Frisch geschlüpft

Hätte sie sich nicht eine so exponierte Stelle ausgesucht, die Libelle wäre unserer Aufmerksamkeit ziemlich sicher entgangen. Vollkommen bewegungslos standen ihre filigranen blassen Flügel in der Luft, die an diesem diesig-feuchten Sonntag im Hamburger Wittmoor ebenfalls den Atem anzuhalten schien. Sie war doch nicht tot? Fasziniert betrachtete ich wohl einige Minuten lang das Szenario am Moorsee. Ich sah – und verstand doch nicht, was ich sah. Selbst als mein Blick auf eine weitere bewegungslose Libelle fiel und ein bräunliches Gebilde darunter, dachte ich nur tumb: Was macht denn die Heuschrecke bei der Libelle? Und wieso ist die Heuschrecke tot?

Erst als ich weitere solcher Libellen-“Heuschrecken“-Paare bemerkte, dämmerte es allmählich: Natürlich! Das waren Larven, die sich gerade zum allerletzten Mal häuteten! Wie ich inzwischen nachgelesen habe, häuten sich Libellenlarven im Laufe ihres Wachstums bis zu siebzehn Mal, die ersten bis zu sechzehn Mal im Wasser. In der Regel dauert das Larvenstadium ein bis zwei Jahre, bei manchen Arten auch deutlich länger. Ganz am Ende geschieht, was ich zuvor noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: Die Larven suchen sich einen Pflanzenstängel oder einen anderen geeigneten Schlupfplatz am Ufer, ihre Haut platzt, die erwachsene Libelle arbeitet sich heraus, entfaltet die Flügel – und hebt ab. Zurück bleibt die Hülle, die nun nicht mehr nötig ist. Zeuge der Jungfernflüge wurden wir leider nicht. Ich vermute, den Libellen steckte die Anstrengung der Metamorphose noch in den zarten Leibern.

34 Kommentare zu “Frisch geschlüpft

  1. Ganz fantastische Aufnahmen könntest du von dem schlüpfen der Libelle machen!!!
    Dankeschön fürs zeigen und auch die interessanten Zeilen dazu!
    Liebe Grüße von Hanne

    • Ich danke dir, liebe Hanne. Leider hatte ich nur das Mobiltelefon zur Hand, aber dafür bin ich mit der Ausbeute auch sehr zufrieden. 🙂
      Liebe Grüße zurück!

    • Danke schön, liebe Susanne! Es ist ein Samsung Galaxy A5, das mich normalerweise eher an den Rand des Wahnsinns treibt, weil es gerne eigenmächtig den Bildausschnitt ändert, auf den ich gerade eben fokussiert habe (und weil ich, auch aus dem gerade genannten Grund, so lange die Luft anhalten muss, um einigermaßen scharfe Fotos zu machen). 😉
      Liebe Grüße nach Berlin!

      • Danke für die Info, Maren. Ich denke, mein Handy ist einfach zu alt für solch‘ gute Fotos. Aber irgendwann steht ein Neues auf der Liste und ich habe mir schon vorgenommen, auf eine gute Kamera zu achten.
        Liebe Grüße aus Berlin von Susanne

  2. Was für tolle Aufnahmen. Filigran. Da passt wirklich kein anderes Wort besser.
    Die letzten Aufnahmen, die ich mit einem Handy von Libellen habe machen wollen, waren, sagen wir mal so, man konnte ahnen, dass es sich wohl um Libellen handeln sollte. Die haben aber auch nicht stillgehalten 🙂
    Deine Streifzüge immer ein Gewinn für uns. Danke dir.
    LG Anna

    • Herzlichen Dank für dein feines Feedback, liebe Anna! Ich weiß im übrigen genau, wovon du sprichst. Meine Handy-Libellen-Fotos fallen normalerweise auch eher unter die Rubrik Such- und Ratebilder aus dem Tierreich. Aber die zarten Geschöpfe sind halt so wunder-wunderschön, dass man es doch immer wieder versucht – und irgendwann sind sie einfach nah und still und man selbst ruhig genug, und es klappt. 😉
      Einen schönen Abend dir!

