Von Dächern und Menschen

P1120215Aus unserem Hotel fällt der Blick auf graue Wellblechdächer und ebenso graue Betondecken im Rohbau, auf denen noch die Lachen von den Wolkenbrüchen der vergangenen Nacht stehen. Wasserdampf und der Rauch der morgendlichen Holzfeuer vermengen sich zu einer bläulichen Dunstglocke, die tief über dem Städtchen hängt, das wohl kaum ein Äthiopien-Reisender um seiner selbst willen besucht. Debark knappe hundert Kilometer nördlich der alten Kaiserstadt Gondar ist kein Ort zum Verweilen. Jedenfalls nicht im Regen. Aber es gibt dort alles, was man für den Simien Mountains Nationalpark braucht, der wiederum jeden Besuch lohnt.

P1120226Die letzte heiße Dusche für mehrere Tage zum Beispiel. Dann heißt es Gepäck trennen in Mitzunehmendes und Einzulagerndes, während sich Reiseleiter und Koch um die Zelte und den Proviant kümmern. Eintrittskarten erhalten wir im Parkhauptquartier. Den ortskundigen Führer und zwei Scouts mit Maschinenpistolen, die uns auf unserer Trekkingtour durch die Berge begleiten werden, lesen wir unterwegs auf. Und mit ihnen den würzigen Geruch von verbranntem Holz, den auch wir mit jedem Tag mehr am offenen Feuer immer stärker annehmen werden. Der bewaffnete Begleitschutz ist vorgeschrieben, obwohl es im Simien-Gebirge bisher noch keine Überfälle auf ferenji, wie wir Ausländer genannt werden, gab.

P1120311Im Sankaber Camp lädt unser Begleitteam Zelte, Schlafsäcke, Kochutensilien und andere Ausrüstungsgegenstände auf Maultiere, während wir nur mit Tagesrucksäcken auf dem Rücken zum Gich Camp, unserem ersten Etappenziel, aufbrechen. Nicht lange, und wir stehen das erste Mal am Abgrund. Wie ein Warnsignal markieren einzelne gelb-orange Aloe-Vera-Blüten die Abbruchkante, von der es sicher ein paar hundert Meter senkrecht nach unten geht. Hu, nur nicht zu nah herantreten!

P1120260Vulkanausbrüche, Wind und Wasser haben in Millionen von Jahren diese einzigartige Hochgebirgslandschaft aus schroffen Felsen, steilen Klippen und tiefen Schluchten geformt, von der ich träumte, seit ich sie das erste Mal auf den atemberaubenden Schwarzweiß-Fotografien des Brasilianers Sebastião Salgado sah. Nirgendwo sonst in Afrika gibt es ein zusammenhängendes Bergmassiv mit so vielen hohen Gipfeln wie die Simien Mountains, die deshalb auch das „Dach Afrikas“ genannt werden. Mehr als zwanzig ihrer Gipfel überschreiten die 4000er-Marke, der höchste ist der Ras Dashen mit 4533 Metern. Wenn alles gut geht, wollen wir in ein paar Tagen den 4430 Meter hohen Bwahit bezwingen.

P1120262Einen der höchsten Wasserfälle des Nationalparks müssen wir uns an diesem Tag denken. Er ist in den Nebelschwaden, die die Schlucht vor uns komplett verschluckt haben, zwar deutlich zu hören, aber leider nicht zu sehen.

P1120286Auf dem Weg hinauf zum Camp und dem Dorf etwas unterhalb kommen uns immer wieder kleinere Gruppen Einheimischer mit und ohne Maultiere, mit und ohne Schafe, aber immer mit einem freundlichen salam! („Frieden“) entgegen. Wie das Wasser, das sich von überallher seinen Weg hinab zum Tana-See bahnt, scheinen auch die Menschen von den hoch gelegenen Siedlungen hinunter zu den Straßen und Feldern zu strömen, die die Berghänge wie Flickenteppiche bedecken.

P1120303Die Leichtigkeit, mit der sie über die weit auseinander liegenden glitschigen Steine im Jinbar River hüpfen, verrät einige Übung. Etwas weniger anmutig, aber weitgehend trockenes Fußes gelingt es auch uns, den Fluß zu queren.

P1120308Vor uns erhebt sich Gich Village. Das Dorf, das mit seinen traditionellen strohgedeckten Rundhütten wie eine afrikanische Bilderbuch-Siedlung aussieht und irgendwie auch so, als sei es immer schon da gewesen, wird es wohl nicht mehr lange geben. Im kommenden Jahr sollen seine Bewohner in die Nähe von Debark umgesiedelt werden, um dem ausschließlich in den Simien Mountains beheimateten abessinischen Steinbock mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Nur etwa 500 Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Art soll es noch geben. Ob es den Menschen gelingen wird, am neuen Ort Fuß zu fassen?

P1120307In einer Hütte oberhalb des Dorfs suchen wir für einen Augenblick Schutz vor dem Regen, der uns seit der Flussquerung begleitet. Beinahe gleichzeitig bricht schon wieder die Sonne durch und pinselt einen phantastischen Regenbogen an den Rundhorizont.

