Krieg in Äthiopien

Fünf Jahre ist es her, dass ich den Norden Äthiopiens bereisen durfte. Die Bilder, die sich in den Geralta-Bergen und im Simien-Gebirge tief in meinen Kopf und mein Herz prägten, kann ich jederzeit vor das innere Auge rufen. Die vielen Begegnungen mit Menschen in den Regionen Tigray und Amhara, sie wirken bis heute nach. Heute… heute herrscht dort Krieg.

Seit Wochen spitzt sich der Kampf zwischen der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed und der Regierung der Region Tigray an der Grenze zu Eritrea zu. Am Wochenende meldete Abiy, dass die tigrinische Hauptstadt Mekele von der Armee erobert worden sei. Menschenrechtsorganisationen berichten von Massakern zwischen Angehörigen der Volksgruppen der Tigray und Amhara, bei denen es Hunderte zivile Opfer gegeben habe. Mehr als 40.000 Menschen sind bereits aus Tigray in den Sudan geflohen. Täglich werden es mehr. Telefon- und Internetverbindungen in der Region sind seit Wochen abgeschnitten. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird immer kritischer.

Ein Land steht vor dem Zerfall. Dabei hatte es so viele Hoffnungen gegeben, als Abiy Ahmed 2018 die Regierung übernahm. Hoffnungen auf tiefgreifende Reformen, die in dem Vielvölkerstaat Äthiopien sehr lange niemand für möglich gehalten hatte. Anfang der 1990er Jahre hatten Rebellen aus Tigray das marxistische Militärregime gestürzt und waren danach für Jahrzehnte ins Zentrum der Macht gerückt, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung stellen. Auch der verstorbene frühere Machthaber Meles Zenawi stammte aus der Region. Abiy hingegen gehört zum Volksstamm der Oromo, Äthiopiens größter ethnischer Gruppe. Er beendete den langjährigen Krieg mit dem Nachbarn Eritrea, er ließ mehr Offenheit zu, Dissidenten aus dem Ausland konnten zurückkehren. Erst vor einem Jahr erhielt Abiy den Friedensnobelpreis für seine Reformen am Horn von Afrika. Doch es gab auch schon früh Zweifel an seiner Fähigkeit, Frieden zu stiften. Gerade die Öffnungen, die Zerschlagung der alten repressiven Strukturen, sagen viele, hätten die schwelenden Konflikte zwischen den Ethnien noch befördert. Inzwischen, so scheint es, führt Abiy selbst ein zunehmend repressives Regiment. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die Verschiebung der für August anstehenden Wahlen wegen der Covid-19-Pandemie. Da sich Abiy der Wahl verweigert habe, sei seine Regierung verfassungswidrig, befand die Volksbefreiungsfront von Tigray und ließ selbst Regionalwahlen abhalten, was wiederum Vertreter des Zentralstaats als verfassungswidrig bezeichneten.

Und während am Horn von Afrika alte Rechnungen beglichen werden und die Katastrophe anscheinend unaufhaltsam ihren Lauf nimmt, denke ich an die Menschen, denen wir auf unserer Reise begegneten – und ich frage mich, wie es ihnen heute gehen mag. Den vielen Kindern und Jugendlichen, die schon so früh Verantwortung tragen, ganz buchstäblich. Den Priestern, oft im Nebenberuf Bauern (oder war es umgekehrt?), die uns mitnahmen in ihre Kirchen zwischen den Felsen. Und all den anderen…

Meine alten Reiseberichte aus Äthiopien findest du unter der Rubrik „Reiseschnipsel“.

9 Kommentare zu “Krieg in Äthiopien

  1. Wie traurig das alles ist, liebe Maren.
    Ich kann mich gut an deine Bilder erinnern.
    Gestern sah ich einen Bericht im Weltspiegel, dort sagte eine Frau, die in den Sudan geflohen ist, dass sie um jeden Toten trauert, es sind alles Söhne von Müttern, die Ethnie dahinter sei ihr egal. (Sinngemäß)
    Wie Recht sie hat und was für eine große Sinnlosigkeit all diese Kriege sind.
    Liebe Grüße
    Ulli

    • Was für eine bemerkenswerte Frau, liebe Ulli. Die zitierte Äußerung lässt mich an die Mütter der Plaza de Mayo in Buenos Aires denken. Es sind am Ende vielleicht immer die Mütter, die für die Hoffnung auf Überwindung von Gräben stehen.

  2. Traurig ist auch das große Desinteresse bei vielen Europäern – das durch die Pandemie noch verschärft wurde – an allem, was außerhalb unserer Region geschieht. Wie gut, dass du auf Deine Weise den Blick auf die Zustände und die Situation der Menschen dort lenkst.

    • Ja, die Welt ist kleiner geworden in diesem Jahr, das empfinde ich auch so, liebe Birgit. Auch ich kreise viel stärker um das eigene Dasein als normalerweise. Wie leicht übersieht man dabei, dass es an anderen Orten Menschen gibt, die froh wären über ein Dach über dem Kopf, über fließend Wasser und eine warme Mahlzeit, ganz zu schweigen von so „luxuriösen“ Dingen wie Frieden und Meinungsfreiheit.

  3. Liebe Maren, mit einem persönlichen Bezug ist diese furchtbare Situation besonders bedrückend. Ich habe schon oft gedacht, dass Politiker vor ihrer politischen Karierre ein „Auslandssemester“ absolvieren sollten. Das verändert den Blick.

    • Nur für Politiker? Ich plädiere für „Auslandssemester“ für alle, liebe Ulrike. Frei nach Alexander von Humboldt könnte man sie auch Weltanschauungssemester nennen. Wie mir das Reisen fehlt…!

      • Genau. Ich war auf der Suche nach einem besseren Wort: „Weltanschauungssemester „! Das ist es. Und am Besten verbunden mit einer sozialen Aufgabe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s