Zarte Annäherung

p11309061Sie sagte, „Ich weiß nicht, was ich hier will. Lässt sich nicht anders sagen.“ Er zog die Schultern hoch. „Da Sie aber schon mal hier sind, könnten Sie mir doch vielleicht ein bisschen was von sich erzählen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Darüber red ich nicht. Ich frage mich bloß in letzter Zeit, warum passiert, was so passiert.“ „Oho!“, sagte er. „Da ist es nur gut, dass Sie es nicht eilig haben. Denn das frage ich mich mehr oder weniger schon mein ganzes Leben.“ Er führte sie in die Küche und ließ sie am Tisch Platz nehmen, und als er Kaffee gekocht hatte, saßen sie dort ein Weilchen zusammen und sagten fast nichts. (S. 35)

Seine Stimme war tief und gütig. Nach kurzem Zögern machte sie einen Schritt auf ihn zu. Manchmal tut’s einfach gut, einen Mann zu drücken, kommt nicht so drauf an, wer’s ist. Sie hatte sich das sehr schön vorgestellt, den Kopf an seine Schulter zu legen. Und das war es. Sie würde den verdammten Ort sowieso bald verlassen. „Nun“, sagte er. Er tätschelte ihr den Rücken. Sie sagte, „Schätze, ich bin müde.“ „Ja, nun …“ – und er nahm sie in den Arm, sehr behutsam, sehr sanft. Mit dem Kopf an seiner Schulter sagte sie, „Bloß kann ich Ihnen rein gar nicht vertrauen.“ Er lachte, ein weiches Geräusch an ihrem Ohr, ein Hauch. Sie wollte sich lösen, aber er legte ihr eine Hand aufs Haar, also bettete sie ihren Kopf wieder hin. Er sagte, „Kann ich da irgendwas tun?“ Und sie sagte, „Nicht, dass ich wüsste. Ich traue niemand.“ Er sagte, „Kein Wunder, dass Sie müde sind.“ (S. 66 f)

Aus: Marilynne Robinson. Lila. Übersetzt von Uda Strätling. TB Frankfurt 2016

Ein ganz wunderbarer Roman über Einsamkeit, über Elend und Schuld. Voller Empathie und Güte. Archaisch, mit Happy End und ganz ohne Kitsch.

Die Ewigkeit hatte mehr Wohnungen aller Art als diese ganze Welt zusammengenommen. (S. 285)

Wenn das nicht hoffen lässt.

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17 Kommentare zu “Zarte Annäherung

    • Kein Raureif, nein, nur Licht an einem kühlen Tag, das ich noch zusätzlich etwas aufgehellt habe. Das Foto habe ich im März im Hamburger Stadtpark aufgenommen. Ein paar mehr Blätter tragen die Bäume auch hier im kalten Norden zum Glück noch. 😉

    • Liebe Peggy, das ist eine sehr berechtigte Überlegung, die du da anstellst. „Gilead“ ist ja der erste Band einer Trilogie, allerdings spielt „Lila“ zeitlich davor: In „Gilead“ schreibt der sterbende alte Mann an den kleinen Sohn, den ihm Lila wenige Jahre zuvor geschenkt hat. Ich habe bisher nur „Lila“ gelesen, werde aber den Rest noch nachholen. Komm gut in die neue Woche!

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