Augen-Blicke

Die Besucherin betrachtet die Kussszene vor sich. Was sie denkt, ist hinter der Maske, die einen Großteil ihres Gesichts bedeckt, nicht zu erkennen. Ob ihr bewusst ist, dass der Dritte im Bilde wiederum sie zu beobachten scheint? Und die Fotografin sie und den Dritten und die Kussszene? Wie geschlossen (und frei von Voyeurismus) wirkt dagegen das Geschehen in der zweiten Aufnahme: Maskenträgerinnen unter sich, beinahe schon eine Begegnung auf Augenhöhe.

Das erste Foto ist ein Schnappschuss aus der Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag von Helmut Newton, die noch bis zum 29. November im Ernst Barlach Museum im schleswig-holsteinischen Wedel gezeigt wird. Das zweite Foto entstand, ebenso rasch und intuitiv wie das erste, im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo noch bis zum 1. November „Untold Stories“ zu sehen ist (sind) – die erste und zugleich letzte von ihm selbst kuratierte Ausstellung mit Werken von Peter Lindbergh.

Newton und Lindbergh – zwei Jahrhundertfotografen, die am liebsten Frauen fotografierten und mit Mode, Porträt und Akt noch dazu ähnliche Themenschwerpunkte setzten. Und doch liegen Welten zwischen ihren Arbeiten. Wo der ältere Newton Weiblichkeit, das Spiel der Geschlechter kühl, immer wieder auch verstörend inszenierte, feierte Lindbergh, für den auch in der Modefotografie der Mensch mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund stand, mit erkennbarer Wertschätzung die natürliche Schönheit der Porträtierten. „Ein Mann der Lifestyle-Magazine“, urteilte Frank Hajasch für NDR Kultur über Newton: „Individualität spielt selten eine Rolle, Mimik gar nicht“. „Der Mann, der die Frauen verstand“, schrieb Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung über Lindbergh: Die Frauen „zeigen etwas von sich, aber sie liefern sich nicht aus“, es geht um „eine Nacktheit, die nichts mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hat, sondern selbst gewählt, selbstbestimmt ist“. Besonders augenfällig werden die Unterschiede, wenn man sich beide Ausstellungen nacheinander ansieht. Erst Newton, dann Lindbergh, aus dessen Werkschau ich auch die folgende Foto-Szene mitgebracht habe.

10 Kommentare zu “Augen-Blicke

    • Es lohnt sich sehr, liebe Pega, besonders die Lindbergh-Schau, in der neben bekannten Arbeiten auch zahlreiche bisher noch nie gezeigte Bilder zu sehen sind. Falls dir Hamburg zu weit ist: Noch bis Ende September läuft die Ausstellung parallel im (Kooperationspartner) Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Von Hamburg wandert sie im Winter 2020/21 weiter ins Hessische Landesmuseum Darmstadt und von dort im Frühjahr 2021 ins MADRE nach Venedig.

      • danke, liebe maren, für die informationen!
        es wird sich für mich wohl kaum die möglichkeit auftun, tatsächlich die ausstellung zu sehen, bin ich doch durch vielerlei berufliche und private verpflichtungen an einen alleweil recht strengen stundenplan gebunden und muss die wenige freie zeit immer gut einteilen … aber wer weiß, manchmal fügt sich ganz unverhofft eins zum andern, immerhin hab ich liebe verwandte in hamburg, die sich über einen besuch riesig freuen würden. mal sehen, ob und wie man im herbst reisen kann: mit dem zug von münchen nach hamburg, das geht ja, wenn bahnmäßig alles rund läuft, sehr bequem und schnell … 😉
        vielliebe grüße,
        pega ❤

      • Wenn es dich nach Hamburg „verschlägt“, lass gern von dir hören. Vielleicht ist zwischen Fotos und lieben Verwandten Zeit für einen Kaffee mit einer Bloggerkollegin… 🙂

  1. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Newton-Ausstellung besuchen werde (trotz räumlicher Nähe). Ich glaube, mich interessiert diese kühle Distanz zum photographischen Objekt nicht, die ich in den Bildern vermute – oder irre ich da?

    • Deine Bedenken kann ich gut nachvollziehen, Eva. Newton ist zum Teil schon harter Tobak. Aber interessant ist’s allemal, gerade auch in der Gegenüberstellung.

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