Auf den zweiten Blick

Es ist nicht wichtig, was du betrachtest, sondern was du siehst.

Henry David Thoreau

Du stehst in einer Halle. Durch Reihen von Deckenfenstern fällt Licht. Zwischen zwei Fensterreihen hängt ein graues Gebilde bis auf Bauchhöhe herab. Im Näherkommen erkennst du, dass das Gebilde Löcher hat. Eine Frau mit leuchtend orangen Haaren schaut hinein. Oder schaut sie hindurch? Was sieht sie?

Sieht sie die Reihen quadratischer Bilder, deren gelbe Flecken mit der Jacke der Frau harmonieren, die für einen Moment in der Maueröffnung verharrt?

Schon ist die gelbe Jacke fort, die Maueröffnung nicht mehr als ein quergestreifter Schemen. Ein Mann in Ausstellungsschwarz blickt, die Hände in den Taschen, auf die quadratischen Bilder, deren Farbtupfer durch das Lochwerk rund erscheinen. Der linke Fuß des Mannes ist leicht erhoben, gleich wird er weitergehen.

Im Zurücktreten gleiten deine Finger über die löchrige Struktur. Der schwere metallene Tropfen antwortet mit einem sachten Schwingen, kaum mehr als ein Hauch. Vielleicht staunst du, wieviel Tiefe gerade durch die große Öffnung entsteht, die dich vage an reppelnde Maschen in einer alten Strickjacke erinnert.

Die Frau mit den Feuerhaaren ist immer noch in der Nähe. Du könntest sie fragen, ob du sie durch all die Löcher betrachten darfst. Und wenn du Glück hast, schenkt sie dir ein Lächeln dazu.

Bestimmt willst du nun auch wissen, was du siehst, wenn du einfach mal von der anderen Seite durch die Löcher schaust…

Das graue Gebilde aus geflammtem Edelstahl heißt „Dark Matter“ und stammt von dem südkoreanischen Künstler Jang Yongsun. Du findest es auf der NordArt 2017 im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf. Ein bisschen beeilen musst du dich allerdings: Die phantastische Ausstellung im Kunstwerk Carlshütte, einer ehemaligen Eisengießerei, schließt am 8. Oktober ihre Pforten – bis zum nächsten Sommer.

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16 Kommentare zu “Auf den zweiten Blick

  1. fantastisch, liebe Maren! danke dir sehr, dass du diese fabelhaften Fotos hier reingestellt hast. Wie gern ich mir die Ausstellung anschauen würde, kannst du dir denken. Büdelsdorf – muss ich mir merken.

    • Und wie ich mir denken kann, wie gern du dir die Ausstellung ansehen würdest, liebe Gerda! Sie ist auch wirklich besonders. Das Zusammenspiel zwischen dem Mauerwerk, den Überbleibseln der alten Gießerei, dem vielfältigen Lichteinfall auf der einen und den Exponaten auf der anderen Seite ist einfach großartig. Und dazu ein parkartiges Außengelände voller Skulpturen, zwischen denen man herumstreifen und die man anfassen kann… herrlich! Vielleicht kannst du Büdelsdorf ja mal mit einem Besuch in der alten Heimat verbinden?

  2. Ich finde es immer wieder faszinierend, was Kunst mit uns macht, wenn wir uns auf Sie einlassen, sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Die Skulptur, die von Weitem wie ein schwerer Tropfen aussieht wird aus der Nähe betrachtet zu einem zerbrechlich wirkenden Kokon – eine Brutstätte für neue Ideen und Sichtweisen. Ich freue mich, dass Du mich mal wieder mit auf so eine beeindruckende Ausstellung genommen hast, liebe Maren. Ganz herzliche Grüße, Peggy

    • Wie man sieht, ist ja bereits einiges geschlüpft. 😉 Dein Bild vom Kokon gefällt mir ganz ausgezeichnet, liebe Peggy. So hatte ich das Gebilde noch gar nicht betrachtet, aber genau das ist es: für sich selbst ein Kunstwerk und zugleich Brutstätte für Neues, das im besten Fall nach eigenem Ausdruck des Betrachters drängt. Inspirierte Grüße zu dir an den Golf!

  3. Liebe Maren,

    vielen Dank für die NordArt-Serie. Ich hab´s dieses Jahr nicht geschafft – freut mich natürlich umso mehr, dass Du was mitgebracht hast.

    • Ein paar der Exponate vom vergangenen Jahr sind inzwischen nach draußen umgezogen. Die Wölfe zum Beispiel. Die waren, glaube ich, auch bei dir zu sehen. Jetzt lauern sie unter einer alten Buche und haben ordentlich Patina angesetzt. Ich bin jetzt schon fest entschlossen, im nächsten Jahr wieder nach Büdelsdorf zu fahren. So inspirierend!

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