Wo der Weg beginnt

Meine Freundin Katrin hatte mir zum Abschied ein Bild der weißen Tara geschenkt. Sie sagte, es sei von einem Lama gesegnet. Die weiße Tara, ein weiblicher Bothisattva des tibetischen Buddhismus, soll ein langes Leben gewähren und vor Krankheiten schützen. Marlene gab mir die Frage mit auf den Weg, was wohl die Seele ist, immer vorausgesetzt, es gibt sie. Eine spanische 1-Cent-Münze mit der Kathedrale von Santiago de Compostela auf der Rückseite, die sich zufällig in meinem Portemonnaie befand, schien mir ein gutes Omen zu sein. Ich tat auch sie in die wiederverschließbare Plastikhülle, in der neben Personalausweis und Kreditkarte bereits die weiße Tara und mein Pilgerausweis steckten. Seit heute prangt darin der erste Stempel – von der Kathedrale im nordportugiesischen Porto.

Das Wetter ist kühl und regnerisch. Ich schmökere in Hape Kerkelings Jakobsweg-Erinnerungen. Morgen soll der Camino für mich beginnen. Aber wahrscheinlich hat er das längst. „El camino comienza en tu casa“, sagen sie in Spanien auf die Frage, wo denn der Jakobsweg beginne. In deinem Haus. Bei dir. „Es ist dein Weg“ steht viersprachig auch in meinem Pilgerpass, den ich mir vor der Reise vom Freundeskreis der Jakobswege in Norddeutschland hatte schicken lassen. So viele Wege führen nach Rom. So viele Wege führen aber auch nach Santiago de Compostela. Der Camino Francés, auf dem Hape Kerkeling unterwegs war, ist der mit Abstand bekannteste von allen, ganz besonders seit er darüber geschrieben hat. Ich habe mich für den weniger überlaufenen Camino Portugués entschieden, der von Lissabon aus nach Galicien führt, genauer: für die rund 250 Kilometer lange Teilstrecke von Porto nach Santiago. Wenn es gut läuft, wenn ich gut laufe, will ich von dort weiter nach Finisterre, wo einst die Welt endete…

*

Nachdem es seit dem Vortag praktisch durchgeregnet hat, schwanke ich lange zwischen Aufbruch und Bleiben. Allerdings verheißt die Vorhersage noch mindestens eine Woche extrem wechselhaftes Wetter mit viel Regen und kühlen Temperaturen. Also los, zuerst ein Stück am Douro entlang und dann dem Atlantik nach Norden folgen. Nicht schön, gleich das Regencape überstreifen zu müssen. Und wieso ist der Rucksack immer noch so schwer und beinahe noch fetter als bei der Abreise, wo ich doch Kniebandagen, Einlagen und Cape trage und auch die Wanderstöcke sofort im Einsatz sind? Einen Augenblick verspüre ich Panik, kann mir nicht vorstellen, dass ich mit so einer Last auf dem Rücken – an die elf Kilo werden es sein – lange durchhalte. Aber es geht besser als befürchtet. Schon bald laufe ich unter der Ponte da Arrábida hindurch. Die letzten Portweinkeller am gegenüberliegenden Flussufer tauchen in den tief hängenden Wolken unter. Foz do Douro, Fortaleza de São João, Castelo do Queijo: In Erinnerung bleibt der Atlantik, der sich an ihnen allen bricht. Und die Skulptur „Tragédia do Mar“ in Matosinhos. Die Verzweiflung der bronzenen Fischersfrauen ist mit Händen zu greifen: Starr blicken sie auf das tosende Meer, das ihnen die Männer nahm. Einige strecken wie hilfesuchend die Arme in den Himmel, andere raufen sich die Haare.

Die ersten zehn Kilometer liegen hinter mir. In einer Strandbar genehmige ich mir Kaffee und Snack. Noch immer trete ich Stein, aber immerhin übertönt der Atlantik inzwischen den Straßenverkehr. Um nicht Dutzende Kilometer an vielbefahrenen Hauptverkehrsstraßen entlang laufen zu müssen, hatte ich beschlossen, zumindest bis Vila do Conde der Küste zu folgen und mich dort zu entscheiden, ob ich weiter am Atlantik bleibe oder ins Landesinnere auf den Camino Central wechsele. Der Weg ist okay, nicht richtig schön, aber mit schönen Momenten. Nichts fesselt wirklich, es ist leicht, weiter zu gehen, ohne viel zu denken. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, sogar die Sonne lässt sich dann und wann blicken.

Hinter der Capela Boa Nova beginnt das System von Holzbohlenstegen, das mich bis Vila do Conde begleiten soll. Angelegt zum Schutz des fragilen Lebensraums, bieten die hölzernen Wege zugleich einen prima Laufgrund. An diesem ersten Tag verbringe ich nur wenige Kilometer „auf dem Holzweg“. In Cabo do Mundo, gleich hinter dem riesigen Raffineriegelände von Petrogal, checke ich in der einzigen Pension des Ortes ein. Gegenüber donnert der Atlantik an die Felsen. Ein surrealer Anblick. Dass hier ein weiteres der offenbar zahlreichen „Enden der Welt“ erreicht ist, glaubt man sofort. Noch vor dem Duschen mache ich einen kleinen Spaziergang ohne Rucksack. Seltsamerweise tun weder die Füße noch der Rücken weh und auch das Knie nur ein winziges bisschen. Ich bin zufrieden. Immerhin 17 Kilometer habe ich zurückgelegt. Der Anfang ist gemacht!

