Das Abenteuer beginnt

Ich wusste, dass eine Trekking-Reise nach Ostgrönland ein Abenteuer sein würde. Aber ich hatte nur sehr ungefähre Vorstellungen davon, was das bedeutete. In dem Infoheftchen des Reiseveranstalters hatte ich zum Beispiel gelesen, dass in den Sommermonaten vereinzelt Eisbären durch den Distrikt Ammassalik streifen würden, an dessen Fjorden wir unsere Zelte aufschlagen wollten.

„Die einheimischen Jäger sind in dieser Jahreszeit nahezu rund um die Uhr unterwegs, so dass Eisbären in den meisten Fällen frühzeitig gesichtet werden. Für den seltenen Fall, dass sich ein Tier tatsächlich in der Gegend aufhält, halten wir abwechselnd Nachtwachen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Eisbär sich über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet aufhält, verändern wir unsere Trekkingroute kurzfristig, um dem Tier entsprechend Freiraum zu lassen und eine für beide Seiten kritische Begegnung zu vermeiden. Unsere Reiseleiter tragen aus Sicherheitsgründen während des gesamten Trekkings ein Gewehr bei sich und wurden zuvor mit der Nutzung im Ernstfall vertraut gemacht.“

Das hatte ich vor der Reise gelesen – und trotzdem irgendwie angenommen, ich könnte in einem der Camps in der Wildnis notfalls auch mal einen Tag pausieren, sollten die Knie streiken nach tagelangem Auf und vor allem Ab im Geröll. Dass diese Annahme wenig durchdacht war, machte uns Marina gleich bei der ersten Lagebesprechung deutlich. Die sportliche Russin, in Tadschikistan aufgewachsen und schon als Kind auf Expeditionen im Pamirgebirge unterwegs, lebt inzwischen in München. Wenn sie nicht gerade Gruppen durch die Berge dieser Welt führt, klettert sie, mit Vorliebe in vereisten Wasserfällen. Natürlich dürfe niemand allein im Camp zurückbleiben, sagte Marina. Da hätte der Eisbär ja gegebenenfalls leichte Beute.

Vor diesem Hintergrund diente die Tageswanderung auf den Hausberg von Tasiilaq von unserem Basislager am Rande des 2000-Seelen-Orts aus sicher auch dazu herauszufinden, ob wir alle fit genug sind für die vor uns liegenden Tage in der Wildnis. Über Moos und Flechten, über Geröll und Schotter führte der Weg. Vorbei an Gletscherseen und rauschenden Bächen, einmal auch mittendurch. Von Gipfel zu Sattel zu Gipfel.

Staunend und tief berührt schaute ich auf die Eisberge mit ihren türkisfarbenen Röckchen im Meer weit unter uns. Ganz allmählich begann der aufsteigende Nebel die von den Gletschern geformten Täler zu füllen.

P.S. Den „Fitness-Test“ bestanden wir alle. Ich beschloss dennoch, fortan die Kniebandagen anzulegen. An Entlastung mitnehmen, was geht!

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15 Kommentare zu “Das Abenteuer beginnt

    • Ja, wir hatten viel Glück mit dem Wetter. Viel Sonnenschein am Anfang, dann auch Nebel und Regen, aber nicht so, dass wir ewig ans Zelt gefesselt gewesen wären. Der Rückflug nach Island verzögerte sich wegen dichten Nebels um einen Tag, aber der war als Puffer von vornherein eingeplant. Alles gut also.

  1. Ach, warum packt es mich ausgerechnet in Grönland, dass ich traurig werde, wie wir Menschen uns überall trollen, und zur Not Eisbären erschießen, statt – ja was? Entschuldige, ich mache mich auf der Erde natürlich genauso breit wie Menschen, die in einsame Gegenden reisen. Aber was ist es, was uns überall hin treibt? Ich liebe Deine Fotos, und ohne die wüsste ich ja gar nicht, wie es dort oben aussieht. Das ist schon hier am Schreibtisch eine wirkliche Horizonterweiterung. Dennoch – was machen wir da eigentlich?

