Sanfte Titanen

Der Mann neben mir bringt ein gewaltiges Teleobjektiv in Position. Weit vor uns, am Waldrand, zeigen sich ein paar Hirschkühe. Eine nach der anderen verlassen sie den Schutz der Bäume, verharren, nehmen Witterung auf, machen ein paar Schritte, bleiben abermals stehen. Die Bewegungen im roten Moorgras sind mit bloßem Auge zu erkennen. Wer mehr sehen will, ist auf ein ordentliches Fernglas angewiesen. Während die kleine Gemeinschaft von Hirschbrunftfreunden, die sich an diesem Abend im Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg versammelt hat, noch mit voller Aufmerksamkeit bei den schreitenden, springenden, stehenden Hirschkühen weilt, ist linker Hand plötzlich ein heller Fleck zu sehen. Ein Traum von einem Damhirsch! Groß, aufrecht und völlig bewegungslos verharrt er minutenlang zwischen den Bäumen, verschwindet dann ebenso lautlos wieder, wie er erschienen war. Wow! Aus einem halben dutzend Mündern entweicht simultan der angehaltene Atem. Da! Unbemerkt von uns allen hat sich ein Rothisch zu den Kühen gesellt. Und da, noch ein zweiter! Jetzt geht es los, flüstere ich der Freundin zu. Und tatsächlich können wir uns von dem Schauspiel erst lösen, als kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen ist. Was wir zu sehen bekommen, ähnelt allerdings mehr einer Ballettaufführung als dem erwarteten Kampf der Titanen. Sanft beschnuppern die Hirsche die Kühe, die Kühe die Hirsche, die Hirsche einander. Bespringt da gerade einer den anderen? Tatsächlich! Sollten die nicht eigentlich die Geweihe ineinander krachen lassen? Als hätten die Burschen meine Gedanken gehört, wenden sie einander die gesenkten Köpfe zu, bis sich die Geweihe berühren. In Zeitlupe bewegen sie sich mal nach links, mal nach rechts, lösen sich voneinander, treffen erneut aufeinander. So sanft, dass nicht ein Laut die Stille stört. Auch aus den Mäulern der Hirsche dringt kein Ton. Es ist ihnen wohl noch zu warm, vermutet der Mann neben mir und packt langsam seine Ausrüstung zusammen. Wie eine japanische Tuschezeichnung senkt sich die Nacht über den Bruchwald.

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8 Kommentare zu “Sanfte Titanen

  1. Das muss ein sehr beeindruckendes Schauspiel sein! Wusste der Mann worüber er spricht? Wird das Brunftverhalten tatsächlich zumindest teilweise von bestimmten Temperaturen ausgelöst? Mir ist noch nie bewusst geworden , dass die Temperaturveränderungen womöglich nicht nur auf Pflanzen sondern auch auf tierisches Verhalten Einfluss haben könnten

    • Ja, der Mann wusste offenbar, wovon er spricht. Ich habe gerade noch ein bisschen nachgelesen. Ganz allgemein kann man sagen: Je kälter die Nächte sind, desto höher gehen die Emotionen der Hirsche und desto größer ist ihre Kampfbereitschaft. Den Sommer verbringen die Geweihträger friedlich gemeinsam im Rudel. Das „Ballett“ war also durchaus den spätsommerlichen Temperaturen geschuldet.

  2. das hast du sehr stimmungsvoll beschrieben, liebe maren. die fotos dazu sind auch klasse. hirschbrunftfreunde ist ein wort, das ich weder benutzt, noch überhaupt vorher gelesen oder angedacht hatte. ich wußte nicht mal, dass es sowas gibt. schon wieder was gelernt. 🙂

    • Soll ich dir was sagen: Ich kannte das Wort auch nicht, bis ich es benutzt habe. Aber in so einer kleinen flüsternden Gruppe in der Dämmerung kann man sich schon wie eine verschworene Gemeinschaft vorkommen. 😉
      Freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat!!

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