Himmel grau

P1130532Himmel grau und wochentäglich!
Auch die Stadt ist noch dieselbe!
Und noch immer blöd und kläglich
Spiegelt sie sich in der Elbe.

Lange Nasen, noch langweilig
Werden sie wie sonst geschneuzet,
Und das duckt sich noch scheinheilig,
Oder bläht sich, stolz gespreizet.

Schöner Süden! wie verehr ich
Deinen Himmel, deine Götter,
Seit ich diesen Menschenkehricht
Wiederseh, und dieses Wetter!

Heinrich Heine

Es könnte ein Tag wie dieser gewesen sein, als sich der junge Heinrich („Harry“) Heine vor bald 200 Jahren seinen Frust von der Seele schrieb – über das freudlose Grau am Himmel, aber vielleicht auch über seine Lebensumstände. Ich zitiere aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia:

„1816 wechselte er ins Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Salomon, der im Gegensatz zu seinem Bruder Samson geschäftlich höchst erfolgreich und mehrfacher Millionär war, nahm sich des Neffen an. Bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1844 unterstützte er ihn finanziell, obwohl er wenig Verständnis für dessen literarische Interessen hatte. Überliefert ist Salomons Ausspruch: ‚Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher.‘ Schon während seiner Schulzeit auf dem Lyzeum hatte Harry Heine erste lyrische Versuche unternommen. Seit 1815 schrieb er regelmäßig, und in der Zeitschrift Hamburgs Wächter wurden 1817 erstmals Gedichte von ihm veröffentlicht. Da Heine weder Neigung noch Talent für Geldgeschäfte mitbrachte, richtete sein Onkel ihm schließlich ein Tuchgeschäft ein. Aber ‚Harry Heine & Comp.‘ musste bereits 1819 Konkurs anmelden. Der Inhaber hatte sich schon damals lieber der Dichtkunst gewidmet. Dem Familienfrieden abträglich war auch Harrys unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie. Die unerwiderte Zuneigung verarbeitete er später in den romantischen Liebesgedichten im Buch der Lieder. Die bedrückende Atmosphäre im Haus des Onkels, in dem er sich zunehmend unwillkommen fühlte, beschrieb er in dem Gedicht Affrontenburg.“

Auf dem Foto ist – „Himmel grau und wochentäglich!“ – nicht die Elbe, sondern einer der Alsterkanäle zu sehen.

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26 Kommentare zu “Himmel grau

  1. Atmosphärenfoto ! Viel Familiensinn hatten die Menschen damals. Der literarisch uninteressierte Onkel, der seinen Neffen praktisch sein Leben lang erhielt, war doch sehr großzügig, bedrückende Atmosphäre hin oder her.

    ‘Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher.’ ist so ein klassischer Banausensatz, dass ich darüber lachen muss …

    • Da hast du natürlich Recht: Diese Patriarchen hatten durchaus ihre Qualitäten. Zum Clan eines Kümmerers zu gehören, war ja nicht nur finanziell vorteilhaft sondern bedeutete auch so etwas wie Zugehörigkeit, wenn auch um den Preis eines wirklich selbstbestimmten Lebens. Ständig auf jemandes Hilfe angewiesen zu sein, der das, was man tut, gering schätzt, stelle ich mir schon schwer vor.

    • Da sagst du was, lieber Holger. Ich würde dem Onkel Salomon, wenn er an meine Tür klopft, erstmal eine schöne Tasse Kaffee kochen. Auf dem Foto wäre, dem Himmel sei Dank, inzwischen übrigens deutlich mehr Hell zu sehen – bildgestalterisch womöglich ein Verlust, dem Entzücken des wintermüden Spaziergängers am Ende aber wohl eher förderlich. 😉

  2. Maren, ich weiß nicht, in welchem Stadtteil Du wohnst, aber über mir wölbt sich gerade ein heiterer Himmel.

    Schon erstaunlich, wie viele bedeutende deutsche Dichter zu ihrem Unglück gezwungen werden sollten … Jura stand da wohl ganz oben auf der Liste, wahrscheinlich dicht gefolgt von Medizinern.

    • Ja, inzwischen wölbt sich auch über mir ein ziemlich heiterer Himmel. Ich führe das unmittelbar auf das vereinte Gemotze von Heinrich Heine und mir zurück.
      Über deine Wendung „zu ihrem Unglück gezwungen“ musste ich sehr schmunzeln und revanchiere mich mit meinem Lieblingsaphorismus von Stanislaw Jerzy Lec: „Das Leben zwingt den Menschen zu allerlei freiwilligen Handlungen.“

  3. So oft, wenn ich deine Fotos sehe, wünsche ich mir, ich hätte mehr Zeit, Raum und Zutrauen zu malen … Dieses gefällt mir ganz besonders! Vielen Dank und herzliche Grüße

    • Wenn das kein feines Kompliment ist, liebe Jutta! Ich wünsche dir sehr, dass du dir mehr Zeit und Raum zum Malen nimmst. Das Zutrauen, wenn ich da mal eine mir bekannte Veranstalterin von Schreibworkshops zitieren darf, kommt dann schon mit dem Tun. Und versuch bloß nicht, gleich perfekt zu sein. Vielleicht nimmst du einfach ein bisschen Farbe oder einen Stift, setzt ein paar Wellenlinien aufs Papier… 😉

      • … schon klar ;-))) (Tatsächlich gelingt es mir vermutlich deswegen gelegentlich ganz gut, andere zu ermutigen, weil ich selbst durchaus auch der Ermutigung bedarf … Sehr herzliche Grüße und vielen Dank!

  4. Auch in der scheinbaren Tristesse finden sich Charme, Stimmungen und Gedanken wieder. Das ist mit der Gräulichkeit, der Brücke und der matt glänzenden Wasserspiegelung bezaubernd eingefangen. So darf kreatives „Motzen“ gern sein und es hat bereits geholfen. Wintermüde bin ich auch.

      • Das schöne war, als ich meinen Artikel bereits voreingestellt hatte, sah ich deinen Artikel. Auch wenn man zurecht bei diesen Aussichten motzen darf, so hat das Foto für mich einen „mitschwingenden“ Charme. Und perfekt mit den Zeilen von Heine.

    • Kein Kompliment, was der Heine da schrieb. Menschen mit Schmutz oder Müll zu vergleichen, lässt auf Überdruss und große Unzufriedenheit schließen. – Die Fotografin dankt.

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