Gehen geht (fast) immer

Vor ein paar Jahren erst habe ich die Freuden des Fernwanderns für mich entdeckt. Gehen. Immer weiter gehen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Viele Kilometer weit. Mit jedem Kilometer weitet sich auch mein Blick. Ich spüre meine Füße, beobachte, wie der Rücken gerade wird, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln spielen. Gedanken kommen und gehen. Ich atme ein. Und aus. Und wieder ein. Ich rieche, was um mich ist. Höre bewusster, während das bewusste Denken aufhört. Wie wenig man denken kann, wenn man nur lange genug geht…

Ja, ich weiß. Fernwandern, das geht zurzeit – und wohl noch eine ganze Weile – nicht. Aber eine Weile rausgehen, das geht für die meisten von uns, auch wenn sonst gerade nicht viel geht. „Gehen am Rande des Alltags“ sozusagen, vor der eigenen Haustür. Das passende Buch dazu hat Christian Sauer geschrieben: „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.“ Der Journalist und Coach weiß: „Draußen gehen ist keine Sportart, sondern eine Art, sich fortzubewegen – und eine Lebensweise. Es belebt und ordnet unser Denken. Draußen gehen relativiert Probleme, eröffnet Perspektiven. Es führt uns raus aus jener Problem-Trance, in die uns Arbeit, Projekte, Beziehungen, Kinder und Eltern immer wieder versetzen.“ Und Corona, ist man versucht hinzuzufügen. Sauers Texte verbinden sich organisch mit großformatigen Illustrationen von Franca Neuburg, die viel Raum lassen für eigene innere (Landschafts-)Bilder. Für ein auch haptisches Vergnügen sorgt der leinene Einband.

Zurzeit spielt sich unser aller Leben in begrenzten Räumen ab. Aber irgendwann wird der Radius wieder größer werden, auch für die Füße. Darauf kann man sich jetzt schon freuen. Zum Beispiel indem man in dem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“ schmökert. Der Autor Ulrich Grober beschreibt darin zwölf seiner eigenen Wanderungen durch deutsche Lande. Allein, mit Kindern, mit Freunden. Immer wieder auch auf den Spuren berühmter Wanderer. Dazu gibt es Tipps fürs Wandern von der passenden Ausrüstung bis zur Orientierung im Gelände. Grober erzählt von unterschiedlichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er schreibt über Wasser und Luft, über das Wandern als Überlebensstrategie, über spirituelles Wandern und über das Ankommen. All das so verlockend, dass man am liebsten sofort den Rucksack packen und aufbrechen möchte.

Man könnte natürlich auch das Kapitel übers Navigieren aus- und sich stattdessen auf Abenteuer pur einlassen. Wer dafür schon einmal im geschützten Raum – auf dem Sofa vielleicht oder auf der Gartenliege – üben möchte, dem bieten Kathrin Passig und Aleks Scholz Unterstützung mit ihrer unterhaltsamen „Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ über das „Verirren“. Die ist zwar, ebenso wie Ulrich Grobers Werk, schon ein paar Jahre alt, passt aber irgendwie ziemlich gut in diese Zeiten, in denen wir so viele bekannte Pfade verlassen und neue erkunden (müssen).

Im ersten Teil des Buches geht es „um Verirren in harmlosen Gegenden, das sich in den meisten Fällen dadurch wieder beenden lässt, dass man nach dem Weg fragt. Der Abschnitt ‚Fortgeschrittene‘ beschäftigt sich damit, was passiert, wenn man sich mehr als nur ein bisschen verirrt. Anfängerverirrungen lassen sich abbrechen, sobald man schlechte Laune oder kalte Füße bekommt. Fortgeschrittene Verirrungen dagegen gleichen einer Achterbahnfahrt. Man kann nicht einfach mittendrin aussteigen, nur weil man sich fürchtet.“

Die Fotos in diesem Beitrag habe ich von ausgedehnten Streifzügen durch die Fischbeker Heide und die Harburger Berge im hamburgisch-niedersächsischen Grenzgebiet mitgebracht. Passend zur Jahreszeit führten mich meine Wanderungen auch am Kiepenkerlsweg und am Eierstieg vorbei. Euch allen frohe Ostern!

16 Kommentare zu “Gehen geht (fast) immer

    • Auf dem „Urvieh“ unten habe ich meine Brotzeit genossen. Es wäre locker Platz für eine zweite Person gewesen, gemessen an den Abstandsregeln aus Vor-Corona-Zeiten.

  1. Ja, gehen, liebe Maren. Das ist mir auch so wichtig. Weils grad nicht geht, lese ich „Der Salzpfad“. Das Buch eignet sich ganz wunderbar, wenn man sich auf nichts Kompliziertes konzentrieren kann. Deine Tipps scheinen anspruchsvoller – das gucke ich mir mal genauer an. Liebe Grüße und schönes Fest für´n Rest!

    • Du kannst grad nicht gehen, Stefanie? Doch hoffentlich nicht, weil du krank bist!? Falls doch: Komm rasch wieder auf die Beine!
      Den „Salzpfad“ habe ich nicht gelesen. Ich glaube, ich gedulde mich, bis ich den South West Coast Path selbst laufen kann. Das möchte ich schon lange. Die Bücher, die ich hier empfohlen habe, sind übrigens alle gut zu lesen und Balsam für Nomadenseelen und Gernegeher, besonders die ersten beiden. Allzu komplizierte Lektüre schätze ich zurzeit auch nicht so sehr. 😉

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