Für immer und ewig

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Bummelig 35 Jahre ist das jetzt her. Wir waren natürlich mit Visum angereist. Das vorab gebuchte Hotel am Wenzelsplatz und der Zwangsumtausch rissen tiefe Löcher in den studentischen Haushalt. Dafür waren damals kaum Touristen unterwegs. Wir hatten die Sehenswürdigkeiten der Altstadt praktisch für uns: die Karlsbrücke, den Hradschin und – best of all – den Friedhof im früheren Prager Ghetto. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir auf dem nur einen Hektar kleinen verwinkelten Gelände herumgestreift sind, auf dem seit dem 15. Jahrhundert unfassbare 100.000 Tote die ewige Ruhe fanden. Da der jüdische Glaube eine Auflösung von Gräbern verbietet, es andererseits aber kaum Möglichkeiten gab, den Friedhof zu erweitern, begrub man die Verstorbenen im Laufe der Jahrhunderte in mehreren Schichten übereinander. Immer wieder wurde neue Erde aufgehäuft. Grabsteine und -platten versanken oder kamen kreuz und quer übereinander zu liegen. Ein bizarrer und gleichzeitig wunderschöner Anblick. Wir haben wohl fast jeden der mehr als 12.000 erhaltenen steinernen Zeitzeugen studiert, sind mit den Fingern verwitterten Inschriften und Symbolen gefolgt, die so viel von den Menschen erzählen, die einst in dem Viertel lebten. So wie wir damals kann man den Friedhof schon sehr lange nicht mehr besuchen. Nur ein schmaler Weg rings um das Areal ist noch für die Öffentlichkeit zugänglich. Das war und ist angesichts der Besucherströme sicher notwendig. Umso dankbarer bin ich, dass ich diesem besonderen Ort in einer anderen Zeit einmal so nahe kommen durfte.

Der jüdische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, von dem die Fotos in diesem Beitrag stammen, ist längst nicht so alt. Er ist um ein Vielfaches größer und auch viel grüner als der alte Friedhof in Prag. Aber dieser Atem des Ewigen, den ich in der tschechischen Hauptstadt verspürte – er weht ganz sacht auch zwischen den Gräbern an der Hamburger Ilandkoppel, zwischen den älteren jedenfalls. „Geliebt und unvergessen…“

Die vorherrschende Farbe an diesem Ort ist moosgrün. Steine und Stämme verbinden sich zu einem vielgestaltigen Wald. Grabplatten scheinen aus uralten Bäumen zu wachsen. Holz häutet sich. Steine verwittern. Auf manch einem findet der Finger die Inschrift leichter als das Auge. Hebräisch auf der einen, Deutsch auf der anderen Seite. „… Ach, sie haben / Einen guten Mann begraben / Und mir war er mehr“.

Spinnen weben zarte Fäden in den Ecken. Efeu bildet Rankendecken. Schmiedeeiserne Gitter rosten, geraten in Schieflage. Schief wie die alten Steine. In endlosen Reihen verharren sie wie eine stille Armee in der regenschweren Luft. Verziert mit Ranken und Weinreben, mit Kronen und den segnenden Händen der Priester.

Der jüdische Friedhof Ohlsdorf wurde 1883 als separater Teil des großen Hamburger Zentralfriedhofs nebenan eröffnet. Er nahm auch etliche Gräber der in den 1930er Jahren zwangsgeräumten jüdischen Friedhöfe am Neuen Steinweg, am Grindel und in Ottensen auf. Gegenüber der Trauerhalle erinnert ein Gedenkstein an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Davor steht eine Urne mit Asche von Toten aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Der Friedhof an der Ilandkoppel ist der einzige in Hamburg, auf dem bis heute nach jüdischem Ritus bestattet wird. Er ist täglich außer samstags bis 16 Uhr geöffnet.

19 Kommentare zu “Für immer und ewig

  1. Dieser Beitrag ist informativ und sehr, sehr berührend.
    Da ist so viel Liebe und Schmerz aus früheren Jahrhunderten zu spüren: ergreifend und wunderschön!
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  2. Sehr beeindruckend… Deine Aufnahmen lassen Alltagsgedankengezeter ganz leise werden…

    (p.s. Deine Award-Fragen sind nicht vergessen!)

    • Oh, das ist gut, Anna. Ich selbst habe die Stille, das Stillwerden beim Herumstromern auf dem Friedhof auch sehr genossen.
      (P.S. Das freut mich. Nimm dir nur Zeit.)

  3. Die Ecke von Ohlsdorf habe ich noch nie gesehen. Voll schön. Den jüdischen Friedhof in Prag habe ich sehr viel später besucht als Du; vielleicht so vor 20 Jahren. Aber er ist mir trotzdem ganz nachdrücklich in (sonniger, friedlicher) Erinnerung. Und wo ich gerade Annas PS lese: same here! LG, Stefanie

    • Auf dem Ohlsdorfer Zentralfriedhof war ich schon x Mal, aber auf dem jüdischen Friedhof nebenan jetzt tatsächlich auch zum allerersten Mal. Da läuft man nun seit Jahren ausdauernd durch die Stadt und kennt trotzdem nur einen Bruchteil… 😉
      P.S. Ich freu mich, bin gespannt auf deine Antworten.

  4. Wunderschöne, berührende Bilder… Danke für den Ausflugstipp. Da möchte ich auch einmal hin (sowohl Prag als auch jüd. Friedhof in Ohlsdorf).

  5. Ja, diese Friedhöfe!
    Ich machte mal im Allgäu 2 Tage Station und war entsetzt, dass unweit mal ein Arbeitslager war. Ich besuchte die jüdische Gedenkstätte im Wald, am nächsten Tag. Hatte sogar mal davon berichtet.

  6. Sehr schöne Motive Maren ! ich habe mich dort auch schon mal versucht, ist aber nichts geworden…jetzt nehme ich mir für den nächsten Besuch mal einen stürmischen Novembertag mit durch die Luft fliegenden Blättern vor….LG Jürgen

    • Vielen Dank für dein Lob, Jürgen. Das geht runter wie Öl.
      Ein stürmischer Novembertag ist bestimmt perfekt für diesen besonderen Ort. Ich freue mich schon auf deine Sicht!
      Liebe Grüße nach nebenan!

  7. Pingback: Wind- und Wetterkunst | Von Orten und Menschen

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