P1120317Dann ist das Camp erreicht, 3600 Meter über dem Meeresspiegel. Die Zelte sind bereits aufgebaut, wir müssen nur noch einziehen. Mit einem Becher heißen Tee in der Hand schaue ich zu, wie die Sonne die Hochebene in ein fast unwirklich goldenes Licht taucht. Ein wenig abseits der Gruppe ist es ganz still, nur die Schönheit der Landschaft spricht.

P1120326Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, schweigt auch sie. Mit der Dunkelheit bricht schlagartig eisige Kälte herein. Nach einem frühen Abendessen kriechen wir rasch in unsere warmen Schlafsäcke. Die Scouts, die Waffe immer in der Hand, kauern in Decken am Rand der Kochhütte, wenn sie nicht gerade zwischen den Zelten nach dem Rechten sehen.

P1120330Fortsetzung folgt

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15 Kommentare zu “Von Dächern und Menschen

    • Jaha, leg du nur den Finger in die Wunde… 😉 Nein, im Ernst freue ich mich natürlich, die Jinbar Falls, wenn schon nicht in natura, so doch auf deinem Blog zu sehen. Schön. Noch ein Grund mehr, in die Simien Mountains zurückzukehren, die in meiner persönlichen Best-of-Liste sehr weit oben rangieren. Aber das scheint dir ja nicht viel anders zu gehen. Umso mehr freut mich natürlich dein Feedback. Möge 2016 dich an viele denkwürdige Orte führen!

  1. Liebe Maren,
    ganz, ganz fantastische Bilder!
    Und bei dem Begriff „ferenji“ muss ich doch immer wieder an die merkwürdige Spezies der Ferengi mit den großen Ohren im Universum des Raumschiffs Enterprise denken…;)
    Mit diesen etwas albernen Gedanken wünsche ich Dir einen guten Rutsch ins Neue Jahr, Claudia

    • Ferengi? Waren das nicht die, die es gern modrig und ihre Frauen unter der Knute haben? Nein, da streite ich doch ganz entschieden jede Ähnlichkeit mit uns irdischen Fremden ab. 😉 Dass dir die Bilder trotz dieser Assoziationen gefallen haben, freut mich sehr, liebe Claudia. Hab auch du einen richtig schönen Start ins neue Jahr!

  2. Eine großartige Lektüre für den Wechsel ins neue Jahr. Du schreibst so gut! und die Bilder stehen dem nicht nach. Ich bekomme Reisefieber. Vielleicht mache ich mich auf ins Gebirge gleich hinter unserem Haus, das ist auch ganz schön hoch und nun auch voller Neuschnee. Wasserfälle gibt es auch. Taygetos heißt es, und der höchste Gipfel, Pyramide genannt, weil er so aussieht, erreicht über 2500 m.
    Alsdann, auf zu neuen Taten im Neuen Jahr! Hoffe, von dir mehr solche Geschichten zu sehen und zu hören, Maren.
    Übrigens: Nicht recht gefällt mir die Zerstörung eines Rundhüttendorfes wegen der Steinbockpopulation. Die haben Jahrtausende zusammen existiert, wieso jetzt nicht mehr?

    • Das Meer und einen Korb Granatäpfel vor der Tür und ein ordentliches Gebirge gleich hinter dem Haus: Mit scheint, du hast bei der Wahl deines Zweitdomizils große Weisheit walten lassen, Gerda. Und wenn du durch den Neuschnee bergan stapfst, werde ich dich in Gedanken gern ein Stück begleiten.
      Die Umsiedlung der Menschen aus dem Bergdorf gefällt mir auch nicht. Soweit ich gehört habe, sind noch weitere Dörfer betroffen. Ich weiß leider nicht viel mehr darüber, aber ich denke auch, da hätte man andere Lösungen finden können und müssen.
      Last but not least: Danke dir schön für dein Lob, das ich sehr zu schätzen weiß. Auf Wiederlesen und -sehen im neuen Jahr – ich freu mich drauf!

  3. Liebe Maren, dieser Reisebericht und die Fotos haben so eine enorme Qualität, dass es mich fast ein bisschen sprachlos macht … Ich grüße dich sehr herzlich und möchte deine guten Wünsche für den Jahreswechsel sehr gerne hier herzlich erwidern!

    • Und jetzt hast du mich fast ein bisschen sprachlos gemacht, liebe Jutta. Aber eben nur fast: Zum Danke-Sagen für deinen wunderbaren Beitrag zu meiner Jahres-Wechsel-Freude reicht es auf jeden Fall. 🙂 Auf ein neues Jahr voller Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden!

  4. Liebe Maren, was für ein schöner neuer Start ins neue Jahr! Ich bin Dir mal wieder atemlos gefolgt und konnte mich kaum satt sehen. Wieder ist meine Reiseliste um eine Region länger geworden, und ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Ich wünsche Dir ein glückliches und gesundes neues Jahr und auf viele eindrucksvolle Geschichten von nah und fern.

    • Liebe Peggy, wie schön! Ich kann eine Reise sehr empfehlen, vielleicht ja mal irgendwann zusammen mit dem Kleinen Entdecker, wenn der erst ein bisschen älter ist. Auch dir von Herzen alles Gute für das neue Jahr! Ich freue mich aufs Wiederlesen.

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