In wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Schon so lange begleitet mich Rilkes Dichtkunst. Wenn ich nur drei Bücher auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, die Dünndruck-Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens aus dem Insel Verlag wäre mit Sicherheit dabei. Einmal in vielen Jahren wurde ich dieser Liebe überdrüssig. Da hatte ich Klaus Modicks klugen Roman Konzert ohne Dichter gelesen, eine Innenansicht der legendären Künstlerkolonie Worpswede, zu der auch Rilke gehörte. Immer hatte ich es vermieden, mich allzu intensiv mit dem Dichter „als Mensch“ zu beschäftigen. Ich wusste ja, dass es da „Defizite“ gab, die sich in seinen Gedichten seltsamerweise nicht spiegelten. Dann las ich den Modick – und mochte nicht mehr lieben, den Dichter nicht mehr lieben. Jetzt begegneten mir zufällig die zitierten Zeilen aus seinem Stunden-Buch und der alte Zauber war wieder da. Es scheint, als könne ich plötzlich trennen zwischen dem Werk und seinem Schöpfer.

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23 Kommentare zu “In wachsenden Ringen

  1. Modick/Rilke. Mir ging es mir ebenso. Aber mittlerweile verblaßt das Modicksche Gedisse – wobei ich das Buch immer noch Klasse finde. Aber es ist ja bei vielen Künstlern so: z.B.: Die Sonette von Brecht vs. seine Einstellung zu Frauen usw…
    Sind nicht viele grandiose Künstler auf manchen Gebieten auch grandiose A…löcher (du verzeihst).
    Manchmal kann ich es akzeptieren, manchmal nicht. Ernst Jünger, Arno Breker, die Riefenstahl sind so Beispiele wo es nicht geht.
    LG Erich

    • Da hast du allerdings Recht, Erich. Ich verzeihe, selbstverständlich – und stimme zu: „Manchmal kann ich es akzeptieren, manchmal nicht.“ Danke für deine No-go-Beispiele.

  2. Liebe Maren,
    erst mal vorab: Ich dachte: Warum hat Maren denn das Gedicht so an die Seite des Fotos gequetscht? Die Sätze waren „zerrissen“. Dann klickte ich vom Reader in die Vollansicht und siehe da: Hier alles „normal“, also kein „zerrissenes Gedicht“ neben dem Foto, sondern darunter. Es liegt also am Reader.

    Ich begeistere mich auch immer wieder für Rilkes Gedichte, ich mag sein Schreiben sehr. Mit ihm näher befasst als Person, habe ich (noch) nicht. Kürzlich sah ich einen Film, in dem er eine Rolle spielte, Teil der Geschichte war (Der Film über Paula Modersohn-Becker). Da war er ein seltsamer Kerl irgendwie.

    Ich kann verstehen, dass es Dich, nach dem Lesen des erwähnten Romanes fort trieb. Mir ging es mit Celan so, nachdem ich die Briefe mit Ingeborg Bachmann gelesen hatte. Seither kann ich ihn kaum noch lesen (sie sowieso nicht, aber das war vorher schon so).

    Die schreibende Person ist vom Autor/in zu trennen, ja, das stimmt. Manchmal gar nicht so leicht. Zu Celan habe ich, wie gesagt, nicht wieder zurück gefunden. Die Erinnerung, dass seine Gedichte tief und schön sind, ist noch da, aber ich kann sie nicht mehr lesen. Komisch, ne? Vielleicht so ähnlich, wie es auch bei Dir war.

    Liebe Grüße von der Wolkenbeobachterin

    • Ahhh, der „Reißwolf“ WP… danke für den Hinweis! Wahrscheinlich muss man sich schon überlegen, ob man auf dem Rechner, auf dem Smartphone, im Reader oder in Vollansicht (gut) lesen bzw. gelesen werden will. Ich nutze fast ausschließlich die Kombination Rechner / Vollansicht, um eigene Beiträge zu erstellen und um Beiträge von anderen zu lesen.

