Erhalte mich liebenswert

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben. Aber Du verstehst – oh Herr – dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zum Wesentlichen zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Ich mag kaum glauben, dass diese Zeilen bereits im 16. Jahrhundert geschrieben worden sein sollen, so modern klingen sie in meinen Ohren. Das „Gebet eines älteren Menschen“ wird Teresa von Ávila (1515 – 1582) zugeschrieben, einer spanischen Mystikerin und Karmelitin, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Ob es nun von ihr oder jemand anderem stammt oder zwar von ihr ist, aber im Laufe der Jahrhunderte sprachlich an die Zeitläufe „angepasst“ wurde, ist am Ende vielleicht zweitrangig. Alte Freunde meiner Eltern schenkten mir kürzlich eine Kopie der klugen Worte. Er ist inzwischen 87, sie unwesentlich jünger. Ab und zu, so erzählten die beiden, lese einer dem anderen das Gebet vor, um sich an seine Botschaft zu erinnern.

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18 Kommentare zu “Erhalte mich liebenswert

  1. Wir Lebenden legen manchmal einen ungeheuren Hochmut an den Tag, was die Menschen angeht, die vor uns – wie es so schön heißt – auf der Erde zu Gast waren. Warum sollten sie denn andere Sorgen gehabt haben als wir? (Und damit meine ich nicht Dich, sondern natürlich uns alle) Mich berührt das oft, weil es zeigt, wie Menschen so sind – in ihren wunderbaren wie furchtbaren Momenten. Herzlichen Dank für dieses Gebet, das kann ich gerade bestens gebrauchen 😉

    • Ich kann dir nur zustimmen, Stephanie: Ich denke ebenfalls, dass sich Menschen in ihren elementaren Gefühlen und Sorgen viel weniger unterscheiden als wir oft annehmen, nicht nur über die Jahrhunderte, sondern z.B. auch über die Grenzen von Kontinenten hinweg. Meine Zweifel bezogen (und beziehen) sich allein auf die Sprache des Gebets. An dem Wort „diktatorisch“ beispielsweise bin ich festgehakt. Ich habe im Internet auch verschiedene Versionen des Gebets gefunden, die sich im Gehalt nicht, aber doch in der Sprache unterscheiden. Statt „und verleihe mir Schwingen, zum Wesentlichen zu gelangen“, stieß ich z.B. auf „verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen“. Hier habe ich der armen Teresa von Ávila, die sich ja nicht wehren kann, das aus meiner Sicht „schönere“ und „zeitgemäßere“ Wort in den Mund gelegt. Am allerwichtigsten war mir, das Gebet überhaupt zu posten. Dass du es gerade bestens gebrauchen kannst, freut mich sehr. Mir selbst geht es nicht viel anders. 😉

  2. Was mich daran erstaunt, ist.,dass Theresa von Avila einen so relativ flapsigen Umgangston mit ihrem Gott gehabt haben soll. Bist du sicher, dass das von ihr ist?

    • Nein, sicher bin ich mir nicht, Myriade. Ich empfand den Ton auch als etwas flapsig, habe aber tatsächlich keine Ahnung, wie Teresa von Ávila mit ihrem Gott gesprochen hat. Mir ist die Art, die in dem Gebet zum Ausdruck kommt, allerdings sehr sympathisch. Und ganz nebenbei freue ich mich, dass das Wort „flapsig“ offenbar sowohl in Österreich als auch in Norddeutschland zum guten Umgangston gehört. 😉

  3. Tatsächlich wollen die Jüngeren ungern von den Weisheiten des Alters kosten und würden wünschen, die Alten hielten öfter mal den Mund….
    Glücklicherweise gibt es ja nun das Bloggen, da darf ich meine Weisheiten wo auch immer ungefragt verstreuen, und die so Beschenkten haben die wunderbare Möglichkeit, sie einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ich aber bin erleichtert und ersticke nicht an all meinem aufgehäuften Wissen, meiner Lebenserfahrung, meinen guten Ratschlägen und gelegentlich auch an meinen Wehwehchen … 😉 . .

  4. Die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude zu ertragen- ne, da hört sich doch alles auf, für sowas ist mir meine Zeit zu schade…
    Der Gipfel ist, dass manche vor lauter unbegnadeter Begeisterung mir die Krankheiten völlig unbekannter Leute schildern wollen, am Telefon oder so.
    Da kocht ganz schnell mein Teewasser…

    • Es gibt wahrlich Schöneres als Krankheitsschilderungen, das stimmt, aber wenn es nicht allzu sehr ausufert, höre ich mir das von Menschen, die mir nahestehen, schon mal an. Es gehört ja zu ihrem Befinden. Auf die Weitergabe von Informationen oder Meinungen über Dritte, schon gar mir nicht einmal bekannte, verspüre ich generell wenig Lust. Im besten Fall empfinde ich das als Zeitverschwendung, im schlimmsten als indiskret. Da können wir gemeinsam Tee kochen… 😉

  5. Pingback: Blogbummel Februar 2019 – buchpost

  6. Sogar Aphorismen.de, von denen ich bei Quellenangaben echt nicht viel halte, führt bei diesem Gebet auf, es hieße „Old Nun’s Prayer“, stamme aus dem englischen Sprachraum des 17. Jhdt. und werde Teresa von Avila zugeschrieben. Falls das mit dem 17. Jhdt. stimmt, ist es nicht von T. v. A., die war ein Jahrhundert früher. Außerdem, heißt es im Netz, sei es in einer Kirche entdeckt worden *seufz*. Alles in allem klingt mir das nach einer sehr konstruierten Herkunftslegende.
    Aber die Gedanken finde ich (davon unabhängig) großartig und sehr bedenkenswert, und die beiden Figuren habe ich schon viel zu lange nicht mehr besucht.
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Und aus dem englischen Sprachraum war sie schon gar nicht. 😉 Wie und von wem auch immer: Die Zeilen fand ich einfach zu schön, um sie ungeteilt zu lassen. Dir wünsche ich einen schönen Sonntag und viel Freude bei deinem nächsten Gang um die Alster!

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