    • Liebe Stephanie,
      danke für deine kritischen Fragen. Was andere irgendwohin treibt, kann ich natürlich schlecht beantworten. Aber ich will versuchen, etwas über meine Motivation zum Reisen zu sagen. Müßte ich mich auf ein einziges Wort beschränken, es wäre die von dir angesprochene Horizonterweiterung. Ganz buchstäblich. Ich suche weite Horizonte (und brauche sie, wie mir scheint, von Jahr zu Jahr mehr): am Meer, in der Wüste, in den Bergen und nun zum ersten Mal auch in den eisigen Fjorden Ostgrönlands. Und ich möchte meinen persönlichen Horizont erweitern – in letzter Konsequenz: im Humboldtschen Sinne möglichst große Teile meiner Weltanschauung auf das stützen, was ich von der Welt angeschaut habe.
      Zum Beispiel habe ich erst jetzt auf meiner Reise wirklich verstanden, welchen Anteil „wir“, die wir in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unterschiedslos jeden Robbenjäger als grausamen Tierquäler brandmarkten, am Untergang der Inuit-Kultur haben. Dabei hat(te) die traditionelle Robbenjagd der Grönländer nicht das Mindeste mit dem Abschlachten junger Sattelrobben zu tun, wie es die kommerziellen kanadischen Robbenjäger praktizierten. – Ich habe auf meiner Reise nicht nur spektakuläre Landschaften gesehen sondern auch einen kleinen Eindruck bekommen, was es bedeutet, wenn das alte Leben nicht mehr möglich, ein neues aber auch nicht wirklich in Sicht ist. Von all dem kann ich erzählen und damit – wenn es gut läuft – auch zur Horizonterweiterung bei anderen beitragen.
      Ich habe mir übrigens durchaus schon mal die Frage gestellt, ob es eine gute Idee ist, in eine bestimmte Ecke der Welt zu reisen. Wenn irgendwo das Wasser knapp ist, frage ich mich z.B., ob ich auch noch da hin muss und den Einheimischen das Wasser wegtrinken oder es womöglich gar zum Duschen verplempern. Aber in Grönland, nein, da hatte ich nicht das Gefühl, ich sollte dort besser nicht sein. Und das bestimmt nicht nur, weil so ein Naturtourismus ja auch Teil der neuen Existenz von Jägern und Fischern ist. Ein bisschen schäme ich mich allerdings immer, wenn ich fliege. Das trägt natürlich überhaupt nicht zur Verbesserung des Lebensraums der Grönländer oder der Eisbären bei – unabhängig davon, ob der Flug in einsame oder belebte Regionen dieser Erde geht.
      So, das ist nun fast so etwas wie das „Wort zum Sonntag“ geworden. Du merkst, deine Fragen haben mich ordentlich beschäftigt. 😉

      • Liebe Maren, danke für die ausführliche Antwort. Ich hatte gehofft, dass Du Dich nicht angegriffen fühlst, sondern spürst, dass ich diese Frage letztlich an uns alle stelle, mich eingeschlossen. Ich erlebe auch selbst immer wieder, wie sehr Erkenntnisse regelrecht einschlagen, wenn ich vor Ort bin, oder auch nur vom Flugzeug aus Länder sehe, das Meer oder auch Grönland (haha, immerhin). Die Frage ist dann natürlich: bleibt die Erkenntnis mein Luxuserlebnis, kann ich mit der Erkenntnis etwas machen, sie zumindest weitergeben. Ich denke, Dein Blog hat am Ende genau diese Grundlage: persönliche Erkenntnis weiterzugeben. Wenn ich Deine Fotos sehe, erkenne ich die Schönheit dieser Welt, und gerade in Momenten, in denen ich mich im Alltag abplage, und für solche Reisen oder Blicke eigentlich weder Zeit noch Geld habe. Das ist ein großer Gewinn. Aber ich werde wieder lausig traurig, wenn ich dann über Salamis und Bären lese.

  2. So viel Raum und Weite, wunderbar! …ich hoffe, die Knie halten gut mit. – Beim Wandern in Norwegens Rondane hiess es auch immer, man solle wegen der Bären keine Salami im Zelt lagern, Bäume gab es keine zum Hochziehen… Letztendlich hätte man jeden vorbei kommenden Bär bereits von kilometerweiter, unverstellter her Ferne gesehen… in drei Wochen war nicht einer zu entdecken.

    • Danke der Nachfrage, Sabine: Die Knie haben gut durchgehalten.
      Wir hatten natürlich auch keine Bäume zur Verfügung und haben sämtliche Lebensmittel (incl. der individuell mitgeführten Schoko- und Müsliriegel) in Kisten im Kochzelt aufbewahrt, so dass der Eisbär, wenn er denn zu Besuch gekommen wäre, die Schlafzelte hoffentlich verschont hätte. Theoretisch haben wir uns tatsächlich viel damit beschäftigt, wie sich ein Eisbär typischerweise annähert und was man so alles tun kann, um ihn nach Möglichkeit wieder zu verscheuchen. Vielleicht ganz gut, dass es nicht zur Probe aufs Exempel gekommen ist.

  3. Oh, wow, Maren, Du erlebst dieses Jahr wirklich ein Abenteuer nach dem anderen. Die Fotos von den Eisbergen sind wunderschön!!!

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