Selbstvergewisserung

Tomas Espedal: Wider die Kunst. Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. TB Berlin 2017

„Sie rauchte heimlich, sie war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, wir waren ihre Eltern, und das Leben lief rückwärts durch sie hindurch; sie wurde mit jedem Monat jünger, bald würde es Zeit, sie zu pflegen.“

Wenn ich nur einen Satz auswählen dürfte aus Espedals Essayroman, es wäre dieser. So über einen alten Menschen schreiben können, dessen Leben verrinnt!

„Ich schaffe es immer noch nicht. Ich will über den Tod meiner Mutter schreiben, aber ich schaffe es nicht. Zum ersten Mal treffe ich auf eine so klare und unüberwindliche Grenze; ich schaffe es nicht, sie zu überwinden, ich will nicht. Ich wusste nichts von dieser Grenze, bevor ich jetzt auf sie traf, indem ich den Satz schrieb: Bald würde es Zeit, sie zu pflegen. An der Stelle blieb alles stehen, die Sprache blieb stehen; ich musste vom Schreibtisch aufstehen und eine Zigarette anzünden, ich bin kurz davor, zusammenzubrechen.“

Zuerst stirbt die Mutter, wenig später die Frau. Der Tochter kann der Autor wenig Halt bieten. Der verzweifelte Versuch, ihr die Mutter zu ersetzen, beraubt das Mädchen auch noch des Vaters, wie es im Klappentext heißt. Er selbst sucht (und findet wohl auch) Halt in der Erkundung der Familiengeschichte. Und indem er über alles schreibt. Gegen das Vergessen. Um sein Leben. In dieser Familie gab es mehr als einen, der mit Stille umzugehen wusste.

„Ich hatte meinen Platz gefunden, ich hatte meine Maschine gefunden. Es sollte viel Zeit vergehen, bevor ich die Sprache fand, die ich brauchte. Ich wusste, dass ich mich zu ihr vorarbeiten musste, zu der Sprache, die ich brauchte, die ich noch nicht hatte, sie musste hervorgeschrieben werden, ausgearbeitet werden, andere Möglichkeiten gab es nicht, die Sprache würde nicht von selbst kommen. Natürlich konnte ich Bücher lesen, und das tat ich ja auch, aber die Lektüre war nutzlos, weggeworfene Zeit, wenn sie nicht in eigenes Schreiben umgesetzt wurde.“

Autobiografisch-eigen ist dieses Schreiben, dabei durch und durch literarisch, bisweilen ungeheuer poetisch. Und klar wie Glas. Unsentimental. Anrührend. Nicht der erste Espedal, der mich begeistert hat.

19 Kommentare zu “Selbstvergewisserung

    • Das freut mich, Achim. Der Espedal kann einen wirklich packen. Hast du schon „Biografie, Tagebuch, Briefe“ gelesen? Das liegt auf meinem SuB ganz oben. Danach muss erstmal wieder der Übersetzer ran… 😉

  1. Die richtigen Worte, die richtige Sprache für ein Thema zu finden, ist etwas, was mich schon lange beschäftigt. Sowohl in meiner Muttersprache als auch in anderen Sprachen. Manches finde ich in einer Sprache einfacher auszudrücken als in einer anderen. Ob das nur mit mir zu tun hat oder ob manche Sprachen sich für manche Themen oder Gemütslagen besser oder schlechter eignen, wüsste ich nicht zu sagen

    • Haha, jetzt bringst du mich zum Lachen, Myriade. Gerade fiel mein Blick noch einmal auf das Zitat bei dir im Header: „La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée…“ 😉 Spaß beiseite: Hast du ein Beispiel für ein Sujet, das sich deiner Auffassung nach oder eben auch einfach für dich in einer bestimmten Sprache besser ausdrücken lässt als in deiner Muttersprache? Benutzt du vielleicht sogar gegenüber ein und derselben Person unterschiedliche Sprachen, je nachdem, worum es geht?

