So viele Schichten

„An dem Tag, an dem er Rachel erblickte, wusste er sofort Bescheid, wartete aber noch dreißig quälende Minuten, um sicher zu sein. Kein Mensch kam. Sie tat keinen Schritt. In ihrem grünen Kleid wirkte sie auf ihn wie eine ins Meer geworfene und nun an Land gespülte Flasche, und er, der alleinstehende Überlebende, würde sie aufheben und den Inhalt der Flaschenpost lesen. Er nahm sie mit nach Hause und heiratete sie, aber niemals gelang es ihm, die Worte in der Flasche zu entziffern.“

Aus: Ayelet Gundar-Goshen „Eine Nacht, Markowitz“

Schon vor drei Jahren hatte mich Claudia vom Grauen Sofa auf diese spannende Stimme aus Israel aufmerksam gemacht. „Löwen wecken“, der zweite Roman von Ayelet Gundar-Goshen, fand damals Aufnahme in meine unendliche Leseliste – und entfleuchte wie so viele andere mutmaßlich großartige Bücher auch gleich wieder meiner Aufmerksamkeit. Jetzt bekam ich die „Löwen“ zufällig in die Finger oder eher: sie mich. Atemlos verschlang ich die Geschichte um den Neurochirurgen, der eines Nachts am Rande der Wüste einen illegalen Einwanderer überfährt und ihn nach kurzem Nachdenken liegen lässt. Es gibt, so scheint es, keine Zeugen und der Mann wird ohnehin sterben, warum also das eigene wohl geordnete Leben aufs Spiel setzen? Doch am nächsten Tag steht die Frau des Opfers vor der Tür und stellt eine Forderung, deren Erfüllung keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Vermeintliche Gewissheiten und klare Grenzen zwischen Täter und Opfer, zwischen Gut und Böse schon gar nicht. Und immer wieder die bange Frage: Wie hätte man selbst gehandelt?

Meiner Freundin Anne, mit der ich oft Bücher austausche, die mir oder ihr besonders gut gefallen haben, konnte ich leider nicht von dem Roman vorschwärmen. Kaum hatte ich damit angefangen, unterbrach sie mich lachend und fragte, ob ich etwa die Einzige sei, der sie das Buch noch nicht geschenkt habe. Naja, schwärme ich halt hier ein bisschen… Und greife gleich zum nächsten Ayelet Gundar-Goshen, ihrem Erstling „Eine Nacht, Markowitz“, aus dem das einleitende Zitat stammt. Weil ich noch ziemlich am Anfang bin, aber schon wieder in diesem Sog aus sprudelnder Erzählfreude und psychologischem Scharfsinn, zitiere ich nur noch rasch den Klappentext: „Ausgerechnet der unscheinbare Jakob Markowitz soll die schöne Bella heiraten, um ihr die Flucht aus dem nationalsozialistischen Europa zu ermöglichen. Doch zurück in Palästina sieht er nicht ein, sein unverhofftes Glück wieder aufzugeben, und verweigert Bella die vorher vereinbarte Scheidung.“ – Ich bin dann mal auf dem Sofa…

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4 Kommentare zu “So viele Schichten

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