zwischen.zeilen

Neulich traf ich S., eine Kollegin aus alten Zeitungszeiten, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Neben Berichten über Gemeinderatssitzungen und andere Ereignisse von lokaler und regionaler Bedeutung verfassten S. und ein paar von uns anderen seinerzeit auch Buchbesprechungen für die regelmäßig erscheinende Literaturseite der Zeitung. S.` Liebe zur Literatur war groß, die Liebe des jungen K. zu S. nicht minder. So lag es irgendwie nahe, dass K. mit einem besonders gewichtigen Buchgeschenk das Herz von S. zu gewinnen trachtete: Zettel’s Traum von Arno Schmidt. S. war gerührt, die etwas prosaischeren Naturen unter uns konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Trumm mit seinen 1300 Seiten im DIN-A3-Format und zehn Kilo Lebendgewicht, eine Reproduktion von Schmidts Schreibmaschinen-Skript mit handschriftlichen Korrekturen und Einfügungen, mit unorthodoxer Zeichensetzung und der Abkehr von allem, was man an Rechtschreibregeln so kannte, versprach nicht gerade überbordendes Lesevergnügen. Selbst der Suhrkamp Verlag räumt auf seiner Website im Grunde ein, „dass Zettel’s Traum ein unlesbares Buch sei. Trotzdem (oder gerade deswegen) wurde es bald ein Kultbuch und verkaufte sich in fünfzig Jahren etwa 25.000 Mal. Wie viele dieser Exemplare tatsächlich gelesen worden sind, weiß freilich niemand.“

Eines der 25.000 Exemplare befindet sich im Besitz von S., die mir jetzt, beinah vier Jahrzehnte später, verriet, dass auch sie über die erste Seite des Schwergewichts nie hinausgekommen sei – nachdem sie Stunden mit K. und Arno Schmidt und einem Haufen Sekundärliteratur auf dem Boden des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers verbracht hatte. Die Liebe zu den vielen Büchern, so erklärte sie, sei einfach zu groß gewesen, um sich ein Jahr oder womöglich noch länger auf nur eines zu beschränken. S. stammt aus einem sogenannten bildungsfernen Elternhaus. Die Literatur hat sie erst verhältnismäßig spät für sich entdeckt. Entliebt hat sie sich nie mehr, übrigens auch nicht von K., aber das ist eine andere Geschichte.

In Büchern kann man Menschen begegnen, die man im wirklichen Leben nie treffen würde. Man kann Geschichten erleben, die so nie passieren würden. Man kann total ausgedachtes Zeug lesen, in dem doch die tiefste Wahrheit steckt. Diese Heimat glaubte ich, anders als S., für mich bereits verloren. Vorbei schien die Gewissheit, dass da eine nie versiegende Quelle ist, die nur darauf wartet, dass ich sie anzapfe, um für eine kleine Weile herauszutreten aus der Begrenztheit der eigenen Erfahrungen und Erlebnisse. Die freigiebig so ziemlich alles zwischen Inspiration und Irritation schenkt, dazu Vergnügen und Trost und noch eine ganze Menge mehr. Jahrzehntelang hatte das funktioniert, mal mehr, mal weniger gut. Natürlich habe ich auch während der Pandemie gelesen. Berge von Zeitungen vor allem. Auch das eine und andere Sachbuch. Aber Romane? Erzählungen? Gedichte? Nicht der Rede wert. Im Wortsinn: es stockte ja nicht nur die Lektüre, auch die eigenen Worte wollten nicht, wie sie sollten. Sie wollen immer noch nicht. Jetzt, mit diesem irrsinnigen Krieg nebenan, weniger denn je.

Immerhin lese ich wieder. Unruhig und unkonzentriert bisweilen, aber zwischendurch spüre ich doch unverkennbar etwas von dem alten Zauber… Man muss den Widrigkeiten der Gegenwart etwas entgegensetzen, hatte ich mir gesagt, als ich an einem der ersten Januartage beschloss, 2022 jede Woche ein literarisches Werk zu lesen. Es hat nicht jede Woche geklappt, nein, aber doch in den meisten. Dazu trug auch der lebhafte Austausch mit S. bei. „Schön, sich in der einhelligen Liebe zur Literatur auch sehr unterhaltsam uneinig sein zu können“, schrieb sie hinterher. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Außer: wie dankbar bin ich, diese Heimat wiedergefunden zu haben!

13 Kommentare zu “zwischen.zeilen

  1. „Tiefste Wahrheit in ausgedachtem Zeug“, o ja, selbst in furchtbar banalem Zeug. Ich habe speziell in den letzten Jahren festgestellt, dass es mir ähnlich geht mit dem Verstummen. Hättest du vielleicht Lust, irgendwas über deine Lektüre zu erzählen? Und wenn es „nur“ eine Liste wäre mit „Daumen hoch“/“Daumen runter“? 🤔
    Abendgrüße und danke! 😏🍵🥗🌼👍

    • Danke, Christiane, auch für deine Anregung, über die Lektüre bzw. das Gelesene zu erzählen. Ich überlege mal, ja? Bin unsicher, ob ich deinen Hinweis auf tiefste Wahrheiten selbst in furchtbar banalem Zeug verstehe. Was ich gemeint hatte, ging in Richtung einer Erkenntnis von Markus Zusak: „Das Schöne an Fiktion ist, dass man eine Lüge erzählen kann, um die Wahrheit zu sagen.“ Herzliche Grüße über den Strom!

  2. Ein berührender Text. Ich sende dir einen Blumenstrauß voller Worte in Blau auf Papier oder zwischen zwei Buchdeckeln – vielleicht kannst du es dir in deiner wiedergefundener Heimat damit noch etwas gemütlich „einrichten“. Viele Grüße Christiane

    • Es mangelt ja nicht an geschriebenen Worten, die berühren, nur eben immer mal wieder am Aufnahmevermögen und an der Fähigkeit, sich vom Geschriebenen berühren zu lassen. Dein Blumenstrauß voller Worte in Blau allerdings ist unbeschadet übergekommen – danke, Christiane!

  3. Liebe Maren, ich freue mich für Dich, dass Du diese wunderbare Heimat wieder für Dich entdeckt hast. Für mich sind und waren Bücher schon immer Zuflucht, Trost und auch die Möglichkeit, an Orte und in Zeiten zu reisen, die ich sonst nie hätte erleben können. Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude bei Deinen nächsten literarischen Entdeckungen und Erkundungen – denn schließlich gibt es auch in der Literatur so viele schöne Orte und interessante Menschen kennenzulernen. Herzliche Grüße! Barbara

    • Danke fürs Mitfreuen, liebe Barbara! Du kannst ermessen, wie es einem Menschen geht, der das Privileg genießt, aus Büchern Kraft zu beziehen, wenn diese Quelle zu versiegen droht. Herzliche Grüße retour!

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