Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delfine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch
Nicht fertig werden

Rose Ausländer: Nicht fertig werden

Selten hat mich ein Gedicht so punktgenau erreicht wie diese Zeilen von Rose Ausländer. Ja, das wünsche ich mir für das neue Jahr: Die Herzschläge nicht zählen, überhaupt nicht so viel zählen und wägen, sondern leben, mit allen Fasern. Delfine habe ich schon mal tanzen lassen. Das war auf einer Kajaktour durch den Doubtful Sound im Süden Neuseelands. Wie aus dem Nichts sprang ein Dutzend der kecken Gesellen um und über unser Boot und forderte meinen Partner und mich zum Spiel. Wir paddelten wie die Verrrückten, um mitzuhalten. Eigentlich haben also nicht wir die Delfine sondern die Delfine uns tanzen lassen… Zwanzig Jahre ist das nun schon her, aber die pure Freude, die ich damals empfand, wird mich bis ans Ende aller Herzschläge begleiten. Irgendwann werde ich wieder Länder aufstöbern. Was für ein großartiges Bild! Und bis dahin rufe ich mir aus Worten Welten. Aus Büchern, aus Gesprächen. Ich werde lauschen, werde bewundern und staunen. Ich werde mich freuen, wenn es Zeit ist mich zu freuen, und trauern, wenn es Zeit ist zu trauern. Beides wird mir helfen, höher und zugleich tiefer zu leben. Aufrechter. Bewusster. Noch und noch. Und ich weiß, ich werde nicht fertig werden. Und das ist genau richtig so.

25 Kommentare zu “Nicht fertig werden

    • Viel ist es nicht, was ich erzählen kann, Ulrike. Du findest die Steine auf der Museumsinsel Hombroich (nahe Grevenbroich in NRW), einem herrlichen Ensemble aus Architektur, Natur und Kunst, das sehr weitgehend auf das Prinzip der „Informationslosigkeit“ setzt und (auch deswegen) jedes Entdeckerherz höher schlagen lässt. Außer begehbaren „Skulpturen“ mit allerlei Kunst darin finden sich zwischen Wiesen, Bäumen und Wasser, manchmal etwas versteckt, weitere Skulpturen wie der Stein mit der Gravur. Er dürfte von dem Beuys-Schüler Anatol Herzfeld stammen, der von 1982 bis zu seinem Tod 2019 auf der Museumsinsel viele große und kleine Skulpturen aus Holz, Eisen und Stein schuf.

      • danke maren, auch von mir, für die informationen zu den steingravuren!
        (die museumsinsel hombroich ist so ein sehnsuchtsort von mir … wer weiß, eines tages vielleicht hab i mehr zeit – und dann!!! 🦋)

      • ohja, also – ich muss möglichst steinalt werden und dabei fit und frisch bleiben, dann kann ich schon einiges noch abarbeiten … 🙂

      • Vielen Dank für diese Auskunft, liebe Maren.
        Auf der Museumsinsel Hombroich war ich sogar schon einmal vor einigen Jahren, denn ich wohne in Solingen, das ist nicht allzu weit davon entfernt. Offensichtlich habe ich damals nicht ALLES wahrgenommen, was es zu entdecken gab. Ein guter Grund noch einmal hinzufahren … 🙂

      • Die Museumsinsel ist bestimmt gut für mehr als einen Besuch. Ich habe mir auch vorgenommen, nochmal dort herumzustreifen, wenn ich in der Nähe bin.

  1. Vielen herzlichen Dank für dieses schöne Gedicht, den wunderbaren Text und die positiven Gedanken zur Einstimmung auf das Wochenende und die nahenden Feiertage! Sich die Fähigkeit zu bewahren, zu staunen, zu lauschen und zu bewundern wird stets die Voraussetzung schaffen, wirklich ein bewusstes, tieferes und höheres Leben zu führen und dieses zu genießen. Herzliche Grüße ins schöne Hamburg!

    • Ich freue mich wirklich sehr, dass die Kraft, die von Rose Ausländers Gedicht ausgeht, offenbar nicht nur mir gerade jetzt so richtig gut tut. Danke für dein feines Feedback und einen herzlichen Gruß zurück!

  2. Hallo Maren,
    ich habe deinen wunderbaren Text auf twitter geteilt. Natürlich im Original. Er kommt auch dort sehr gut an. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. Das teilen war ein reflex von mir, einfach weil er schön ist.
    Nächstesmal frage ich vorher. Kann natürlich auch wieder löschen.
    Glück und Gesundheit (beides gehören momentan ja sehr eng zusammen) wünscht
    Erich

    • Hallo Erich, zunächst mal freue ich mich, dass dir mein Beitrag so gut gefallen hat. Und löschen musst du ihn auf deinem Twitter-Account jetzt auch nicht. In Zukunft setz doch bitte stattdessen einen Link zu meinem Blog. Darüber freue ich mich immer. Aber ich möchte tatsächlich nicht, dass meine Beiträge auf fremden Seiten erscheinen (und habe deshalb auch bei mir ganz oben den Hinweis stehen: No reblogging. Danke.). – Vielen Dank für deine guten Wünsche, die ich von Herzen erwidere.

      • Ich weiß nicht ob ich mich richtig ausgedrückt habe: ich habe das Twitter-Zeichen auf deinem Blog verwendet. Ohne etwas dazuzuschreiben. Also es taucht ein Link auf meiner Zwitter Timelime auf, und jeder der den Artikel lesen möchte, kommt automatisch auf Deinen Blog. Aber das mache ich nicht mehr. Versprochen.

      • Da habe ich deine Worte „natürlich im Original“ wohl missverstanden als Export meines Beitrags. Verlinken ist, wie gesagt, völlig in Ordnung (da bleibt der Beitrag ja, wo er ist) – und natürlich herzlich willkommen. 😉

  3. Liebe Maren,
    ich werde auch nicht fertig werden. Trotzdem jeden Tag immer noch ein bisschen bewusster!
    Danke für diese schönen Zeilen, ich verehre Rose Ausländer sehr, du ja auch. Und dieser Stein spricht schön dazu, nun weiß ich auch, aufgrund der Nachfrage von Ulrike und deiner Antwort wo er liegt.
    Gutes und Lichtvolles wünsche ich dir,
    Ulli

    • Danke, liebe Ulli. Auch dir viel Gutes, Schönes, Lichtvolles! In Hamburg strahlt die Sonne vom Himmel, da mag man gerne glauben, dass die Tage ab morgen wieder länger werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s