Friederike im Lavendel

P1140879Was ist  d a s  denn? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Lavendelblüte im frühen Juni? Und das nicht etwa in Südfrankreich sondern an Hamburgs Süderelbe, gleich hinter dem Deich? Vielleicht Klee? improvisierte die Freundin beim Anblick des wogenden violetten Blütenmeers. Nee, Klee ist doch viel rötlicher! Und auch längst nicht so hoch.

Kein Lavendel, nein, aber olfaktorisch ein ähnlich starkes Erlebnis. Tief in den Ackerfurchen, auf der Suche nach dem schönsten Foto, schlug die Erkenntnis mit der Wucht eines Hammers zu: Schnittlauch! Fehlte eigentlich nur noch das Rührei…

P1070739Das gibt es in dem vermutlich köstlichsten Schnittlauch-Gedicht deutscher Sprache:

Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte –
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies Jahr einer will?“

Von wem das Gedicht ist, wollt ihr wissen? Tja, wenn man das so genau wüsste. Oft wird es Friederike Kempner (1836–1904) zugeschrieben, der Tochter eines schlesischen Rittergutsbesitzers, über deren lyrisches Werk DIE ZEIT am 29. Oktober 1953 einen höchst amüsanten Artikel veröffentlichte. Ich zitiere:

„Ein Leben lang blieb sie unvermählt und lebte nur ihrer unglücklichen Liebe zur Dichtkunst. Als ihre ersten Verse erschienen, dachte man, dies sei bloß eine schlechte Dichtung wie so vieles andere auch. Aber bald witterten die Kenner, dass da ein wahres Genie der unfreiwilligen Komik am Werk war. Man begann, jedes neue Werk der Friederike Kempner zu kaufen, prustete los, wenn ihr wieder einmal ein prächtiger Fauxpas geglückt war, und reichte die Bände einander weiter. Die ehrbare Rittergutsfamilie war verzweifelt. Sie suchte der Bücher Friederikens habhaft zu werden, ehe sie noch zum Käufer gelangten. Aber je größere Auflagen die Familie still aufkaufte, umso mehr fühlte sich der ‚schlesische Schwan’ in seinem Beginnen bestärkt. Friederike dichtete immer eifriger, und bald vermochte die reiche Familie den Wettlauf mit dem missratenen dichtenden Fräulein nicht mehr durchzuhalten. Ein neues Genie des Humors, wenn auch des unfreiwilligen, war der Welt geschenkt.“

So groß war die Begeisterung der „Welt“, dass seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Parodien auf Gedichte Kempners veröffentlicht wurden, über die es bei Wikipedia heißt:

„Diese zahlreichen, oft täuschend echt geratenen Parodien haben seit spätestens der Mitte des 20. Jahrhunderts eine literaturgeschichtlich vielleicht einzigartige Karriere gemacht. Denn in zum Beispiel der von Herrmann Mostar herausgegebenen Ausgabe Friederike Kempner, der schlesische Schwan (zuerst 1953), der von Walter Meckauer ab 1953 verantworteten Edition Die Nachtigall im Tintenfass und auch in Horst Dreschers Ausgabe Das Leben ist ein Gedichte (ab 1971) erschienen diese Parodien nun als vermeintlich originale Gedichte Friederike Kempners, die seither vor allem für jene Texte berühmt geworden ist, die sie nicht geschrieben hat.“

Auch das zitierte Gedicht über Rührei mit Schnittlauch und des Menschen Säfte ist wohl eine dieser Parodien. Wie vieles ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

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27 Kommentare zu “Friederike im Lavendel

  1. juhu! vivat friederike! ich bin kempnerfan 😉 und lavendel und schnittlauch, wer weiß, sind einfach zwei seiten einer medaille … jedenfalls: schön!

    • Wenn das kein feines Bild ist: Lavendel und Schnittlauch als zwei Seiten einer Medaille. Und ja, es lebe die herrliche Friederike, auf deren Werk ich jetzt auch mal ein zweites Auge werfen werde!

  2. GROSSARTIG! Ich muss gestehen, Frau Kempner war mir kein Begriff, aber ich werde mich jetzt umgehend ihres Gesamtwerkes versichern. Klasse, Maren, damit hast Du mich soeben laut zum Lachen gebracht.

    • Ich habe mir gerade den Reclam-Band „Kennst du das Land, wo die Lianen blühn?“ bestellt – ein Best of aus dem Gesamtwerk der Friederike Kempner incl. Pseudo-Kempneriana. P.S. Dein Lachen habe ich bis hierher gehört.

  3. Oh ja, die Kempner-Schwan-Gedichte sind wunderbar schlecht, man kann richtig herzlich darüber lachen. Allein schon die Reimerei um jeden Preis und die Wortschöpfungen wie „lenzt“……

      • Ja, es gibt da so einen Punkt, wenn das Schlechte gar zu schlecht wird, an dem die Maßstäbe kippen und dann kann man ganz schlechte Texte großartig finden ……

  4. Es gab mal eine Kassiererin in einem Hildesheimer Museum, die auch mit so einem unfreiwilligen Talent geschlagen war. Sie hat Sachen gesagt, die wären keinem Dadaisten eingefallen, nicht mal nach einer guten Flasche Wein. Die war einfach begnadet, und es war wirklich ihr Ernst. Kein Augenzwinkern, kein Hinweis darauf, dass sie das „extra“ machte. Ein Freund von mir hat ein paar Highlights aufgeschrieben und wir überlegen, wie wir die noch der Öffentlichkeit zukommen lassen. Denn das gehört in viele Ohren.

  5. Liebe Maren, der so ins Kraut geschossene Schnittlauch ist köstlich (wie das Gedicht…)! Denn man kann diese schönen Schnittlauchblüten essen. Einfach die Blüten auseinanderzupfen und über den Salat oder Quark (oder Rührei) streuen. Schmeckt fast noch besser als der grüne Schnittlauch. Ich jedenfalls freu mich immer, wenn mein Schnittlauch endlich blüht! Liebe Grüße, Ulrike

    • Das ist ja toll, Ulrike! Ich liebe Schnittlauch, aber dass man seine Blüten essen kann und die womöglich sogar noch besser schmecken als die grünen Stengel, höre (lese) ich heute zum ersten Mal. Danke und liebe Grüße zurück!

  6. herrlich, herrlich. Der Lavendel-Schnittlauch (also nee, olfaktorisch liegen die wirklich nicht nah beieinander), die herrliche Frederike, die ihre Adelsfamilie fast in den Bankrott schrieb, und natürlich deine Fotos. Ich freu mich auf die Elbe.

    • Um noch mal eben die liebe Friederike zu zitieren:
      „Ich weiß eine große Geschichte,
      Die Meisten fühlen sie nur:
      Das Leben ist ein Gedichte,
      – Und oft eine schwere Kur. –
      Verschieden sind ja Gedichte,
      Das eine rosig und licht,
      Das andere hat Bleigewichte,
      Und macht ein bittres Gesicht.“
      Schmunzelnde Grüße nach nebenan!

  7. Pingback: Schnittlauch | watt & meer

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