  3. Was für fantastische Fotos, liebe Maren! Zum einen können wir die wunderbaren Flügel betrachten – mir fällt da auch kein anderes als das bereits geschriebene Wort „filigran“ zu ein. Und zum anderen die Metamorphose – fast live – miterleben. Wie gut, dass du so ein aufmerksames Auge für die Kleinigkeiten rechts und links neben dem Weg hast. So ein richtiges Fotografinnenauge.
    Viele Grüße, Claudia

    • Das stimmt, Gerda, aber einen Teil der Intimität haben sich die bezaubernden Tierchen bewahrt: Tatsächlich haben wir nur Libellen entdeckt, die die schützende Hülle schon verlassen hatten, wenn auch zum Teil erst vor so kurzer Zeit, dass sich ihre Flügel noch nicht entfaltet hatten. Das mindert das Wunder natürlich in keiner Weise. 😉

  4. Liebe Maren,
    seeehhhr schöne Fotos und ebensolche Zeilen, mit denen du die Stimmung so treffend wiedergibt.
    Liebe Grüße Gabi

    • Nicht wahr, liebe Gabi, was war das wieder für eine herrliche Tour! Ich freue mich schon auf unseren nächsten gemeinsamen Ausflug. 🙂 Liebe Grüße zurück!

  5. Ich habe das Libellenschlüpfen erst einmal beobachten können – und stand zuerst genauso „tumb“ davor wie Du. 🙂 Seither halte ich immer Ausschau am Teich, ob ich es nochmal sehe und dann fotografieren könnte – aber bisher habe ich nichts mehr entdeckt…

    • Und mir wird es so gehen wie dir, liebe Anna. Ab jetzt werde auch ich an jedem Teich Ausschau nach schlüpfwilligen Libellen halten und wahrscheinlich seeehr lange keine mehr entdecken… aber dafür vielleicht andere Wunder der Natur… 😉

  6. Du hast einem veritablen Wunder beigewohnt, Maren. Toll!
    Danke für die wundervollen Bilder einer Libellengeburt und für die erläuternden Zeilen.
    Herzlichen Gruss,
    Brigitte

    • Soll ich dir was sagen, Brigitte: W i e groß das Wunder war bzw. ist, ist mir tatsächlich so richtig erst im Nachhinein klar geworden. Wird Zeit, dass das etwas Corona-müde Auge wieder mehr Schliff bekommt! Einen herzlichen Gruß in die Schweiz!

  7. Liebe Maren,
    tolle Bilder und ineressante Informationen. Wow, so viele Häutungen, perfekt von dir dokumentiert.
    Wir wundern uns stets, wie viele Libellen in unserem Garten hin und her fliegen, obwohl wir keinen Teich haben und Süßwasser eh rar in unserer Gegend ist.
    Thanks for sharing (wie sagt man denn das auf Deutsch?)
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Vielen Dank fürs Mitschwingen, lieber Klausbernd. Dass euer Garten auch ohne Teich so anziehend auf Libellen wirkt, ist ja erstaunlich. Er muss sehr paradiesisch sein. 😉 Ich habe mich bisher nie sonderlich für Gartenteiche interessiert, aber nachdem uns ein Spaziergänger im Moor erzählte, dass er am heimischen Teich schon oft diesen faszinierenden Häutungsvorgang beobachtet hat, habe ich sofort überlegt, an wessen Teich ich mich wohl mal auf die Lauer legen könnte. 😉
      Liebe Grüße! (P.S. „Danke fürs Teilen.“)

      • Liebe Maren,
        das stelle ich mir abenteuerlich vor, den Häutungsvorgang hautnah mitzubekommen.
        Ich möchte keinen Teich im Garten, da ich die befürchte, dass er auch Mücken anzieht.
        Mit lieben Grüßen
        Klausbernd 🙂
        huch, und da dachte ich doch, ‚danke fürs Teilen‘ höre sich zu anglizistisch an.

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