Den Pfeilen folgen

„Gut Weg will Pfeile haben!“ Wie dankbar bin ich dem „undogmatischen Pilgerforum“, das seine Botschaft auf einen Laternenpfahl geklebt hat. Schon der konkreten Orientierungshilfe wegen. Spaziere ich doch, noch dazu bei ergiebigem Dauerregen, quasi durch Niemandsland: ein menschenleeres Gewerbegebiet irgendwo hinter Vila do Conde auf dem Weg vom Caminho da Costa zum traditionellen Caminho Português weiter drinnen im Land. Dieses Hin- und Herswitchen zwischen verschiedenen Wegen mag man vor Ort offenbar nicht. Entweder… oder. Wer dennoch wechselt, muss das ohne gelbe Pfeile tun, die den Jakobspilger ansonsten in großer Fülle und meist auch großer Deutlichkeit auf seinem Weg nach Santiago de Compostela begleiten.

Dankbar bin ich den Undogmatischen aber auch, weil sie mir eine Überschrift zu meinem eigenen Camino schenkten. „Gut Weg will Pfeile haben!“ Genau. „Pfeile“, die deine Ziele und Zwischenziele markieren, die die Richtung bestimmen, die du einschlägst, die deine Schritte lenken. Wenn du gerade nicht so genau erkennst, wohin dich dein Weg im Leben führt, mag es eine gute Idee sein, eine Weile gelben Pfeilen zu folgen. (Oder blauen, es ist nichts an der Farbe gelegen. Die blauen führen in die entgegengesetzte Richtung, zum Wallfahrtsort Fátima 130 Kilometer nördlich von Lissabon, der für Portugiesen mindestens so bedeutend ist wie das spanische Santiago.)

Noch nach Tagen staune ich, wie wenig man denken kann. Gelben Pfeilen zu folgen, butterblumengelben, ginstergelben, ist gerade genug Aktivität für mein Hirn.

*

Spät bin ich an diesem Tag gestartet, nach einem umfangreichen Frühstück mit Eiern, Pflaumen, Brot und Kuchen und diversen Bechern Milchkaffee – Hape Kerkeling hätte seine Freude gehabt. Während ich mit Jorge, dem Betreiber des Guesthouse, plaudere, wird mir bewusst, wie fremd es vielen Menschen hier erscheinen muss, allein Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu stapfen, wie das mancher (vor allem ausländische) Pilger tut. Spanier und Portugiesen neigen offenbar weniger zum Alleingang. Jorge weiß sogar von einem Gästepaar zu berichten, das getrennt wanderte. Zuerst, so erzählt er mir, habe er angenommen, der Mann habe seine Frau vergessen, als der das Guesthouse verließ, während sie noch seelenruhig beim Frühstück saß. Aber es stellte sich heraus, dass die Motivationen der beiden einfach zu unterschiedlich waren, um den Camino gemeinsam zu gehen. Die Frau war auf einem eher spirituellen, inneren Weg. Damit hatte der Mann nichts am Hut. Auf die Idee zu pilgern wäre er von allein nie gekommen, das Wandern an sich mochte er. Also gingen die beiden tagsüber getrennte Wege, zum Abendessen trafen sie sich wieder. Jorge schüttelt den Kopf. Das, sagt er, wäre wohl nichts für ihn.

Allein. Zu zweit. In Gruppen. Heute so, morgen vielleicht ganz anders. Oder auch genauso wie am Vortag. Die Boy Group aus Cuenca, das Girls Team aus Puerto Rico, die ihre Zusammengehörigkeit für jeden erkennbar durch Gruppen-Shirts manifestieren – die Herren in Rot mit Jakobsmuschel, die Damen in Blau mit Pfeil -, gehören ganz sicher dazu. Manche werden auf dem Weg zu Familien auf Zeit. Meine gute Bekannte Barbara ist so eine. Sie liebt es, allein loszugehen, aber wohl noch mehr liebt sie es, unterwegs eine „Camino Family“ zu gründen, die fortan den Weg oder größere Teile davon gemeinsam zurücklegt.

Das Beste am Camino sind die Menschen, sagen viele. Sie sind auf jeden Fall wesentlicher Teil dessen, was einen Pilgerweg ausmacht, was ihn von – sagen wir – einem beliebigen Fernwanderweg unterscheidet. Der Unterschied hat, so vermute ich, mit den vielen persönlichen Gründen zu tun, aus denen sich Menschen bis heute auf einen Pilgerweg begeben. Das muss ja weder Buße noch die Erfüllung eines Gelübtes sein. Es ist nach meiner Erfahrung noch nicht einmal erforderlich, über die Gründe zu sprechen – die eigenen, die des Gegenüber –, sie bilden auch unausgesprochen ein Fundament, das es erlaubt, einander direkter und „ungeschützter“ zu begegnen als an manch anderem Ort, unter anderen Umständen. Dass dieses Fundament auch Menschen am Wegesrand trägt, merkst du vielleicht, wenn du plötzlich das Gefühl hast, du läufst nun auch für den Unbekannten am Ortsausgang mit, der dich gerade spontan bei den Schultern gepackt und dir einen Kuss auf die Stirn gedrückt hat.