      Zu Paul Celan und Ingeborg Bachmann kann ich – fundiert – leider kaum etwas sagen, weil ich ihr Werk zu wenig und den Briefwechsel gar nicht kenne. Anders als bei Rilke scheint es mir aber so zu sein, dass in ihrem Fall zwischen Gedichten / Romanen und persönlicher Geschichte eine ganz starke Verbindung besteht. Da ist das Biografische dann auch einfach bedeutsamer für das Werkverständnis. Wer weiß, vielleicht stellen sich ja eines Tages wieder Gefühle ein, wenn du Gedichte von Celan liest.

  3. Ich kenne das auch, dass mir der Modick-Roman Rilke bisschen vergällt hatte. Aber dann darfst du auch keine Biographien lesen, die können auch ganz schön entzaubernd wirken …
    Ich glaube, dass es so ist, dass große Gedichte, große Dichter eine Strahlkraft haben, die über ihre Biographie hinausgeht. Bestimmte Rilke-Gedichte sind so mit mir, mit meiner Geschichte verwoben, die werde ich nie aufhören zu lieben. Obwohl ich den Menschen Rilke durchaus auch in seinen Gedichten empfinde … natürlich eher nicht seine ihn alltagsuntauglich machenden Seiten, aber man kann sich das schon vorstellen, dass diese Empfindsamkeit ihn für das „wirkliche“ Leben eher schlechter geeignet machte …
    (Großartige Bilder, übrigens.)
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Ja, das ist toll: Literatur, die so eng mit der eigenen Geschichte verwoben ist, so voller Erinnerungen steckt, dass man sich unter keinen Umständen von ihr trennen kann! Was Rilke angeht, habe ich mich womöglich etwas missverständlich ausgedrückt. Ich scheue keinesfalls das Biografische; ganz im Gegenteil arbeite ich ja selbst als Biografin und vertiefe mich mit dem größten Vergnügen in die Lebensgeschichten von mehr oder weniger bekannten Menschen. Mich schreckt auch weder „Fehlbarkeit“ noch mangelnde Alltagstauglichkeit großer Geister (mit denen ich den Alltag ja ohnehin nicht verbringe). Im Fall Rilke war es bei der Konfrontation mit seinem Leben eher so, dass ich die Tiefe und die Weite, die sein Werk so überreich kennzeichnen, vermisste und – so erkläre ich mir das – der Tiefe und Weite auch im Werk hernach nicht mehr traute. So ungefähr…
      (Die Fotografin dankt und schickt Grüße über die Elbe.)

      • Zwei Seiten derselben Medaille? Natürlich wünscht man sich, dass ein „Großgeist“ nicht in einem anderen Lebensbereich zum Kleingeist wird, aber vielleicht ist das unrealistisch … 😦

      • Eine Überlegung, die mich direkt und ohne Umschweife zu meinem früheren Philosophieprofessor bringt, dem mit Abstand klügsten Menschen, dem ich je begegnet bin, dessen tägliches Überleben aber auf das Engste an die Existenz seiner Ehefrau gekoppelt schien. 😉

      • Ich stelle mir gerade jemanden vor, der nicht weiß, auf welcher Seite der Kühlschrank aufgeht, und vor allem, was man dann macht, wenn man ihn auf hat.
        Okay, ich hör jetzt auf …
        *lach*

  4. „Ich mochte nicht mehr lieben“ – welch ein starkes einsichtsvolles Wort. Lieben tut das Herz, nicht mehr lieben wollen tut der Verstand, tut das kritische Urteil. Wer liebt, schaut nicht auf die „Defizite“, sondern liebt. Wie leicht ist es, ein geschliffen schönes funkelndes Gedicht zu lieben. Doch gerade der „defizitäre“ Mensch braucht deine Liebe.

    • Deiner Unterscheidung zwischen Herz und Verstand kann ich gut folgen, Gerda. Ich bin mir allerdings nicht sicher, was daraus für mein Verhältnis zum Verfasser „schön funkelnder Gedichte“ folgt, um den es mir „an sich“ ja gar nicht geht. Anders als irgendein Mensch, mit dem ich Umgang habe.

