft

P1120772Die Bäume, deren Wurzeln ich auslieh, um Hilde Domins Betrachtungen über Heimat und Fremde ein Gesicht zu geben, stehen etwas außerhalb der äthiopischen Kaiserstadt Gondar in einem Garten, der von einer starken Mauer umgeben ist. Mitten darin befindet sich ein Bassin und in dem Bassin ein Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert: das Bad von Kaiser Fasilidas. Das Bassin ist das ganze Jahr über leer. Nur zum Timkat-Fest, dem äthiopisch-orthodoxen Fest der Taufe Jesu im Januar, wird es gefüllt. Sobald der Bischof das Wasser geweiht hat, stürzen sich Kinder von den Bäumen am Rand hinein. Manchmal, so hörte ich, würde dabei auch ein neugieriger Japaner samt Kamera mitgerissen. Und dann ist wieder Ruhe.

P1120768

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15 Kommentare zu “… und uns anlehnen

  1. Als Kinder hatten wir ein Buch: „Gross ist Afrika.“
    Es ist schon überwältigend, was man alles erleben kann. Danke!!

    • Der Titel klingt fein in meinen Ohren, Mick. Ich habe zwar selbst erst „reingeschmeckt“, aber das scheint mir auch so: Afrika ist groß – und ungeheuer bunt. Dir einen guten Start in die neue Woche!

  2. Wikipedia hat eine interessante Kurzinfo zu Timkat. Und die Vorstellung, dass ab und an ein Ferenji mit Kamera ins Wasser fällt, belustigt mich, auch wenn es für die Kamera sicher nicht zuträglich ist 😉
    Wie schön diese Bäume mit ihren Wurzeln sind!
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Ich bin begeistert, Christiane: Wie souverän du die neue Vokabel verwendest! Und da wirst du Recht haben: Ferenji (und Einheimischen) ist das kühle Nass sicher zuträglicher als den mitgeführten Kameras. Liebe Grüße zurück!

  3. Welch schöne Bilder du evozierst, Maren! Diese gewaltigen Bäume, die Ruhe – und plötzlich das Wasser, die springenden, purzelnden Kinder – und wieder Ruhe und stilles Warten. Und das Gedicht von Hilde Domin, so anders als das Gerede von „sie müssen sich anpassen“.. Das zunächst Fremde wird zum ganz und gar Eigenen, wenn man in sich selbst wurzelt. Der umgekehrte Weg ist, sich ins Fremde aufzulösen. Die meisten von uns Migranten (Migranten sind wir alle) gehen einen doppelten Weg – Anpassung an die äußeren Bedingungen, im Inneren aber fügen sich die Farben immer wieder zu den alten Mustern.

    • Und du schenkst so reiche Gedanken zurück, Gerda. Ja, welch ein Unfug, von sich oder anderen zu erwarten, das Mitgebrachte (Her-Gebrachte) an den Nagel zu hängen wie einen alten Hut. Von dem geschätzten Navid Kermani, selbst Deutsch-Iraner, las ich dieser Tage den Satz: „Die Wirklichkeit eines Lebens, eines jeden Lebens, ist so viel komplizierter, diffiziler, als dass sie sich auf so einen abstrakten Begriff wie den der Identität reduzieren ließe – und man sich auch noch für die eine und damit gegen seine andere Identität entscheiden soll.“ Inwieweit es Hilde Domin in den vielen vielen Jahren ihres Exils tatsächlich gelungen ist, sich das Fremde in dem von dir beschriebenen Sinn quasi anzuverwandeln, wie es die „Ziehende Landschaft“ ja nahelegt, weiß ich gar nicht. Ich meine, dass sie sich selbst gern als eine Gratwanderin mit viel Welt, aber wenig Boden unter den Füßen beschrieb. Vielleicht liegt in den Zeilen auch ein Stück Wunschdenken: So möge es sein!