Wie ich selbst zu „Camino Families“ stehe? Ambivalent, würde ich sagen. So sehr ich die Begegnung liebe, sie aktiv suche, so gern ich mich von anderen „finden“ lasse, so sehr schätze ich es auch immer wieder, allein unterwegs zu sein. Still zu werden. Nichts zu denken. Den Pfeilen zu folgen…

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18 Kommentare zu “Den Pfeilen folgen

  1. allein gehen, aber nicht einsam, denn die Welt ist voll von all den anderen Menschen, denen man, wie du schreibst, gerne begegnet, mit denen man gerne ein Stück Weg teilt. Nicht wirklich nachvollziehen kann ich „folge dem gelben (blauen) Pfeil, ohne zu denken“. Ich habe es lieber, meinem inneren Pfeil zu folgen, auch wenn er mich in die Irre führt. Dann war es eben die Irre, die ich suchte, um aus ihr zu lernen.
    Doch dir und deinen Erzählungen folge ich sehr gern, wissend, dass du an dem gesetzten Ziel ankommen wirst! Liebe Grüße!

    • Liebe Gerda, mir ist es auch viel lieber, inneren Pfeilen zu folgen (mag sich der Weg später auch als Irrweg herausstellen). Aber dafür braucht es ein Ziel. Fehlt es daran, kann es – und davon spreche ich hier – hilfreich, entlastend, wohltuend… sein, eine Weile einem äußeren Ziel zu folgen. Die Wirkweise von äußeren und inneren Zielen (und Pfeilen) ist ja so verschieden nicht. Danke für deine Treue und herzliche Grüße!

  2. Ich frage dich nicht nach deinen Zielen, so indiskret bin nicht einmal ich, aber meine Frage ist: Hast du sie erreicht oder bist du ihnen näher gekommen? Oder war es einfach eine schöne Wanderung ….

    • Liebe Myriade, über meine Be-weg-gründe habe ich an Gerda schon ein wenig geschrieben. Viel weiter mag ich mich hier nicht öffnen, aber zu deiner Frage immerhin so viel: In einer Lebensphase, in der mir Ziele und Inhalte etwas abhanden gekommen sind, hatte ich kein Ziel außer dem, nach Santiago de Compostela und eventuell Finisterre zu laufen. Selbst das war kein Dogma. Wenn ich nicht angekommen wäre, wäre es auch in Ordnung gewesen. Unterwegs habe ich viel Schönes gesehen und erlebt, habe gelacht und mich verbunden gefühlt, bin aber auch durch viel Schmerz und Trauer gegangen. Manchmal fühlte ich mich einsam, manchmal total überkommuniziert. Ob ich auch im übertragenen Sinn voran gekommen bin, kann ich nicht sagen. Es war jedenfalls viel mehr als „eine schöne Wanderung“.

  3. liebe maren, ich kann dein sogenanntes ambivalentes bedürfnis, zu begegnen und dann wieder in die stille und zu sich selbst zu gehen, sehr gut verstehen, da es bei mir ebenso ist. pilgern, das verbinde ich mit besinnen, lauschen und finden. und dazu gehört für mich eben auch, alleine zu gehen, mit sich selbst zu gehen, und zu lauschen und zu sehen. ich verstehe die „erleichterung“, über die pfeile. hab einen entspannten und bereichernden sonntag, liebe maren. liebe grüße von hier nach da.

  4. Liebe Maren, ich habe als KInd so gern den Film „Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung“ gesehen. Ich fand damals zu und zu lustig, was Gaylord von seinem Großvater aufgeschnappt hatte, nämlich: Gut Ding braucht gut Weil und ein Pups ist kein Pfeil. In diesem Sinne wünsche ich Dir, dass mit der Zeit klarer wird, inwiefern Du vorangekommen bist. (Denn das bist Du bestimmt.) Ganz liebe Grüße, Stefanie

    • Haha, liebe Stefanie, dieser Satz ist als Lebensweisheit schwer zu toppen. Und während man auf die Wandlung des Pups wartet, kann man ja notfalls einfach noch ein bisschen weiter gehen. Herzliche Grüße zu dir an den Fluss!

  5. Liebe Maren, Pfeile sind bei mir sehr beliebte Zeichen, die ich gerne auf Bilder setze, wie erst letzte Woche, als Buchalov bei mir zum gemeinsamen Künstlern Zugast gewesen ist.
    Und wenn ich dich nun so lese, dann denke ich, dass ich wohl gerne alleine gehen würde, die Geselligkeit ist ja eh in den Herbergen gegeben?
    Eine Freundin von mir wanderte einen Teil des Jakobsweg in Frankreich, der kaum genutzt wurde und wird, sie erzählte von langen Alleingehtagen und dem Auffinden von wunderbaren Herbergen, deren Betreiber *innen sich freuten, dass mal wieder jemand vorbei gekommen ist. Ihr Ziel war es nicht am Ziel anzukommen, sondern unterwegs zu sein…
    Danke auch hier für Bilder und dein Erzählen, beides stimmt mich fröhlich.
    Herzliche Grüße, Ulli

    • Liebe Ulli, fast staune ich, dass du noch nicht pilgern warst. Ich stelle mir vor, es könnte dir gefallen, gerade auch der Wechsel zwischen dem eigenen Weg und den mit anderen Menschen geteilten Abschnitten, wie du ihn ja auch in deinem künstlerischen Schaffen praktizierst. – Der Weg deiner Freundin hört sich gut an. Weißt du, wo sie gelaufen ist? Auch durch Frankreich führen ja einige Wege Richtung Santiago de Compostela. – Der Dank ist ganz auf meiner Seite, es gefällt mir, einen Teil meiner Camino-Erlebnisse und -Gedanken hier zu teilen und ich freue mich über dein/euer Interesse.

      • Liebe Maren, ich bin zwar schon alleine unterwegs gewesen, aber eben noch nie längere Zeit am Stück gelaufen/gepilgert. Gestern habe ich mir mal die Wege in Frankreich angeschaut, ich werde meine Freundin mal nach der genauen Route fragen!
        Gute Wege und Tage wünsche ich dir weiterhin, herzlichst, Ulli

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