Still vergnügtes Tauschen

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör‘ ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

Nikolaus Lenau (1802 – 1850): Herbst

22 Kommentare zu “Still vergnügtes Tauschen

  1. Ein sehr schönes Gedicht von Nikolaus Lena, das auch perfekt zu diesem so viel Ruhe, durch das zarte Sonnenlicht auch Zuversicht ausstrahlenden Herbstbild passt.
    Liebe Grüße von Hanne

  2. Bei Lenau rechne ich immer erstmal mit viel Düsternis und Bedrückendem – aber hier gleitet es schön sanft ins Hoffnungsfrohe. Und Deine Fotografie ist sehr stimmungsvoll.

    • Mit Lenau geht es mir ähnlich wie dir, Anna. Als ich sein Herbst-Gedicht las, rechnete ich mit schwerer Melancholie – und stelle mir nun vor, dass er vor 200 Jahren vielleicht durch einen ganz ähnlichen Zauberwald spazierte wie ich…

  3. Wenn „Sterben“ und „Sanftheit“ zusammenfinden und man dabei aufathmet, dann muss wohl irgendwo ein Licht durch die Nebel voreingenommener Wörter gefallen sein.
    Wunderschönes Gedicht und ein Bild wie dazu gemacht. Danke dir, liebe Maren!

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