  4. Und wenn man bedenkt, wie schnell menschliche Bauwerke durch die allmächtige Natur zurückerobert werden … Irgendwann ist da nichts mehr von Großspurigkeit zu erkennen. Warum können wir uns nicht einfach alle als Menschen begreifen, jeder mit seiner eigenen Geschichte, aber alle Erdenkinder. Ein sehr schönes Gedicht, liebe Maren. Ich lebe mittlerweile seit 12 Jahren im Ausland, und mittlerweile fühle ich mich weder in Deutschland noch in England vollständig zu Hause. Ich trage beide Kulturen in mir. Ich persönlich empfinde das als Bereicherung. Aber wie geht es Menschen, die aus Ihrem Heimatland fliehen und wissen, dass alles, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, kaputt ist? Meine Oma ist damals aus Schlesien geflohen, und jetzt, mit 90 Jahren, liegt ein Teil Ihres Herzens immer noch dort. Was ist Identität? Ganz liebe Grüße diesmal aus der Uckermark (wo ich groß geworden bin)

    • Liebe Peggy, deiner Frage oder eher: deinem Appell schließe ich mich von ganzem Herzen an. Erinnerst du dich, dass wir zu Beginn dieses Jahres schon einmal gemeinsam an die Schönheit der vielen Töne zwischen Schwarz und Weiß und daran erinnert haben, dass unsere Erde groß genug für alle ist? Der Versuch, Identitäten festzuschreiben, scheint mir recht untauglich zu sein. Nach meinem Verständnis bezeichnet Identität am ehesten das, was einen Menschen in einem gegebenen Moment ausmacht, auch in seiner Zugehörigkeit zu diesem oder jenem, sei es dauerhaft oder auch nur vorübergehend. Ja, natürlich trägst du beide Kulturen in dir, auch um den Preis, dass sich mittlerweile beide ein wenig fremd anfühlen. Und natürlich ist ein Teil des Herzens deiner Oma für immer mit Schlesien verbunden. Wie es sich anfühlt, aus dem Heimatland fliehen zu müssen, kann ich allenfalls erahnen. Zu wissen, dass alles, was das bisherige Leben ausgemacht hat, kaputt ist, wie du schreibst, vielleicht nie mehr zurückkehren zu können… ja, das hat eine andere Qualität, als aus freien Stücken zu gehen. Umso wichtiger scheint mir, die alten Bindungen, die eigenen Wurzeln sehr bewusst wahrzunehmen und auch wertzuschätzen. Einen herzlichen Gruß zu dir in die Uckermark!

  5. Liebe Maren,
    was für ein schönes Gedicht zu außergewöhnlichen Fotos! Außergewöhnlich und sehr schön! Ich danke dir, dass ich durch deine Berichte und Fotos ein (großes) Stückchen mehr von der Welt kennenlernen darf, in einer Weise, wie sie ohne dich nicht möglich wäre! Ich wünsche dir einen guten Rutsch ins Neue Jahr und Gesundheit und Glück!
    Herzlichst,
    Marlis

    • Liebe Marlis, ganz herzlichen Dank für deine guten Wünsche und für dein schönes Feedback! Ich freue mich sehr über deine virtuelle Reiselust und dass ich dich dabei ein Stück begleiten darf. Auch dir von Herzen alles Gute für das neue Jahr: Gesundheit, freundliche Menschen um dich herum, ausreichend Poesie… und alles, was du dir sonst noch so wünschst!

      • Liebe Maren, ganz lieben Dank! Und wenn ich dir viele viele schöne Fernreisen wünsche, ist das ja fast eigennützig 🙂 Ich bin gespannt, wohin es dieses Jahr noch gehen wird…

  6. Gosh, sind das so schöne Bäume, du hast phantastische Fotos von ihnen gemacht- herzlichen Dank! Dazu dieses wunderbare Gedicht von Hilde Domin … toll!
    herzlichst
    Ulli

    • Danke, liebe Ulli. Mit diesen alten Riesen hätte ich gern sehr viel mehr Zeit verbracht. Und was die Fotos angeht: Ich bin eigentlich kein Sepia-Fan, aber hier transportiert es das leicht Mystische des Ortes ganz gut, finde ich. Einen herzlichen Gruß zu dir auf den Berg!

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