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23 Kommentare zu “Wo der Weg beginnt

  1. Toll, die Skulpturen in Matosinhos ! Die kenne ich nicht …. Wann hast du den Weg tatsächlich begonnen ? Im April? Die weiße Tara war sicher eine inspirierende Reisebegleiterin

    • Ja, die Skulptur hat es mir auch angetan. Ein paar Tage später wurde ich zufällig Zeugin, wie zwei in Seenot geratene Surfer buchstäblich in letzter Minute lebend aus den Brechern gezogen wurden. Mit dem Atlantik ist ganz sicher nicht zu spaßen. Aber das weißt du besser als ich. Was den Camino angeht, vermutest du richtig: Nach Santiago bin ich im April gelaufen, Anfang Mai dann weiter nach Finisterre und Muxía.

      • Ich bin schon gespannt, ob Finisterre so aussieht, wie es der Name verspricht. Da war ich nämlich noch nie, trotz aller Atlantikbegeisterung.

  2. guten weg dir, liebe maren!

    dass dein bericht mit der (weißen) tara beginnt, berührt mich besonders, denn ich fühle mich seit etwa zwei jahren der (schwarzen) tara sehr verbunden: in indien nun ist sie mir im april leibhaftig begegnet, sie leuchtete mir in gestalt eines jungen tuktuk-fahrers einen unvergesslichen abschiedsgruß zu …

    ich hoffe, dass du die hier lesenden weiterhin diie etappen deines weges mitgehen lässest, in wort und bild!

    sei sehr herzlich gegrüßt: pega

    • Liebe Pega, ich gestehe, so richtig viel weiß ich gar nicht über die Taras. Ich nahm einfach dankbar den mit der Übergabe der Abbildung verbundenen Segen entgegen. Und was soll ich sagen: Bisher hat er gewirkt. Vom „Ende der Welt“ bin ich wohlbehalten zurück. Ansonsten geht der Weg ja weiter… Ich vermute, deine „Etappe“ in Indien war ordentlich aufregend. Vielleicht erzählst du ja mal auf deinem Blog davon? Ich würde mich freuen!

      • liebe maren, ja, indien war aufregend, intensiv, erschütternd,, anstrengend, grandios, irrwitzig, mich zutiefst verstörend und beglückend,: groß. eine große reise, genau 12 geballte tage lang (mehr frei konnte i mir nicht nehmen), backpacking zu zweit von delhi dem yamuna folgend nach mathura … ich war überschwemmt von eindrücken, sprachlos …
        was die komplexe, komplizierte indische/hinduistische götterwelt angeht: mir scheint, du hast es mit der tara genau richtig gemacht! 😉
        lieben sonntagsgruß,
        pega

      • Liebe Pega, die Gefühlsskizze deiner Indien-Reise deckt sich mit den Schilderungen von Bekannten und Freunden, die das Land bereisten, das einem offenbar nichts erspart, aber auch wenig vorenthält an Eindrücken. Liebe Grüße, komm gut durch die Woche!

  3. liebe maren, das freut mich außerordentlich, dass du unter die pilger(innen) gegangen bist. das ist so wunderbar geschrieben, dass es mir war, als liefe ich an deiner seite. danke schön. 🙂 ich wünsche dir leichte und frohe füße, angenehme und inspirierende begegnungen und gespräche, und dass du findest, von dem du vielleicht noch gar nicht weißt, dass du es suchst. hab eine gute (pilger-)reise. liebe grüße!

    • Vielen Dank, liebe Wolkenbeobachterin – für dein feines Feedback ebenso wie für die guten Wünsche! Ja, es waren gute intensive Wochen auf dem Camino. „Waren“ schreibe ich, weil ich schon ein paar Wochen zurück bin, die Erlebnisse wirken ja fort. Vielleicht habe ich diesen Beitrag deshalb im Präsens geschrieben, wer weiß. Das „Mitlaufen“ erleichtert es sicher. 😉

  4. Liebe Maren, ich verneige mich in Ehrfurcht! Ich habe Hape Kerkelings Buch (das Hörbuch) auch gelesen (gehört) und denke noch heute, wie großartig, dass Menschen „einfach“ Pilgern gehen. Sich einfach aus Ihrem Alltag verabschieden um nach Santiago de Compostela zu laufen, wo ich oft nicht mal die Zeit für einen ausgiebigen Wochenend-Spaziergang finden kann. Und ich freue mich, dass Du uns auf Deinem Weg mitnimmst. Ich bin sehr gespannt. Darf ich fragen, schreibst Du in Echt-Zeit? Liebe Grüße, Ulrike

    • Danke, liebe Ulrike! Für Ehrfurcht besteht nicht der mindeste Anlass. Ich tue das ja freiwillig und gern. In einem Kommentar zu meinem ersten Camino-Schnipsel („Für immer Rosalía“) schrieb Stefanie: „Ich denke immer, ich bin zum Gehen gemacht.“ Mir geht es ganz ähnlich… Nein, ich blogge nicht, wenn ich unterwegs bin. Dann bin ich unterwegs resp. dort, wo ich gerade bin, aber eben z.B. nicht in der Blogosphäre. (Hier käme im wahrsten Sinne des Wortes erschwerend hinzu, dass das nötige Equipment ja einiges an Gewicht hat, das ich mit mir hätte herumschleppen müssen.) Mit der Zeit, die du ansprichst, ist das so eine Sache… Nach meiner Einschätzung hat Zeit viel mit den eigenen Prioritäten zu tun. Ich glaube nicht, dass man Zeit „findet“, man muss sie sich schon nehmen. Herzliche Grüße zu dir an die wunderbare Nordsee, wo die Zeit immer mal wieder still zu stehen scheint!

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