Von Wasser und Steinen

Wasser und Steine begleiten mich auf meinem Weg von Porto nach Santiago de Compostela. Es sind gute Wegbegleiter. Für Bewegung steht das eine. Es erquickt und trägt voran. Stille Zeugen der Zeit sind die anderen. Festigkeit und Ruhe wohnt in ihnen.

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In die Fluten des Lima sprengt ein römischer Legionär, genauer: dessen muskulöse Statue. Er und das kleine Heer auf der anderen Seite des Flusses erinnern an frühe Besatzungszeiten auf der Iberischen Halbinsel, als der römische Statthalter Decimus Junius Brutus seine Legionen über die Flüsse Lima und Minho führte, um das damalige Gallaecia einzunehmen. Dabei stieß er nach der Überlieferung auf heftigen Widerstand nicht nur der Einheimischen sondern auch der eigenen Soldaten, die glaubten, dass der Lima einen der Flüsse der Unterwelt repräsentierte – Lethe, den Fluss des Vergessens. Heute brüsten sich die Einwohner von Ponte de Lima, das der Römerbrücke seinen Namen verdankt, damit, in der ältesten Stadt Portugals zu leben. Funde belegen die Besiedlung der Gegend seit der Altsteinzeit. Von Vergessen keine Spur.

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Das kleine Landgut im nordportugiesischen Niemandsland, in dem ich die Nacht verbringe, ist schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz von Iñes Familie. Die Weinstöcke zwischen den feldsteinernen Mauern der Gebäude scheinen nur unwesentlich jünger zu sein. Während wir in der traditionell blau gekachelten Küche ein Mahl aus portugiesischem Fisch, asiatischem Gemüse und marokkanischen Gewürzen zubereiten, erzählen wir einander Geschichten, die noch nicht ganz so alt sind.

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Viel Raum nimmt sich der Coura mit seinen dekorativen Fällen. Auch ich schreite kraftvoll aus.

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Cruzeiros säumen den Weg. Pilger legen Steine auf oder unter den Kreuzen ab, manchmal auch Bilder und sogar Wanderschuhe. Die Steine bezeugen den Besuch. Oft verkörpern sie auch eine Last, die der Pilger auf seinem Weg zurücklassen möchte. Manch einer trägt seinen Stein schon von zu Hause mit sich. Er knüpft damit an alte Pilgertraditionen an und interpretiert sie zugleich neu: Im Mittelalter wurden Verbrecher zu einer Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago verurteilt. Je nach Schwere der Tat gab der Richter ihnen auf, einen Stein als zusätzliche Buße zu tragen.

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An einem der steinernen Brunnen auf dem Weg ins spanische Redondela gibt es zum Trinkwasser gleich noch geistige Nahrung dazu: „Von den weitesten Enden der Welt bis zum Himmel / gibt es einen weißen Weg, der den Pilger führt / von den weitesten Enden der Welt bis nach Santiago.“ Darüber thront, mit einem Buch in der Hand, María Magdalena Domínguez, Stein gewordene poetista von Mos, das an diesem Tag allerdings weniger durch seine Dichterin als durch eine Ansammlung der tollsten Vogelscheuchen auf sich aufmerksam macht. Die Puppen sollen im Rahmen eines Festes prämiert werden, mit dem man an die Befreiung von den napoleonischen Truppen erinnert. Man frage mich bitte nicht nach dem Bezug zwischen historischem Ereignis und konkreter Ausgestaltung der Gedenkfeier.

Einen knappen Tagesmarsch weiter, an der Ponte Sampaio, brachte die Bevölkerung Napoleons Heer eine der empfindlichsten Niederlagen in Galicien bei. Ich genieße bei einem Glas Orangensaft den Blick auf die geschichtsträchtige Brücke.

