Spring is in the air

440px-H_Hoffmann_Struwwel_03Das Buch würde ich bestimmt keinem Kind in die Hand drücken. Viel zu gruselig sind die Geschichten darin, viel zu gruselig die Folgen, die der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann 1845 unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren an den Rundhorizont eines jeden Kindes pinselte, das nicht „brav“ sein, das nicht auf seine Eltern hören wollte. Ich bin noch mit all diesen Geschichten aufgewachsen: Vom Fliegenden Robert, der mit seinem Regenschirm auf Nimmerwiedersehen davongetragen wird, weil er trotz Verbots im Sturm auf die Straße geht. Vom Daumenlutscher, dem der Schneider beide Daumen abtrennt. Vom Suppenkasper, der sich zu Tode hungert. Von Paulinchen, das verbrennt, weil sie mit Streichhölzern spielt. Noch heute habe ich den pädagogischen Sound des Werks im Ohr: „Minz und Maunz, die Katzen, / Erheben ihre Tatzen. / Sie drohen mit den Pfoten: / ‚Der Vater hat’s verboten!‘“ Nee, das bleibt im Giftschrank. Aber seht und vergleicht selbst: Ist mir da draußen vor den Toren der Stadt nicht ein wunderbarer Struwwelpeter begegnet?

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45 Kommentare zu “Spring is in the air

  1. Das war mein einziges Bilderbuch, als ich 2 Jahre alt war – und jetzt liegt es hier neben mir, einziges Relikt aus meiner Kindheit. Ich habe schöne Erinnerungen daran. Ja, doch! Der fliegende Robert fehlt in meiner Ausgabe. Vor dem haben sich angeblich andere Kinder gegraust. Meine einzige Angst war es damals, versehentlich die Seite mit Paulinchen in Flammen aufzuschlagen. Alles andere empfand ich nicht als bedrohlich. Was kleine Kinder heute im Internet und im TV zu sehen bekommen, ist um ein Vielfaches grausamer. Die Auffassung darüber, was pädagogisch wertvoll ist oder nicht, ändert sich ständig.

    Dein Weidenfoto gefällt mir auch sehr. 🙂

    • Einziges Relikt aus deiner Kindheit… da habe ich ja voll „ins Schwarze“ getroffen. 😉 Ich war übrigens auch eine von denen, die Roberts Schicksal besonders beschäftigte – vielleicht weil ich schon als kleines Kind gern bei Wind und Wetter draußen war. Dass anderes (viel) grausamer ist – geschenkt. Aber mindert sich dadurch das Ausmaß der „geringeren“ Grausamkeit? Darüber, was pädagogisch sinnvoll ist, kann und wird man sicher immer streiten. Aber ich hoffe, dass eines Tages niemand mehr die Auffassung vertritt, dass es förderlich sei, Ängste zu wecken oder zu schüren, um Kinder (Menschen überhaupt) zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Als Zeitzeugnis und Erinnerungsstück ist mir der „Struwwelpeter“ übrigens auch wertvoll.
      Dir eine schöne Woche!

      • Mir haben (und hatten auch damals schon) es die Reime besonders angetan. Und die Figuren (Suppenkaspar, Zappelphilipp usw.) sind ja aus dem Sprachschatz nicht mehr wegzudenken. Erinnert an die Einflüsse, die englische Nursery Rhymes auf die Sprache hatten. Die psychologische Seite spielt für mich eine geringere Rolle – mich erfreut das Wilhelm-Busch-hafte daran.

      • Starke Reime können schon eine enorme Zugkraft entfalten, das kenne ich auch. Auf die Nursery Rhymes werfe ich noch mal einen extra Blick. Die sind ja wohl für ein ähnliches Alter bestimmt wie die gereimten Geschichten des Herrn Hoffmann.

      • Viele Nursery Rhymes haben verblüffende geschichtliche/politische Hintergründe, auf die Kinder nie kommen würden. Im Endergebnis wirken sie dann wie Kinderreime, was wohl auch an ihrem Personal liegt. Kinder sind ein dankbares Publikum, die verborgenen Anspielungen brauchen sie gar nicht zu kennen. Um noch mal auf Wilhelm Busch zurückzukommen. Die Streiche von Max und Moritz fand ich schon als Kind nicht in Ordnung, witzig waren die Bilder und die Reime. Was für eine Überraschung, als ich las, dass der wahre Kern der gestohlenen Hühner marodierende (hungernde!) Kinderbanden waren. So lustig (positiv ausgedrückt) oder schadenfroh (negativ interpretiert) waren die Streiche eben nicht. Jetzt muss ich doch noch mal mehr darüber herausfinden. Bin gespannt.