  5. Ich fand jetzt nicht, dass Rilke beim „Konzert ohne Dichter“ sooooo schlecht wegkam – immerhin war da keine Figur wirklich positiv besetzt 🙂 Und wie schon die KommentatorInnen schrieben: Werk und Schöpfer sind halt zwei Paar Schuh. Picasso war auch kein netter Kerl, und diese Liste ginge ins Unendliche.

    • Picasso hat wenigstens nicht immerzu die Liebe gemalt. 😉 Nee, im Ernst: Du hast ja Recht mit der Liste – und was Rilke angeht, habe ich weiter oben in meiner Antwort an Christiane noch einmal einen Versuch unternommen, meine vorübergehende Trauer etwas besser zu erläutern. Darf ich rasch darauf verweisen?

  6. Wunderbar diese Bilder von den Jahresringen der Bäume und der Rilke …
    Ach ja, der wäre was für die Insel und müsste aber dann auch mit Herrn Brecht, der in seiner Dichtung ja so ganz anders in Ausdruck und Form ist, konkurrieren. Aber eins hätten sie beide gemeinsam: Ich als Leserin muss die Trennleistung zwischen Gedicht und Leben auf jeden Fall vollbringen. Ich denke mir dabei immer – egal, wie Rilke war, egal wie Brecht sich aufführte: Es ist ihr Schönstes und Bestes was überlebt.

    • Dank dir schön, liebe Birgit – ganz besonders für den wunderbaren letzten Satz, den ich mir glatt an die Wand heften möchte! Und natürlich nehmen wir auch Brecht mit auf die Insel, natürlich nur sein Schönstes und Bestes!

    • Oh, mir geht es nicht um Perfektion und Unfehlbarkeit, Sabine. Ich staune einfach, wie weit geschriebenes Wort und gelebtes Leben auseinanderklaffen können. Wie gut kann der Blinde von der Farbe erzählen?

  7. Liebe Leser/innen, die Sie hier so eine angeregte Debatte über Rilke & Co. führen!

    Ich bin per Zufall auf dieser Seite gelandet. Normalerweise mische ich mich nicht in Diskussionen ein, die auch meine eigenen Sachen betreffen, aber in diesem Fall möchte ich Sie doch auf meinen Essayband „Ein Bild und tausend Worte“ aufmerksam machen, in dem ich auch von der Entstehung des Romans „Konzert ohne Dichter“ erzähle. Da habe ich u.a. Folgendes geschrieben:

    „Rilke war und ist ohne Zweifel einer der größten Lyriker deutscher Sprache. Das muss gesagt sein, weil ich bei Lesungen aus dem Roman häufig mit glühenden Rilke-Verehrern konfrontiert werde, es sind übrigens fast immer Verehrerinnen. Und diese poetisch empfänglichen Damen empfinden meine Darstellung ihres Idols als Verzerrung oder gar Verunglimpfung. Wenn ich ihnen sage, dass fast jedes Wort, das Rilke im Roman spricht, nicht meine Erfindungen, sondern Rilkes O-Töne sind, mögen sie es gar nicht so recht glauben. Es stellt sich dann heraus, dass sie von „ihrem“ Rilke nur eine Handvoll Gedichte kennen, den Panther natürlich, das Karussell und den Herbsttag, vielleicht sogar noch die Duineser Elegien, große, über jeden Zweifel erhabene Arbeiten des reiferen und späteren Rilke. Diese Werke werden mit dem Leben gleich gesetzt, ein Leben, von dem diese Verehrerinnen wenig bis gar nichts wissen. Sie verehren das Wunschbild eines sensiblen Dichters, der Damen aus der Seele spricht. Je glühender die Verehrung, desto unkritischer. Das gilt nicht nur für Rilke, aber es gilt für ihn in besonderem Maße. Es geht um die schlichte Tatsache, dass gute Künstler nicht automatisch gute Menschen sind und es auch nicht unbedingt sein müssen. Es geht um die Kluft zwischen Leben und Werk, zwischen Ethik und Ästhetik. Mit diesem Widerspruch steht Rilke nicht allein da – auch bei Goethe, Richard Wagner, Thomas Mann oder Bert Brecht, um nur wenige zu nennen, war das Verhältnis zwischen charakterlichen Defiziten und künstlerischer Leistung alles andere als ausgewogen. Und man darf sich fragen, ob die künstlerischen Leistungen nicht trotz solcher charakterlichen Defizite möglich waren, sondern ob sie nicht umgekehrt Bedingungen der Werke waren. Allerdings war diese Kluft bei Rilke geradezu erschreckend tief. Alle Menschen, die ihm nahe kamen oder denen er sich näherte, hat er zu Sklaven und Opfern seines Werks gemacht. Sein Umgang mit Frauen war ausbeuterisch, seine Beziehung zu seiner eigenen Tochter von einer unfassbar schnöden Marmorkälte. Als Mensch ein maßloser Egomane, Schnorrer, Snob und Schürzenjäger, als Dichter ein Genie.“