      • Naja, für mich eignen sich romanische Sprachen besser für Emotionales, von Beschimpfungen bis Liebeserklärungen. Deutsch und Englisch noch mehr sind wiederum enorm präzise Sprachen mit sehr umfangreichem Vokabular in denen man sich punktgenau ausdrücken kann. Andererseits kann Englisch auch sehr „süß“ sein, so dass man sich vor lauter „dears“ und „loves“ kaum retten kann. Es gibt auch viele Unterschiede zwischen D und Ö in der „Temperatur“ und was die Bedeutung der Ironie betrifft. Das ist ein extrem weites Feld und wahrscheinlich auch von Mensch zu Mensch verschieden. Was ich allerdings schon von vielen Leuten gehört habe und für mich auch bestätigen kann, ist, dass, wenn man eine Sprache sehr gut beherrscht und in diese Sprache (und Kultur) richtig eintaucht, sich die Persönlichkeit anpassen kann; auch die Stimme klingt ja anders je nachdem welche Sprache man spricht……
        Ich kenne schon mehrere Leute mit denen ich manchmal eine manchmal eine andere Sprache rede, das hat aber nicht so sehr mit den Themen zu tun als mit den jeweiligen Befindlichkeiten, denke ich, da musste ich einmal drauf achten……

      • Ja, da hast du Recht: ein extrem weites Feld, mit dem auch ich mich seit langem mit großer Begeisterung beschäftige. Vielen Dank für deine Gedanken und Beispiele. Besonders interessant finde ich die „Persönlichkeitsanpassung“, von der du sprichst. Ich halte das für sehr gut möglich, habe allerdings selbst wahrscheinlich nie lange genug in einem anderen Land gelebt, um das aus eigener Erfahrung bestätigen zu können. Unterschiede im Klang, in der „Temperatur“, wie sich eine Sprache nicht nur anhört sondern anfühlt – all das empfinde ich auch sehr stark. Im Spanischen gestikuliere ich z.B. viel mehr als im Deutschen. 😉

      • Mit einer „Spanisch-Persönlichkeit“ kann ich auch aufwarten. Ich pflege dann mehr Körperkontakt mit meiner Umgebung und benütze Ausdrücke, die ich in ihrer deutschen Version nie verwenden würde. Ich bin sprachlich überschwänglicher; die genaue deutsche Entsprechung von Dingen, die ich auf spanisch durchaus natürlich sage, würde mir auf deutsch oft kitschig oder ordinär vorkommen……

    • Interessant, dass du das so siehst, Lu. Ich würde eher sagen, sie strotzen vor Ehrlichkeit. Da schont einer weder sich selbst noch seine Leser, aber in meinen Augen eben so gar nicht demonstrativ. Und auf einem hohen literarischen Niveau.

      • Stimmt alles, liebe Maren, sehe ich auch so…
        Bis auf den Beginn von Wider die Natur…
        sowas irritiert mich: die Schriftsteller immer mit ihren jungen „Eroberungen“…
        Egal, ob er das ist oder Roth oder Walser oder wer auch immer…

      • Ich kann auch da – am Beginn von „Wider die Natur“ – beim besten Willen kein Protzen erkennen. Schon auf den ersten Seiten schwingt doch alles mit: auch das „Besessene“, der kommende Schmerz.

  2. Ich kenne Espedal noch nicht, aber es klingt nach einem eindrucksvollen Buch, besonders wenn man bereits ähnliche Erfahrungen gemacht hat und weiß, wie wortlos man sich in dieser Lebenssituation fühlen kann. Herzliche Grüße, Peggy

    • Dann ist das Buch doppelt eindrucksvoll, da kann ich nur zustimmen, liebe Peggy. Ich habe es gerade zwei Mal hintereinander gelesen, so hat es mich gepackt. Es ist bei aller Trauer, bei allem Schmerz, bei aller Einsamkeit übrigens kein Buch, das den Leser „herunterzieht“. Ganz im Gegenteil, würde ich sagen. Und ein Leckerbissen für jeden, der sich für das Thema Schreiben, zumal das autobiografische, interessiert.

  3. vielen dank, liebe maren, dass du mich an dieses buch erinnert ich habe es vor einigen monaten schon gekauft, ich hatte es schon einmal in der hand und dann ein anderes zuerst gelesen, aber vielleicht passt es ja jetzt.
    empfehlen möchte ich dir von ihm unbedingt: wider die natur, solltest du das noch nicht gelesen haben. ein großartiges buch, wie ich finde.

  4. Pingback: Mein Jahr in Büchern: 2018 – Sand und mehr

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