    • Ist es nicht faszinierend, wie unterschiedlich Geschichten wirken? Über die Wirkung eines Baums lässt sich so viel leichter Einvernehmen erzielen. 🙂
      Herzliche Montagsgrüße!

    • Ein weites Feld, Mick, da kann ich nur zustimmen. Ich denke, dass es u.a. hilfreich ist, verschiedene Arten von Geschichten zu unterscheiden. Märchen, die ja auch voller Nöte, Herzeleid und oft ganz schön grausam sind, zeichnen sich für mich dadurch aus, dass der kindliche Leser in ihnen auch Hilfe, Trost und Anregungen erfährt und so mit dieser nur halb ausgesprochenen, halb bewussten Unterstützung (im besten Fall auf je eigene Weise) in sein Erwachsenenleben hineinwachsen kann. Davon unterscheiden sich die repressiven „Struwwelpeter“-Geschichten doch beträchtlich. Ein weites Feld…
      Liebe Grüße!

  2. Liebe Maren, der Baum ist ein toller Struwwelpeter, unbenommen. Ansonsten gebe ich auch zu bedenken: Kinder lesen die Geschichten anders als Erwachsene – sicher sind sie grausam, brutal und sprechen von einer anderen Erziehungs“methode“, aber dennoch: Wieso ziehen sie seit ihrem Bestehen auch kleine Leser an, wecken deren Phantasie? Ich finde auch, was viele Kinder heute an Gewalt im Fernsehen und am PC sehen, lässt den Struwwelpeter harmlos erscheinen – was nicht relativieren soll.
    LG Birgit

  3. Ich mochte den Struwwelpeter nie, jetzt nicht und als Kind schon gar nicht. Es gruselte mich vor den Geschichten. Meine Mutter hatte ihn eine zeitlang versteckt, sie mochte ihn auch nicht (ich bekam es von Opa) und ich bekam Albträume. Zumindest hat sie mir das erzählt als sie das Buch nach Jahren wiederfand und es mir gab.
    Beste Grüße,
    Erich

    • Wie gut, dass deine Mutter das Buch versteckt hat, als sie merkte, dass du nicht damit zurecht gekommen bist, Erich! Deinem PS schließe ich mich gern an: Alte Weiden haben so viele Geschichten zu erzählen. Und mit dem entsprechenden Licht sind ja auch genügend unheimliche darunter. 😉 Sonnige Grüße!

  4. liebe maren, eine tolle verknüpfung: weide und struwwelpeter 😉
    (im haushalt meiner eltern und großmutter gab es so gut wie keine bücher. ein sehr zerlesenes und sogar stellenweise tintenbeflecktes exemplar vom struwwelpeter wurde aber aufbewahrt und ich habe als kind oft – und gern! – darin geblättert. den gedanken, dass mir ähnliches zustoßen könnte, hatte ich nie, ich glaube, ich sah mehr das surreale an den geschichten, eine welt weit weg von meiner realität. sonntagsgrüße!)

      • neinein, natürlich nicht! 😉 die waren da immer schon drin, diese tintenflecken, auch eselsöhrchen hie und da, kleine knicke, fahrige bleistiftstrichelchen nebst vereinzelten radierversuchen, die das papier gefährlich dünn und/oder knitterig geschabt hatten, stockfleckenartige verfärbungen unklarer genese auch, uuuh, es war ein buch, dessen herkunft und (gewiss wechselvolle) geschichte sich nicht mehr nachvollziehen ließ … und irgendwann war es dann fort. hach, leider, ich glaube, ich hätts noch heute im schrank als kindheitsrelikt, reliquie 🙂 (was aber nicht heißt, dass ich es einem anderen kind in die hände würde geben wollen.)

  5. Liebe Maren,
    die Struwwel-Weide ist wundervoll. Wenn sie wieder belaubt ist, sieht sie bestimmt gar nicht mehr so spektakulär struwwelig aus. Und Dein Struwwelpeter Bild erinnert mich daran, dass ich mir doch einmal wieder die Nägel scfhneiden könnte :-).
    Viele Grüße, Claudia

  6. hier wurde schon alles gesagt: dass die Weide ein schöner Stuwwelpeter ist, dem die langen Haare hoffentlich nicht zu radikal gestutzt werden, dass Kinder anders lesen, dass ein Kind selten Geschichten direkt auf sich bezieht, außer die Eltern stellen diese Beziehung her („wenn du weiter am Daumen lutschst…“). Sonst sind es eben Geschichten, hübsch illustriert..