    Und was Brecht betrifft, der ja auch so ein „Problemfall“ war, schauen Sie einfach mal in meinen Roman „Sunset“.

    Es grüßt sehr freundlich
    Klaus Modick

    • Hallo, Herr Modick,
      schön, dass Sie sich auf diese Seite „verirrt“ und dann auch noch „eingemischt“ haben!
      Ja, der Rilke und die Frauen… 😉 Ich selbst fühle mich so gar nicht wohl auf der von Ihnen apostrophierten Verehrerinnen-Liste. Eben weil ich um die Tiefe der Kluft zwischen Werk und Leben wusste, bin ich lange davor zurückgeschreckt, mich näher mit Rilkes Biografie zu beschäftigen. Nicht aus Verehrung für „das Wunschbild eines sensiblen Dichters“, wie Sie schreiben, sondern um zu verhindern, dass mir das Werk selbst nicht mehr tief und schön erscheint. Die Tiefe der Kluft scheint für mich tatsächlich die Frage der Glaubhaftigkeit (des Werks) aufzuwerfen. Ich denke schon, dass bestimmte Charaktereigenschaften wie eine starke Selbstbezogenheit einem Werk förderlich sein können, hoffe aber doch, dass das Verhältnis zwischen charakterlichen Qualitäten und Größe des Werks nicht gerade umgekehrt proportional ist.
      Beste Grüße aus Hamburg!
      Maren Wulf

  8. Liebe Maren,
    das ist ja ein angeregtes Kommentargespräch hier.
    Ich habe „Konzert ohne Dichter“ sehr gerne gelesen (siehe meine Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/19/konzert-ohne-dichter/ ), und es hat mich nicht gestört, daß Rilkes Persönlichkeit nicht so lieblich war wie seine Poesie.
    Ich kann Rilkes Gedichte und besonderes die Duineser Elegien losgelöst von Rilkes biographischem Sogewesensein wertschätzen. Meiner Ansicht nach strömt die tiefste Poesie DURCH den Dichter oder die DICHTERIN, aber nicht VON ihnen.
    Nachtaktive Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    • Du meinst: wie ein „göttlicher“ Atem, liebe Ulrike? Eine interessante Vorstellung. Vielen Dank für deinen Beitrag zum Kommentargespräch – und herzliche tagaktive Grüße dir!

      • Genau das meine ich: Die tiefste Poesie GESCHIEHT dem Dichter durch INSPIRATION!
        Da ich mich in jungen Jahren auch gerne der Poesie hingab 😉 , sowohl passiv lesend wie aktiv schreibend, erkenne ich den Moment, wo das Schreiben schreibt und nicht der Mensch.
        Frühlingsgrüne Nachmittagsgrüße von mir an Dich! 🙂

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