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Irgendwo in der Gegend muss meine Liebe zu diesen wunderbaren Steinhäuschen begonnen haben, in denen traditionell Mais und andere Feldfrüchte getrocknet werden und die ich fortan in jeder nur denkbaren Machart, in jedem nur denkbaren Verfallszustand fotografiere.

Hórreos, wie sie im kastilischen Spanisch heißen, stehen frei. Das Charakteristische an ihnen ist der Unterbau: Auf meist steinernen Pfeilern liegen große Steinscheiben, auf denen der eigentliche Speicher ruht. In Galicien ist in der Regel auch der Speicher aus Stein. Er hat einen langgestreckt rechteckigen Grundriss. Die Wände sind mit Luftschlitzen versehen. Grund dafür ist das Wetter im Nordwesten der Iberischen Halbinsel: Häufige ergiebige Regenfälle und die daraus resultierende hohe Luftfeuchtigkeit lassen die Vorräte bei schlechter Durchlüftung verrotten. Gleichzeitig dürfen aber keine Mäuse und Ratten durch die Lüftungsöffnungen eindringen. Diese sind klein genug, um auch Vögel vom Lagergut fernzuhalten. Die Steinplatten auf den Pfeilern bilden einen Überhang, der von am Boden lebenden Tieren nur sehr schwer zu überwinden ist.

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So viele Quellen sprudeln am Wegesrand. Aus vielen kann man sogar trinken. Herrlich! Nie werde ich das weiche frische Wasser aus den Bergen vergessen, das ich an der Fonte Figueirido Salgueriño erst durch die trockene Kehle und dann in die leeren Wasserflaschen rinnen lasse. Und wie dankbar bin ich, als ich am Ende eines langen Wandertags kurz vor Caldas de Reis die müden Füße in die klirrkalte Tränke der Herberge halten darf, während ich den Wanderstab des alten Carlos bestaune, in den dieser sein Leben hineingeschnitzt hat.

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Bis Santiago ist es noch ein halber Tagesmarsch. Die krüppeligen Eichen, unter denen ich meine Notizen vervollständige, bieten kaum Schutz vor der stechenden Sonne. Die klein gebliebenen alten Bäume krallen ihre Wurzeln in einen Haufen moosbewachsener Steine. Sie sollen einmal zum Castro Lupario gehört haben, dem Sitz der legendären Königin Lupa, die über Galicien herrschte, als die Jünger mit dem toten Apostel Jakobus aus Jerusalem zurückkehrten und um einen würdigen Grabplatz baten. Die Königin suchte dies mit allerlei Listen zu verhindern, am Ende vergeblich. Ein neuer Wallfahrtsort war geboren.

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16 Kommentare zu “Von Wasser und Steinen

  1. Welch eine Freude dir wieder auf deinem Weg zu folgen, liebe Maren! Und ich dachte, wie erfrischend ich es finde, dass du nicht über die Mühen, die wehen Füße und das zu viele Gepäck schreibst, wie so viele andere, die sich auf den Weg gemacht haben. Es scheint du hast dich gut vorbereitet oder du jammerst einfach nicht 😉
    herzliche und fröhliche Grüße, Ulli

    • Wie schön, dich erfrischt zu wissen, liebe Ulli! Was die Mühen des Wanderns angeht: Derjenige, der auf einer langen Reise nicht auch einmal vor Erschöpfung weint, muss wohl noch geboren werden. Aber sich fortlaufend damit aufzuhalten, ist gewiss nicht meins. Die Freuden überwiegen ja bei weitem – oder sollten es doch.

    • Ach, dafür sind sie viel zu flüchtig, Gerhard. Die „große“ Geschichte mag vielleicht in Stein gemeißelt sein, die „kleine“ wird allenfalls in das Holz eines Wanderstabs geritzt. 😉

    • Ich habe früher gelegentlich an Wanderritten teilgenommen, auch in Spanien und Portugal – da kann es einen schon „im Hintern jucken“, wenn man einen Pilger oder auch einen alten Legionär vorbeireiten sieht. 😉

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