Aufruf zum Müßiggang

Der verständige Müßiggänger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu betäuben, da er es durchaus bei sich selbst aushält. Pascals Bemerkung, daß „alle Leiden des Menschen daher kommen, daß er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann“, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das überzeugende Geschenk des Müßiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gewährt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlaß wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlußfolgerungen gelangen: Der Müßiggang wird zu einem aufregenden Zustand. … Der zerstreuungssüchtige Konsument, der Abnehmer von Kurzweil, wird bei allem verbissenen Fleiß nie in der Lage sein, Kultur hervorzubringen, da ihm das sublime Nichtstun unbekannt ist. Kultur entsteht immer nur im produktiven Müßiggang, in großen Augenblicken schöpferischer Faulheit. 

Aus: Siegfried Lenz „Müßiggang oder das aktive Nichtstun“

Siegfried Lenz‘ Ode an den Müßiggang, die zuerst in der ZEIT vom 30. März 1962 veröffentlicht wurde, flatterte mir in diesen Tagen zufällig auf den Bildschirm. Not really new stuff but too good to withhold. Der vollständige Artikel ist auf ZEIT ONLINE nachzulesen.

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21 Kommentare zu “Aufruf zum Müßiggang

  1. Ich liebe den Müßiggang äh…… das Kultur schaffen. „Das sublime Nichtstun“, ah, großartig. . Das Foto passt ja auch wunderbar zu dem Gedanken. Da hängt sicher ein Schiff mit Liegestühlen dran, zur widmungsgemäßen Benutzung 🙂

  2. „Müßiggang“, so heisst meine Sehnsucht und gerade jetzt kann ich Herrn Lenz nur 100%ig zustimmen, keine Poesie, keine Bildbearbeitungen, keine Collagen, weil der Müßiggang gerade Ausgang hat.
    Ich danke dir, liebe Maren, für diesen wunderbaren Artikel- bald, bald ist auch wieder Zeit für den Müßiggang, jetzt freue ich mich darauf und du bist Schuld 😉
    herzlichste Grüsse
    Ulli

    • Manchmal kommt es mir so vor, dass das Leben in Wellen verläuft, liebe Ulli. Du bist gerade eng getaktet mit Renovieren und Umziehen und vielleicht ist auch der Kopf zu voll für absichtsloses schöpferisches Umherstreifen. Und dann kommt die nächste Welle und du kannst in Ruhe aus dem Vollen schöpfen. Wie gern bin ich an deiner Vorfreude „Schuld“. Liebe Grüße!

  3. Hier in Griechenland gibt es sehr viel Verständnis für diesen Menschenschlag – zum Ärger der Gläubiger, die ihn gerne im Tretrad von Arbeit und Zerstreuung strampeln sähen. Lohnarbeit ist douleia – Sklaverei, ein Muss. Werken, schaffen – ergazomai – ist ein anderer Begriff von Arbeit, der Faulheit entgegengesetzt, aber auch entgegengesetzt dem Zwang zur Arbeit, um zu überleben. Das Schiff am Kai, der Tender und das Tau – schöne Symbole für den Müßiggang!

    • Da merkt man doch sofort, wo dieser (positive, kreative, schöpferische) Müßiggang einst „erfunden“ wurde, liebe Gerda. Zu den Adjektiven in Klammern fühlte ich mich fast schon genötigt, so oft, wie im Deutschen „Müßiggang“ mit „Faulheit“ gleichgesetzt wird. („Müßiggang ist aller Laster Anfang.“) Allerdings wird ja auch hier differenziert zwischen z.B. dem „Broterwerb“ und dem „Beruf“, der im Idealfall etwas mit „Berufung“ zu tun haben könnte. Was mich unmittelbar zu der Frage bringt, ob denn „douleia“ für jede Form bezahlter Arbeit benutzt wird, also auch die kreative, verantwortungsvolle, gern verrichtete. Oder gibt es dafür im Griechischen noch ein anderes Wort?

  4. Liebe Maren,
    „Müßiggang“, wie Lenz ihn beschreibt, müsste doch ganz wunderbar sein. Eben kein schlechtes Gewissen zu haben, „faul“ zu sein, weil doch statt des untätig Herumsitzens noch eben dieses und vor allem jenes auch noch erledigt werden muss. Ja, Müßiggang gehört zu unserem durchgetakteten, auf Effizienz ausgerichteten alltäglichen Leben fast gar nicht mehr und so gehen wahrscheinlich auch die guten Fragen und die guten Antworten und die Kreativität verloren. Ich wünsche mir jedenfalls für die Osterzeit Blicke auf solche Hafenszenen, wie Du sie uns hier zeigst, – oder alternativ auch auf Hügel, Berge und Wälder!
    Viele Grüße, Claudia

    • Und ich wünsche dir, dass du jetzt, wo der Frühling sich von seiner allerschönsten Seite zeigt, ganz viel Muße hast, liebe Claudia. Nicht, um noch eben schnell etwas zu erledigen sondern ganz für dich: Blicke und Gedanken schweifen lassen am Wasser, herumstreifen in den Bergen und Wäldern, tolle Bücher durchschmökern, Leute gucken… Sonnige Grüße!

  5. Sehr schön. Sollte man sich mal aufs Kissen sticken – oder zumindest jenen, die Müßiggang für Faulenzen halten und sich lieber mit Betriebsamkeit betäuben ; )
    Liebe Grüße
    Petra

    • Wunderbar, liebe Petra. Dein Vorschlag und die zu seiner Realisierung notwendige Hingabe, Geduld und Zeit verraten auf das Schönste, dass du keine Nachhilfe in der Kunst des Müßiggangs benötigst. 🙂

  6. Müßiggang ist für mich immer eine Form, meine Batterien wieder aufzuladen. Ich achte auf meine Anzeichen, dass es dafür Zeit ist und dann genieße ich diese Pausen von ein, zwei Tagen immer sehr!

    • Noch eine erfahrene Müßiggängerin. 🙂 Ja, spätestens wenn die Batterien sich leeren, die Erschöpfung wächst und die schöpferische Kraft sich dünne macht, ist es Zeit. Hast du Lieblingsorte für den Müßiggang?

      • Oh ja, hierbei handelt es sich um eine meiner Kernkompetenzen! 🙂
        Es gibt keinen speziellen Ort, Hauptsache, ich fühle mich wohl. Das kann die Couch oder das Bett sein, der Balkon im Sommer, der Garten, aber auch – und das ganzjährig – das Meer.

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