Aus Schweigen gesponnen

p1060011Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Mascha Kaléko: Mein schönstes Gedicht

p1060039Halten
dein Haar mit zwei Fingern
deine Schultern – dein Knie – deinen Fuß
Sonst nichts mehr halten
keinen Trumpf – keine Reden
keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund

Erich Fried: Halten (Auszug)

p1050990Wenn dir das noch nicht still genug ist, folgst du vielleicht für einen Moment dem berühmtem Stück 4’33 des amerikanischen Komponisten John Cage. Spürst all den Geräuschen nach, die plötzlich hörbar werden, weil die Musik fehlt. Lauschst dem stillen Lied, das jederzeit Form annehmen könnte. Es ist ja alles bereit.

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40 Kommentare zu “Aus Schweigen gesponnen

  1. Wie die Tecxe mit den Bildern sich verbinden! Ich bewundere Dein Gespür dafür, die richtigen Worte zu einer gegebenen Atmosphäre zu finden, die sich dann gegenseitig verstärken. Sehr schön!

  2. Liebe Maren, gerade letzte Woche habe ich auf Instagram & Co ein paar Fotos von meinem Besuch in der frisch erweiterten Tate Modern eingestellt, darunter von drei weißen Porzellan-Blättern, die leere Blätter Papier symbolisieren sollen. Ich habe mich gefragt, ist das Kunst oder eher Anti-Kunst. Eine Kommentatorin machte mich ebenfalls auf John Cages Stück 4’33 auferksam, stellte sich aber im Grunde die gleiche Frage. Nun hier auf Deinem Blog schließt sich der Kreis. Stille (und Leere) als Kunst. In unserer hektischen Welt bräuchten wir mehr davon. Ganz herzliche Grüße aus dem herbstlichen London, Peggy.

    • Liebe Peggy, auf den Porzellan-Blättern müsste lediglich jeweils „Tacet“ stehen, und schon hätten sich bildende Kunst und Musik getroffen. Ob das Kunst oder Musik ist – wer weiß das schon? Immerhin verleihen erst die Stille, die Pausen, die Zwischenräume dem Wort, dem Klang, der Musik Struktur und Sinn. Irgendein kluger Mensch hat John Cages 4’33 einmal als Metapher für alles, was möglich wäre, beschrieben. Das trifft es ganz gut, finde ich. Und bis ein neues Lied entsteht oder auch ein neues Bild, da stimme ich dir zu, kann ein bisschen Stille oder Leere wirklich nicht schaden. 😉

  3. Liebe Maren,
    ja, Fotos und Texte sind einmal wieder ganz fantastisch. Besonders das so wunderschöne, so fragile Spinnennetz zeigt wieder einmal, was für ein tolles Auge Du auch für die wunderbaren Kleinigkeiten hast.
    Viele Grüße, Claudia

    • Herzlichen Dank, liebe Claudia. Mit den Fäden hatten sich die Spinnen (oder die alten Weiber) aber auch alle Mühe gegeben. Sieht das Netz nicht beinahe wie ein Collier aus?

      • Ja, auf jeden Fall, mit kleinen glitzernden (Wasser-)Perlen. Ich habe einmal im Herbst im Schwarzwald gefrorene Spinnennetze gesehen, ganz viele nebeneinander in niedrigen Büschen (natürlich war ich ohne Kamera unterwegs). Durch Regentropfen und Eis werden die Strukturen ja noch viel sichtbarer – und es könnten dann tatsächlich Schmuckstücke sein :-).

  4. „was wir so Stille nennen“ – es ist ein Hinhorchen, ein leichtes Berühren, ein suchendes Auge, vor allem aber ein um Stille ringendes Herz zu spüren in den Texten, den Bildern und in der schweigenden Musik, die im Innern des Zuhörers eine Kakophonie aller schon mal gehörten Musik, aller gedachten Gedanken, geschriebenen Texte, berührten Geliebten auszulösen vermag.
    Danke dir für diesen schönen Zusammenklang von Bild, Ton und Schweigen.
    (Eine „Münze im Mund“ werden wir erst haben, wenn unser Boot über die Lethe setzt, die alles Erinnern auslöscht.)

    • Wunderbar, wie du die Schwingungen aufgreifst und weiterführst, liebe Gerda. Es ist wirklich erstaunlich, was in der Stille alles zu hören und zu sehen ist an Klangbildern und Farbtönen. Aus meiner Sicht ist es übrigens weniger ein um die Stille ringendes Herz als eines, das sie gut kennt und schätzt und wieder und wieder sucht.

  5. „Lauschst dem stillen Lied, das jederzeit Form annehmen könnte …“, aber gar nicht muss: man hört es tatsächlich! Nicht sich einmischende Bereitschaft hört das Lied von dem, was immer da ist.
    Wunderschöne Zusammenstellung von Bild und Wort, liebe Maren!
    Der Gruß ist geschwiegen,
    Michael

    • Das Lied von dem, was war, was sein wird oder sein könnte. Und manchmal auch „von dem, was immer da ist“. Ja, dieses Lied, das die Grenzen von Raum und Zeit sprengt, habe ich auch schon vernommen. Am reinsten in der Stille der Wüste. Und wie gern habe ich mich zu einem Besuch auf deinem Blog verführen lassen, lieber Michael. Und wie fein hast du den Faden weitergesponnen. Ich danke dir ganz herzlich für deine Zeilen hier und dort.

  6. Pingback: Verklungen – Air

  7. Halten … das ist mein Lieblingsgedicht von Fried, wie schön du es in Szene gesetzt hast, überhaupt, wie die Stille sich Raum nimmt, zwischen den Zeilen und in den Bildern, ich danke dir, liebe Maren und grüsse dich von Herzen
    Ulli

  8. Das zweite Foto mit dem regentropfenbeperlten Spinnwebentrapez finde ich ganz besonders ansprechend, märchenhaft und poetisch passend zu den lyrischen Zeilen!
    Herzensgruß von mir an Dich 🙂

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