Abel steh auf

P1150399Während der ersten vierzig Fahrradkilometer nahm ich kaum etwas wahr. Weder die Siedlungen noch die Wiesen und Wälder, die ich mit kräftigem Tritt hinter mir ließ. Ich aß nichts und trank auch nur wenige Schluck Wasser. Dass es warm war, spürte ich an dem Schweiß, der mir den Rücken hinunter lief.

P1150405Wenn der Kopf übervoll und zugleich leer ist und die Augen nichts mehr sehen, ist körperliche Anstrengung eine Möglichkeit, sich (wieder) zu spüren und in Verbindung mit der Umgebung zu kommen.

P1150436Abel steh auf. Wie ein Mantra trat ich die Titelzeile eines Gedichts von Hilde Domin, das ich am Vorabend gelesen hatte, in die Pedale. Abel steh auf / es muss neu gespielt werden / täglich muss es neu gespielt werden / täglich muss die Antwort noch vor uns sein / die Antwort muss ja sein können / wenn du nicht aufstehst Abel / wie soll die Antwort / diese einzig wichtige Antwort / sich je verändern…

Als hätte sie es diese Woche geschrieben.

P1150443 Die Fotos stammen von den letzten zwanzig Kilometern der Tour.

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37 Kommentare zu “Abel steh auf

  1. diesem gedicht bin ich – eine bekennende Domin-verehrerin, noch nie begegnet. stimmig in diese zeit, wie du schreibst und abgesehen davon, die letzten 20 kilometer zeigen eine wunderschöne fotoausbeute.

    • Vielen Dank für deinen Besuch und Kommentar, Barbara. Schön, dass ich der bekennenden Domin-Verehrerin noch Neues bieten konnte. Ich bin dem Gedicht selbst auch erst vor kurzem begegnet.

  2. Im Rhythmus der Pedale das Gedicht: Abel steh auf. Der Kopf übervoll und leer. Blind. Der Schweiß strömt. Und dann die Explosion der Bilder, endlich, nach 40 km. Wenn die Antwort „Ja“ sein kann. Danke, Maren, danke Hilde.

    • Wie interessant, dass du die Bilder als Explosion erlebst, Gerda. Und ja, ich verstehe, glaube ich, was du meinst. Das Licht hatte schon große Kraft. Bei mir drinnen war es fast umgekehrt: Die ersten Stunden auf dem Rad hatten etwas Explosives und erst, als ich innerlich ruhig geworden war, hatte ich Augen zu sehen und zu fotografieren.

  3. Liebe Maren, ich denke gerade öfter an dich, weil ich gerade „Wider die Kunst“ von Espedal lese. Und nun stoße ich bei einem meiner derzeit seltenen Blogspaziergänge auf deinen Bericht, der nicht nur sehr gut zu der Lektüre passt, sondern bei dem ich auch noch diesem Gedicht begegne, das mir einmal sehr viel bedeutet hat und welches dann verschwunden war … Ein bisschen seltsam. Aber vor allem bin ich froh, ihm wiederbegegnet zu sein. Vielen Dank auch dafür!

    • Gefällt mir, dass du gerade öfter an mich denkst, Jutta. 😉 Genauso wie das Zusammenpassen und das Wiederfinden. Kannst du denn „Wider die Kunst“ empfehlen?

      • Liebe Maren, ich habe nun nicht die ganze lange Zeit, die ich für eine Antwort gebraucht habe, über deine Frage nachgedacht – aber eine ganze Weile schon … Es gibt in diesem Buch einen Strang, dessen Lektüre mich wirklich sehr begeistert hat. Und es gibt Passagen, mit denen ich nicht so viel anfangen konnte, bei denen ich mir allerdings vorstellen könnte, dass sie dich mehr ansprechen als mich – insofern ringe ich mich zu einer klaren Empfehlung mit einem Fragezeichen durch. Auf jeden Fall werde ich mir auch die anderen Bücher von ihm mal ansehen … Viele, sehr herzliche Grüße!

      • „Eine klare Empfehlung mit einem Fragezeichen“ – da kann ich unmöglich widerstehen, liebe Jutta, zumal ich natürlich herausfinden muss, welcher Strang dich wohl begeistert hat und von welchen Passagen du annimmst, dass sie mich mehr ansprechen könnten als dich. 😉 Und irgendwann tauschen wir unsere Eindrücke aus… Komm gut in die neue Woche!

      • Vielen Dank, liebe Maren! Ich wünsche dir auch einen guten Start in die Woche und bin ganz zuversichtlich, dass der Kollege Espedal uns noch ein Weilchen beschäftigen wird ,-)

  4. Hallo- seit langem verfolge ich diesen Blog- im Stillen- aber jetzt muss ich doch mal etwas schreiben- auch wenn ich nicht aus dem Metier komme und auch nicht belesen bin. Aber ich möchte einmal sagen, dass die Fotos mich immer wieder berühren- obwohl ich sonst keinen künstlerischen Zugang in mir spüre – hier ist es etwas anders. Diese Liebe zum Detail und die kleinen Dingen, die plötzlich offensichtlich werden- einfach fantastisch. Danke, dass mich deine Bilddr und die Texte jeden Morgen gucken lassen, ob du wieder unterwegs warst.

    • Hallo C., hab herzlichen Dank für deinen Besuch, die lange stille Begleitung und deine Worte heute, durch die ich mich reich beschenkt fühle. Was du nicht wissen kannst: Sie hätten zu keinem passenderen Zeitpunkt kommen können – und werden mich begleiten und mir Ansporn sein, wenn ich in Zukunft mit der Kamera unterwegs bin. Gute Grüße und noch einmal: DANKE!

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