Mit blauen Sternen reisen

Keine Butterblume, kein Löwenzahn entfaltet vergleichbare Wirkung, das Gänseblümchen nicht und auch nicht diese rosafarbenen Puschel, die aussehen wie Flaschenputzer en miniature. Wenn mich etwas verlässlich auf Zeitreise in die eigene Kindheit schickt, dann ist es der Anblick von Vergissmeinnicht. Ein einziges Pflänzchen genügt, um ganze Teppiche kleiner blauer Sterne vor meinem inneren Auge aufleuchten zu lassen…

Darin, bis zu den Knien, Elke, Anke und ich, pflückend, was unsere Kinderhände halten konnten. Mit den Vergissmeinnicht auf der verwilderten Wiese hinter dem Haus trieben wir drei regen Handel. Für einen Spankorb voller Sträuße gab uns die nette Frau R. eine Batterie leerer Joghurtbecher. Ihr Mann, Herr R., leitete unsere Schule, die damals noch Volksschule hieß. Herr R. bewegte sich, als habe er einen Spazierstock verschluckt. Frau R. schien immer Zeit zu haben – und sie verfügte über schier unerschöpfliche Vorräte an säuberlich ausgewaschenen Joghurtbechern aus Plastik. So etwas Kostbares gab es weder bei meinen Freundinnen noch bei uns zu Hause. Nicht weil wir so öko gewesen wären, das war damals noch kein Thema, glaube ich, eher aus Gründen der Sparsamkeit. Zuerst wurde sogar noch Dickmilch auf der Fensterbank angesetzt. Wenn die schön sauer war, streute mein Vater Zucker drauf und brockte Schwarzbrot hinein. Später gab es dann eine Joghurtmaschine. In kleinen Gläschen mit blassorangem Schraubverschluss produzierte meine Mutter fortan Joghurt. Die nette Frau R. und ihr Mann waren moderner, sie kauften ihren Joghurt in Plastikbechern. Offenbar in rauen Mengen, so oft wie wir nach meiner Erinnerung zum Tauschen gingen.

Was wir mit den vielen Bechern anstellten, weiß ich nicht einmal mehr. Mit Wasser rumpütschern, nehme ich an. So Mädchensachen. Das fand vor allem Anke gut, die schon als Grundschülerin ziemlich häuslich war. In unserer Höhle unter dem Essigbaum mit seinen tief hängenden Zweigen, wo wir die komplette „Höhlenkinder“-Saga nachspielten, flocht sie begeistert Matten aus Gräsern. Elke und ich waren mehr der Jägertyp. Mit Inbrunst schnitzten wir uns Pfeil und Bogen und brachten es in ihrer Anwendung zu beachtlicher Treffsicherheit. Keiner der hölzernen Telegrafenmasten im Dorf war vor uns sicher. Oft zogen wir zu den A.schen Wiesen am Rande des Auetals, „Wildpferde“ zähmen. Elke war Winnetou, ich Old Shatterhand. Ich wäre auch lieber Winnetou gewesen, aber Elke hatte die längeren Haare. Anke machte unser Baumhaus neben der Ponyweide schön. Einmal rauchten wir dort zu dritt heimlich eine Zigarette. Natürlich musste ausgerechnet in dem Moment Ankes Vater vorbeispaziert kommen. Ich hatte tagelang Angst, dass er uns verpetzt. Hat er nicht, aber die Angst war mindestens so schlimm. Ich kann sie heute noch fühlen.

Im Baumhaus, das war schon meine zweite heimliche Zigarette gewesen. Die erste hatte ich mit Gunter im Kastanienwäldchen gepafft. Gunter war der beste Freund, den man sich denken kann. Groß, stark und voller aufregender Ideen, die sein Vater allerdings selten toll fand. Fast kein Abend verging, ohne dass der ihm den Hintern versohlte. Manchmal traute sich Gunter erst im Dunkeln heim. Ich höre noch seine Mutter rufen: „Gunter, komm doch nach Hause! Dir passiert auch nichts!“… Weich streicht das Licht der Abendsonne über die Vergissmeinnicht  zu meinen Füßen.

6 Kommentare zu “Mit blauen Sternen reisen

  1. ach wie wundervoll liebe Maren, was für ein schöner Text, viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiel zu kurz, ich hätte noch sehr lange weiterlesen können. Gute Besserung deine Anja

    • Herzlichen Dank, liebe Anja, das freut mich sehr! Im Kopf mändern die Erinnerungen ja tatsächlich immer so weiter, aber hier fand ich es angemessen, zwischendurch mal einen Punkt zu setzen. 😉

  2. „Den Hintern versohlt“ – wie schrecklich. Und so normal damals. Vergißmeinnicht liebe ich auch. Es waren die Lieblingsblumen meiner Oma. Deswegen machen sie mich immer ein bisschen melancholisch. Berührt ganz schön, Dein Text. Merci – und einen schönen Sonntag, Stefanie

    • Schrecklich normal, ja…
      Liebe Stefanie, ich freue mich sehr, dass dir mein Beitrag für einen Moment die offenbar sehr geliebte Oma zurückgebracht hat. Melancholie inklusive, die ja zeigt, was man mal hatte – und immer noch hat, tief im Herzen. Auch dir einen schönen Sonntag!

    • Oh, du auch, Susanne!? Da gehe ich doch gleich mal schauen… Diese kleine zart-robuste Blume vergisst offenbar keine(r), deren / dessen Herz sie einst eroberte.

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