Die Blumen des Altbauern

“Das meiste ist Unkraut. Was weiß ist, ist Unkraut”, sagt der alte Mann und steigt neben mir vom Rad. Ich sehe viel Weiß und dazwischen viel blauen Himmel. „Aber schön ist‘s“, sage ich und knipse weiter. „Na ja…“, meint er. „Mit den Lupinen hat es nicht so geklappt. Und die Sonnenblumen mickern auch. Wenn Sie was richtig Schönes sehen wollen, müssen Sie sich die Wiese am Ende des Ackers ansehen.“ Spricht‘s und schwingt sich wieder auf sein Rad. Ich schwinge und radele hinterher, den sanften Deichhang hinab und dann immer den Löwenzahn-bewachsenen Weg entlang. Am Ende: Was für eine Pracht!

„Die habe ich gesät“, sagt, mit einem Hauch väterlichem Stolz, der alte Mann. „Ich habe ja das Land.“ Und mit Land macht man was. Jedenfalls, wenn man Bauer ist. Oder war, wie der alte Mann. Früher hat er Blumen zum Verkauf gezogen. Dafür sind die Vier- und Marschlande in Hamburgs Südosten bekannt. Für die Blumenzucht und für den Obst- und Gemüseanbau. Jetzt hat der alte Mann nur noch ein paar Reihen Kartoffeln und zwei, drei Apfel- und Birnbäume für den Eigenverbrauch. Und die Wildblumen.

„Man will ja auch mal was anderes sehen“, sagt er. Und fügt, beinah schon philosophisch, hinzu: „Die Zeiten ändern sich. Selbst das Unkraut ist nicht mehr dasselbe wie früher. Hühnerschwarm zum Beispiel habe ich ewig nicht gesehen.“ Kenne ich nicht, denke ich spontan. Kenne ich doch, stelle ich ein paar Stunden später im Internet fest – nur unter anderem Namen: Vogelmiere. Wunderschön, die kleinen sternförmigen Blüten! Weiß natürlich.

Die Idee mit den Wildblumenwiesen hat der Altbauer übrigens von einem Nachbarn: „Das machen jetzt viele hier. Einer fängt an, und dann machen‘s die anderen auch.“

Tatsächlich. So herrlich „wild“ wie auf dieser Tour habe ich Hamburgs großen Garten im Dreistromland zwischen der Elbe und ihren Nebenflüssen Dove- und Gose-Elbe wohl noch nie erlebt.

Selbst in den Vorgärten herrscht vereinzelt fröhliche Anarchie.

12 Kommentare zu “Die Blumen des Altbauern

    • Danke, Sonja. Ja, Hamburg hat tolle Ecken, zumindest für Auswärtige auch überraschend dörfliche. So intensiv wie auf dieser Tour habe ich mich allerdings schon eine ganze Weile nicht mehr in den Bauerngarten meiner lange verstorbenen Großmutter zurückversetzt gefühlt.

  1. Liebe Maren,
    die bunten Wiesen sind ein Traum! Ich kenne sie vor allem aus den Bergen. Im eigenen Garten haben wir schon ein paar Versuche gestartet, zumindest Teile des Rasens durch so eine schöne bunte Wiese zu ersetzen, in der ja auch ein ewiges Kommen und Gehen, ein Gesumme und Gebrumme und manchmal auch ein Zirpen zu hören ist. Aber unser Boden macht das nicht mit. Jeder Versuch bishger ist kläglich gescheitert. Umso schöner, wenn ich mir wenigstens Bilder anschauen kann – von „fröhlich, anarchischen Vorgärten“.
    Einen schönen Sonntag, Claudia

    • Oh, ihr habt schon Erfahrung mit den Samenmischungen, liebe Claudia!? Dass der Boden dabei Probleme machen kann, habe ich bereits gehört. Auch der alte Bauer vermutet, dass seine vordere Wiese u.U. deshalb nicht so gut angegangen ist wie gewünscht. Ich selbst freue mich in diesem Jahr an einem üppig blühenden (Pflanz-)Balkon (einschließlich ordentlich Summen und Brummen). Für das nächste Jahr habe ich mir vorgenommen, mal wieder ein bisschen mehr selbst auszusäen. Mit Zinnien z.B. habe ich tolle Erfahrungen. Herzliche Grüße von Blumenfreundin zu Blumenfreundin!

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