  7. Wieder einmal ein S/W Bild, das mir gefällt, diese schönen Strukturen !
    Ich habe den Struwwelpeter auch in guter Erinnerung, heute muss ich noch lächeln über die komisch-pantomimische Aufführung meiner Mutter zu dem Satz „und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum“

    • Ja, der Satz ist mir auch noch in lebhafter Erinnerung… bei uns blickte gelegentlich auch der Vater „stumm auf dem ganzen Tisch herum“.
      Liebe Grüße!

  8. Ich fand damals die Tatsache höchst erstaunlich, dass er es geschafft hat, trotz dieses Erziehungsterrors ein ganzes Jahr lang seine Nägel wachsen zu lassen. Aber ich unterschreibe sofort: ab in den Giftschrank! Zusammen mit allem anderen. was zumindest eine Prise Grausamkeit als wichtigen Teil der Erziehung ansieht. Das ist ja nicht aus der Welt. Ballerspiele sind nicht schlimm, sind ja nur Spiele. Wer glaubt das wirklich?
    Sie werden überlebt, genauso wie Struwwelpeter oder Alice im Wunderland, aber welches Weltbild vermitteln sie? Wollen wir das? Halten wir das für alternativlos?
    Klasse jedenfalls, dass du Struwwelpeter wieder aufgetrieben hast da draußen. Und er hat sich kaum verändert!! 🙂

  9. Das Feld hinter dem Struwwelpeter vor den Toren der Stadt scheint mir genauso karg und weit, wie jenes, das soeben aufgemacht worden ist.

  10. „Jetzt komm ich noch ein Mal
    Und dann nimmermehr …“
    VERSPROCHEN!

    Mein liebster Struwwelpeter bleibt aber Angelo Branduardi. Huch, der ist aber auch in die Jahre gekommen. Jetzt könnte man auch über ihn sagen: „Was scheint diese alte Weide so grau!“ 🙂

  11. Ich bekam als Kind das Buch „Struwwelliese“ geschenkt. Dies war offensichtlich das Pendant zum Struwwelpeter, schien aber bei weitem nicht so gruselig zu sein. Ich war jedenfalls sehr begeistert davon und „las“ es immer wieder, bis ich fast alles auswendig aufsagen konnte. Besonders beeindruckend fand ich, dass, wenn man an einem Radio ( welches wir in der Tat auch schon im Wohnzimmer stehen hatten) herumbastelt, man einen „blitzenden“ Stromschlag bekommen kann.
    LG von Rosie

    • Hallo Rosie,
      vielen Dank für deinen Hinweis auf die „Struwwelliese“, die bisher komplett an mir vorüber gegangen ist. Ich habe gerade mal ein bisschen bei Wikipedia nachgelesen: Es scheint ja eine ganze Reihe Adaptionen und sogar Parodien des „Struwwelpeters“ zu geben. Mal sehen, vielleicht schaue ich mir das Thema noch mal genauer an. Von dem blitzenden Stromschlag hast du hoffentlich nur gelesen und ihn dir nicht beim Basteln am heimischen Radio eingefangen!

  12. Ja, der Baum hat einen klasse Struwwel. Auch ich hatte die „Struwwelliese“, mein heute noch vorhandenes Exemplar seltsamerweise ohne Jahreszahl, Autor und Impressum. Das fand ich als Kind eher ärgerlich, weil ich das Gefühl hatte, mich mit dem Endprodukt auf der letzten Seite, dem braven Mädchen im Rock mit Schleife, nicht so richtig identifizieren zu können. Der Struwwelpeter war damals eher unterhaltsam, aber nicht bedrohlich…

  13. Dein Natur-Struwwelpeter ist tausendmal schöner als der gezeichnete aus dem grässlichen Kinderbuch, in dem die Kinder auch noch selbst verantwortlich gemacht wurden für das Unheil, das ihnen geschieht. Ich bin immer wieder froh, dass solche Zeiten vorbei sind und wir für unsere Kinder eine große Vielfalt an wunderschönen Kinderbüchern haben 🙂 (die manchmal nur viel zu wenig genutzt werden…)
    Herzlichste Grüße an dich von
    Marlis

    • Da hast du Recht, liebe Marlis: Es gibt wirklich einen großen Vorrat an tollen Kinder- und Bilderbüchern, mit denen wir unsere Kinder, aber auch uns selbst beschenken können. Allzu pädagogisch ambitionierte Werke empfinde ich übrigens selbst dann schnell als anstrengend, wenn mir die Botschaft an sich zusagt. 😉 Liebe Grüße!

      • Das sehe ich auch so und den Kindern vertreibt das „pädagogisch Wertvolle“ oftmals die Lust am Lesen…
        Herzliche Abendgrüße von
        Marlis

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