Fiktion trifft Realität

„So ungefähr stellte ich mir eine Landschaft ‚bei Hamburg‘ vor, wo ich meinen Schwanenroman beginnen ließ“, schrieb Gerda Kazakou in einem Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag über das Himmelmoor. „Mit dem Unterschied, dass man von meinem imaginierten Sumpfgebiet aus ferne am Horizont das Meer aufleuchten sehen kann. Ob es solch ein Sumpfgebiet in der Nähe von Hamburg wohl gibt?“ Natürlich nicht, dachte ich. Wie soll man von hier aus wohl das Meer sehen!

Das weiß natürlich auch Gerda. Vielleicht deshalb skizzierte sie ihr „Hamburger“ Sumpfgebiet einfach noch ein bisschen genauer: „Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.“ – Natürlich! Das Heuckenlock! Nicht bei, sondern praktisch mitten in Hamburg: im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg, nur einen Steinwurf von der Autobahnabfahrt Stillhorn entfernt!

Das Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Umgestürzte Bäume, kleine Strände und mannshohes Schilf prägen den nur wenige Kilometer langen und ein paar hundert Meter breiten Gürtel am Ufer der Süderelbe. Ganz besonders ist das Süßwasserwatt: Das Naturschutzgebiet ist von Prielen durchzogen, wie man sie von der Nordsee kennt. In ihnen transportiert die Elbe bei Flut Sand und nährstoffreichen Schlick bis an die Deichkanten. Auch extremeres Hochwasser ist hier an der Tagesordnung: Etwa hundert Mal im Jahr steht das Naturschutzgebiet komplett unter Wasser.

Bei meinem Besuch am Sonntag herrscht Ebbe. Schmale Rinnsale mäandern durch Schlick und Modder am Grund der Priele. Feucht und rutschig ist auch der Pfad durchs Heuckenlock. Wer ihn betritt, verlässt für eine kleine Weile die Jetztzeit…

17 Kommentare zu “Fiktion trifft Realität

    • Wirklich? Mit Gezeiten? Das ist ja toll! Ich hatte gelesen, das Heuckenlock sei in Deutschland einzig in seiner Art. Na, wie auch immer: Auwälder – ob nun mit Ebbe und Flut oder wechselnden Grundwasserständen und Überschwenmmungen – entfalten einen ganz eigenen, irgendwie archaischen Zauber, nicht wahr?

  1. Als ich das jetzt las, blieb mir fast das Herz stehen. So was Tolles! Es gibt also diesen „Tideauenwald“ – das Wort höre ich zum ersten mal. Ist das nun reines Süßwasser oder Brackwasser? und kann man das Meer von dort aus sehen? Die Priele gibt es jedenfalls schon mal und den Schlick und Modder, die bei Ebbe freigelegt werden. Und sag mal, Maren: welche Vögel gibt es dort? den großen Brachvogel? durchziehende Schwäne? Krickenten und Graugänse? ausgewilderte Nilgänse? vielleicht sogar einen vom Sturm verwehten Zaunkönig? Die kommen nämlich alle bei mir vor – gleich im ersten Kapitel.

    • Schau mal hier, Gerda: http://www.natur-beobachtungen.de/orte/nsg-heuckenlock.html. Auf der Seite findest du umfassende Informationen zu Flora und Fauna im Heuckenlock und auch die herrlichsten Fotos bei allen möglichen Wasserständen. Bei meinem Besuch schien das Gebiet beinahe vogelfreie Zone zu sein. Zu hören war nur der Wind in den Blättern der uralten Bäume und das Tuten eines Schiffs auf der Elbe. Aber es gibt wohl tatsächlich sogar Zaunkönige dort. Die aus meiner Sicht spannendsten gefiederten Gäste waren brütende Seeadler, zu deren Schutz das Heuckenlock eine Zeitlang für Spaziergänger gesperrt war. Und nein: Das Meer kann man von dort aus wirklich nicht sehen. Da bleibt nur die Phantasie… 😉

  2. Das hört sich wieis ein interssantes Gebiet, werde gleich einmal schauen wo genau das liegt. Oft sind solche besonderen Flächen nah und doch unbekannt.
    LG Patricia

  3. Liebe Maren,
    das sind ja wieder tolle Bilder von einer Landschaft, in der ich mir im abendlichen Dämmerlicht oder bei Nebel so manche Gruselgeschichte gut vorstellen könnte.
    Viele Grüße, Claudia

    • Oh ja, liebe Claudia, dann ist es bestimmt besonders gruselig. Aber, soll ich dir was sagen: Schon mitten am Tag hatte ich zwischen all den Baumriesen und dem Gestrüpp, zwischen Treibholz, Schlick und Modder mehr als einmal das Gefühl, dass da gleich ein Saurier aus dem Unterholz brechen wird. Eine irgendwie urzeitliche Landschaft…

      • Das glaube ich gerne. Denn dieser morbide Charme macht sich ja schon auf dem Bild bemerkbar. Wie dann erst die gesamte Landschaft um einen herum.
        Liebe Grüße, Claudia

  4. Pingback: Urwald im Taschenformat und ein Leuchttürmchen ;-) | Irgendwas ist immer

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